Erinnern an Novemberpogrome - Berührende Aktion "Weimar klingt"

Es ist fünf Minuten nach Fünf, als am frühen Samstagabend rund 60 Menschen aus dem hell erleuchteten Theater in die Dunkelheit treten. Sie stellen sich hinter, neben, vor Goethe und Schiller auf den Theaterplatz und blicken wie diese zum Bauhaus-Museum.

Passanten bewegten sich Samstagabend zwischen rund 60 Mitarbeitern des Theaters hindurch. Diese hatten sich zur einstündigen Klanginstallation versammelt, die zum Gedenken an die Pogrom-Nacht 1938 entstand. Foto: Maik Schuck

Passanten bewegten sich Samstagabend zwischen rund 60 Mitarbeitern des Theaters hindurch. Diese hatten sich zur einstündigen Klanginstallation versammelt, die zum Gedenken an die Pogrom-Nacht 1938 entstand. Foto: Maik Schuck

Foto: zgt

Weimar. In Händen halten sie smarte Mobiltelefone oder mp3-Geräte mit Boxen. Es beginnt zu klirren und zu scheppern aus den Geräten: Glas bricht. Später knistert es, es züngelt und zündet brenzlich. Man hört Feuer brennen. Dazwischen, darüber, eine Stunde lang: Stimmen, die Namen, Berufe und Adressen sprechen.

Mitarbeiter des Nationaltheaters, darunter einige Schauspieler, haben sich zur lebendigen Klanginstallation versammelt. Man muss zwischen ihnen entlanggehen, muss an sie herantreten, um Klänge und Geräusche zu vernehmen. Einige Menschen tun das, beugen sich zu den Abspielgeräten, lauschen.

Es ist dies der zugleich stumme und geräuschvolle Auftakt von Klangkünstlerin Kirsten Reese und DNT-Regisseur Enrico Stolzenburg für einen besonderen Abend in Weimar, der an die Novemberpogrome gegen Juden 75 Jahre zuvor erinnert.

Die "Kristallnacht", in der mehr zerbrach als Glas, wird zur Installation. Dabei bewegt man sich auf schmalem Grat zwischen Kunst, die politisch wird, und einem politisch motivierten Verbrechen, das zur Kunst wird. Doch man kippt nicht.

Es kommt aber etwas hinzu, das man nicht hätte installieren oder inszenieren können: Während dieser Stunde wird es auf dem Theaterplatz nicht still, kaum einer der Passanten verstummt. Es gibt Gespräche, Handytelefonate, Besorgungen, Geschäftigkeit auf dem Platz. Das Leben geht einfach weiter.

Eine Stunde, nachdem sich die Klanginstallation aufgelöst hat, beginnt es an zehn Orten in der Stadt zu klingeln: An den dort insgesamt 18 Stolpersteinen, die an Weimarer NS-Opfer erinnern, versammeln sich Menschen mit Glöckchen.

Eine Viertelstunde später öffnen sich zumindest punktuell Fenster in der Stadt: Musik jüdischer Komponisten dringt auf die Straßen. Dort unten läuft auch Alan Bern entlang und ist beglückt. Seine Aktion "Weimar klingt" funktioniert. Keine Massenbewegung, nichts Ohrenbetäubendes. Ein bisschen Musik.

Dann läuten die Glocken laut, die der Kirchen, des Stadtschlosses, des Rathauses, während sich die Menschen mit ihren Glöckchen zum Reithaus bimmeln.

Dieses ist schließlich um Acht zum Bersten voll. "Gerade in diesen Tagen, in denen die Nazis wieder auf die Straße gehen", sei diese Gedenkwoche "Fall-Orte" in Weimar ein wichtiges Zeichen der Menschlichkeit gewesen, sagt dort OB Stefan Wolf. Das "Nie wieder" betont Juri Goldstein von der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in seiner Rede. Dann das Finale.

Unter Leitung von Alan Bern bietet ein zweistündiges Programm Musik und Texte zur Erinnerung an jüdisches Leben und Leiden. Eingebunden sind Weimarer Schulen mit den Ergebnissen ihrer Projektwochen.

Ergreifend der Gesang von Miléna Kartowski (Paris) unter anderem in dem jiddischen Lied "Mach die Äugelein zu". Der Handglockenchor Gotha begeistert. Matthias Wollong lässt die Geige seufzen.

Pfarrer Hardy Rylke glaubte, die "Fall-Orte" würden diesmal dem traditionellen Schweigemarsch vom Marstall auf den Jüdischen Friedhof an der Leibnizallee Menschen abziehen. Es kamen aber mehr als früher.

"Keinen Schlussstrich unter eine Sache zu ziehen, die keinen Schlussstrich haben kann", lautet Rylkes Losung auf dem Friedhof. Und er bekennt: "wie kirchlicher Antisemitismus in allen Zeiten Teil der Diskriminierung und Verfolgung von Menschen jüdischen Glaubens war."

Rylke zelebriert mit Pastorin Esther-Maria Wedler das Gedenken, das Antworten auf die Frage versucht: Was können wir in Erinnerung an das Novemberpogrom heute tun? "Schuld konkret beim Namen zu nennen" gehört dazu. Aber auch: "achtsam mit Geschichte umzugehen, aufmerksam zu machen und zu widersprechen."

Etwa 80 Menschen gedachten in Heiligenstadt der Pogromnacht

Das geistliche Wort: Freude und Schuld

Eisenach: Demokratieprojekt '80 von 1000' startet am Samstag