Chancenlos, aber entschlossen: Was den ältesten und den jüngsten Landtagswahlkandidaten eint

Bad Langensalza/Altenburg  Der 86-jährige Kurt Ehegötz tritt für die KPD an, der 18-jährige Adson Walter für Die Partei. Trotz verschiedener Ziele gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen den beiden.

Kurt Ehegötz (links) kandidiert für die KPD. Er sagt: „Ich war schon immer ein Vorkämpfer für unsere Sache“. Adson Walter zieht für Die Partei in den Wahlkampf. „Reguläre Parteien sind out“, sagt der 18-Jährige.

Kurt Ehegötz (links) kandidiert für die KPD. Er sagt: „Ich war schon immer ein Vorkämpfer für unsere Sache“. Adson Walter zieht für Die Partei in den Wahlkampf. „Reguläre Parteien sind out“, sagt der 18-Jährige.

Foto: Marvin Reinhart / Marcus Voigt

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Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine ist 86 Jahre alt, hat als Kind den Krieg erlebt und war überzeugter DDR-Bürger. Der andere ist 18 Jahre jung, hat gerade mit dem Studium begonnen und will auf Konfrontationskurs zum Establishment gehen. Der eine kämpft für die kommunistische Revolution, der andere sieht Politik als Spielfeld für Satire. Kurt Ehegötz ist der älteste Kandidat für die anstehende Landtagswahl, Adson Walter der jüngste. Was sie eint: Beide führen einen aussichtslosen Wahlkampf.

Hausbesuch bei Kurt Ehegötz in Bad Langensalza. Frau Inge öffnet die Tür zur Wohnung in einem Mehrfamilienblock. Seit 63 Jahren sind sie verheiratet. Von einer Kommode schaut eine Marx-Büste ins Wohnzimmer. „Ich war schon immer ein Vorkämpfer für unsere Sache“, sagt Kurt Ehegötz. Auf der Landesliste der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) steht er auf Platz 2. „Wir müssen ja antreten, sonst gibt es uns als Partei nicht mehr“, sagt er. Bei der Landtagswahl vor fünf Jahren kam die KPD auf 0,1 Prozent der Stimmen.

Etwa 150 Kilometer entfernt, in Altenburg, sitzt Adson Walter in einem Café am Marktplatz. Grauer Anzug, knallrote Krawatte, betont süffisanter Auftritt. „Ich hatte einfach Lust, dabei zu sein“, sagt er. Platz 5 auf der Landesliste der Satirepartei Die Partei habe er bekommen, „weil ich mich schnell genug gemeldet habe“, sagt der Soziologiestudent. Nur 0,6 Prozent der Stimmen bekam Die Partei bei der Landtagswahl 2014.

Zwischen Wendefrust und Parteienverdruss

Dass sie in den Landtag kommen: Daran glauben die beiden ungleichen Kandidaten nicht. „Der Wähler erwartet nichts von uns, also können wir ihn auch nicht enttäuschen“, sagt Adson Walter. Aber so könne er für mehr Basisdemokratie und „alles, was der normale Menschenverstand gebietet“, werben. Denn das ließe sich in konventionellen Parteien kaum umsetzen. Stattdessen könne Politik mit Satire – wie es seine Partei praktiziere – für die Bürger verständlicher werden. „Reguläre Parteien sind out“, sagt der 18-Jährige.

KPD-Kandidat Kurt Ehegötz hingegen will am System rütteln. „Das Volk ist unzufrieden. Auf dem Land gibt es keinen Fleischer, keinen Bäcker und keinen Arzt mehr. Die Arbeiterklasse ist derzeit erfolgreich manipuliert und hält still oder läuft den Falschen hinterher“, sagt Ehegötz. In der DDR war er in der SED-Kreisleitung, mit der Wende kam der Bruch. Als Maler von Heimatbildern fand der Rentner eine zweite Berufung.

„Es tut weh, dass alle Erfolge der DDR nach 1990 vernichtet wurden“, sagt der 86-Jährige. Die DDR sei ein gutes Land, „ein Friedensstaat“, gewesen, wenngleich es Fehler gegeben habe. „Jeder Mauertote war einer zuviel“, so Ehegötz. Dennoch kämpft er dafür, dass es wieder wird wie früher, ein bisschen jedenfalls. Bis 2009 war er Mitglied in der PDS und der Linken. „Dann wurde mir zu verstehen gegeben, dass ich die Partei verlassen soll, weil ich SED-Mief verbreite“, sagt Ehegötz. In der KPD fand er seine neue politische Heimat, schreibt Artikel für die Parteizeitung „Rote Fahne“.

Zurück in Altenburg, im Café am Markt. „Das ist unser bestes Plakatierungsergebnis seit Ende des zweiten Weltkriegs“, sagt Adson Walter. Die Partei, 2004 gegründet, fällt im Wahlkampf mit provokanten Plakaten auf. Der Slogan „Mohring will mit Höcke bumsen“ brachte den Satirepolitikern Ärger mit mehreren Ordnungsämtern ein. In Erfurt gab es sogar einen Rechtsstreit um die Plakate.

Keine Angst vor dem Mandat

„Konfrontation macht Spaß“, sagt Adson Walter. Gerade deswegen ziehe Die Partei junge, politisch interessierte Menschen wie ihn an. Vor zwei Jahren gründete er den Kreisverband in Altenburg mit. „Der Großteil meiner Mitschüler hat sich da noch gar nicht für Politik interessiert. Die waren da alle noch in der Pubertät.“ Dann lacht er und sagt: „Ich denke aber, ich bin aus der Hauptphase raus.“

Ist er in seinem Alter bereit für ein Landtagsmandat? „Ich könnte mich ausprobieren, zudem wären da ja auch andere, die mich unterstützen“, sagt Adson Walter. In der Jugendpolitik könne er andere Impulse setzen als ältere Parlamentarier. Ob er im Plenum ernst genommen würde, „wäre mir egal“, so der Student. „Entweder die nehmen mich ernst, oder ich mache meinen Job“, sagt er.

Mehr Stimmen als zuvor sind das Ziel

„Reg dich nicht so auf“, sagt Inge Ehegötz in Bad Langensalza, als ihr Mann wieder zu einem Plädoyer für den Kommunismus ansetzt. Sie sorgt sich um seine Gesundheit. Ist es nicht besser, mit 86 Jahren den Lebensabend zu genießen, anstatt auf der Straße, im Supermarkt oder bei Bekannten von früher um Stimmen zu werben? „Ach, ich bin schon ein bisschen stolz darauf, der älteste Kandidat zu sein“, sagt Kurt Ehegötz.

Und natürlich werde er am Tag nach der Wahl schauen, ob die KPD mehr Stimmen als vor fünf Jahren bekommt. Damals waren es im Wahlkreis Unstrut-Hainich-Kreis II, zu dem Bad Langensalza gehört, 41 Stimmen.

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