Erfurter Ortsbürgermeister vorgestellt: Michael Heß

Waltersleben  Ortsteilbürgermeister vorgestellt: Michael Heß wurde in Waltersleben gewählt. Für ihn zählt die Gemeinschaft im Dorf.

Das Schild, das auf das Büro des Ortsteilbürgermeisters hinweist, ist von Ranken schon fast zugewuchert. Macht aber nichts: Michael Heß kennt ohnehin jeder im Ort. Da braucht es auch fast die monatlichen Sprechstunden nicht. Foto: Frank Karmeyer

Foto: Frank Karmeyer

In Waltersleben sind die Menschen ganz offenbar praktisch veranlagt: Die Kirche im Ort, lange Zeit dem Verfall preisgegeben, wurde vor einigen Jahren mit Hilfe vieler Spender und Helfer gründlich saniert und beherbergt heute neben einem kleinen und eingesegneten Altarraum einen Raum, der für Familienfeiern und ganz irdische Feste gebucht werden kann. Dort fällt erst auf den zweiten Blick auf, dass die Pfeifen der über allem thronenden Orgel nur aufgemalt sind. Zu viele waren abhanden gekommen, als die Kirche noch eine Ruine war, wovon Bilder an den Wänden zeugen.

Viele Funktionen in einer Person gebündelt

Zur Kommunalwahl haben die Walterslebener dieses Jahr wieder ähnlich praktisch gehandelt: 184 Stimmen der insgesamt 239 abgegebenen entfielen auf Michael Heß, der stolzer Walterslebener, Erzieher, Discjockey, Feuerwehrmann, Familienvater und Ortsvereinsmitglied in einer Person ist. Zudem hat der 29-Jährige Ortsteilratserfahrung und ist der Wunschkandidat von Karola Kausch gewesen. Kausch hatte in den Nachwendejahre die Geschicke des Ortes als Ortsteilbürgermeisterin geleitet und ist dieses Jahr beruflich wie in diesem Ehrenamt in den Ruhestand gewechselt.

Nicht nur der Kirchenraum hat dieses Jahr einen neuen weißen Anstrich bekommen: Neben dem Ortsteilbürgermeister ist auch der gewählte Ortsteilrat komplett neu besetzt.

Vor fünf Jahren, so erinnert sich Michael Heß, habe Karola Kausch ihn gefragt, ob er nicht zu seinen gesamten Ehrenämtern im Ort auch noch im Ortsteilrat mitwirken mag. „Anfang des Jahres, als sie angekündigt hat, nicht erneut fürs Ortsteilbürgermeisteramt anzutreten, habe ich dann ihren Plan durchschaut“, sagt Heß schmunzelnd. Als ihm klar wurde, dass sie ihn von langer Hand auf ihre Nachfolge vorbereitet hatte, sei er erstmal baff gewesen. „Ich kann mir ein Waltersleben ohne Karola nach wie vor nicht vorstellen“, sagt der 29-Jährige. Schon bei der zur Wahl notwendigen Unterschriftensammlung hätten sich die Walterslebener überaus wohlgesonnen gezeigt, ihn im Vorhaben bestärkt. Ganz ohne Plakatwerbung und ohne Gegenkandidat wurde er schließlich ins Amt gewählt.

Heß, der Traditionen schätzt, erinnert sich: Schon sein Urgroßvater sei Bürgermeister gewesen, damals hätten sogar Trauungen in seinem späteren Elternhaus stattgefunden. Nun ist er selbst ehrenamtlicher Ortsteilbürgermeister, weiß dabei Karola Kausch mit Rat und Tat an seiner Seite.

Seine Lebensgefährtin mache sich schon lustig über ihn: Länger als zehn Tage halte er es im Urlaub nicht aus, wenn er den Walterslebener Kirchturm nicht sehe. So waren arbeitsbedingte Aufenthalte in Mühlhausen und Eisenach jeweils nur ein Intermezzo: „Ich lebe gern in Waltersleben, kann mir etwas anderes nicht vorstellen“, sagt er. Von hier aus ist er schnell in Ichtershausen, wo er als Erzieher in einem Kinderheim geflüchtete Minderjährige betreut.

Dabei schwört er auf die Gemeinschaft im Ort, auf das gute Miteinander unter den etwa 480 Einwohnern: „Der Ort ist Heimat“, sagt Michael Heß, der parteilos ist und auch künftig die Interessen der Ortsbewohner ohne Parteibuch vertreten will.

Ein Programm hat er dabei nicht, nur ein paar Wünsche: Dazu zählt, dass Waltersleben den dörflichen Charakter behält. Lebensmittelmarkt, Fleischer, Bäcker, Kneipe – all das fehle in Waltersleben. Aussicht darauf, dass sich hier jemand damit ansiedeln werde, bestehe sicher kaum, gibt sich Heß keinen Illusionen hin.

Dafür sieht Heß die Verkehrslage als ideal an: Um in wenigen Minuten in Erfurt oder Arnstadt oder an jedem anderen Punkt Thüringens zu sein. Leerstand gibt es in Waltersleben nicht.

Das Möbelhaus Höffner – Erweiterungs- und Sanierungspläne seien immer mal wieder auf dem Tisch – gehört zu Waltersleben dazu. So wie der Büropark, der den Bewohnern des Ortes aktuell allerdings wohl in der Mehrzahl Sorgen bereitet, wie Heß sagt: Einige der zwölf Einzelgebäude stehen leer, einzelne Bereiche haben laut Heß noch nie einen Nutzer gehabt.

Neuer Investor mit neuem Plan für den Büropark

Nun gebe es einen neuen Investor und dessen Plan, eine Reihe von Einfamilienhäusern zu bauen und einen Teil der Büro-Gebäude zu Wohnhäusern umzufunktionieren. Letzteres ist der Streitpunkt: Die Gemeinde fürchte, dass sich so die Einwohnerzahl des Ortes fast verdoppelt – mit dem Zuzug von einkommensschwachen und/oder geflüchteten Familien in die geplanten Sozialwohnungen, ohne ein Angebot zur sinnvollen Betätigung im Ort.

Am Donnerstag, 27. Juni, um 18 Uhr will der Investor das Vorhaben im Ort den Einwohnern vorstellen, eingeladen wird dazu in den frisch geweißten Kirchenraum.

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