Leserdiskussion: Das Ende der DDR und seine Folgen

In diesem Jahr jährt sich zum 30. Mal die Deutsche Einheit. So haben unsere Leser die Wende und die Zeit danach empfunden.

Ankunft von DDR-Bürgern im Trabant am 10.11.1989 am Grenzübergang Helmstedt. Die Tage nach dem Mauerfall vor 30 Jahren waren geprägt von Freude, Hilfsbereitschaft - und streckenweise auch von Chaos.

Ankunft von DDR-Bürgern im Trabant am 10.11.1989 am Grenzübergang Helmstedt. Die Tage nach dem Mauerfall vor 30 Jahren waren geprägt von Freude, Hilfsbereitschaft - und streckenweise auch von Chaos.

Foto: Holger Hollemann / dpa

30 Jahre Deutsche Einheit - hier online Leserzuschrift einreichen

Erinnerungen an das „Parlament der Einheit“ auf der Wartburg:

Immer, wenn vom 3. Oktober die Rede ist, kommen bei mir aus gleich mehreren Gründen besondere Erinnerungen hoch. Noch weit bevor nämlich der Termin der „Anpassung“ genannt wird, wo aus dem „Osten“ plötzlich „Westen“ wurde, führte ich meine leider schon im Juli vergangenen Jahres verstorbene Ehefrau am gleichen Tag, aber bereits im Jahr 1975 zum Traualtar. Wieder am gleichen Tag, diesmal aber im Jahr 2014, ist mir die Ehre erteilt worden, als Teilnehmer und erster Redner auf der historischen Wartburg in Eisenach im „Parlament der Einheit“ aufzuzeigen, welche Spuren 25 Jahre der friedlichen Zusammenführung von den „Brüdern“ und „Schwestern“ hinterlassen haben. Schnell wurde bei dieser bisher erstmals gemeinsamen Zusammenkunft erkannt, dass diese noch sehr tief waren.

Die damaligen Chefredakteure des Hamburger Abendblattes sowie der TA luden nämlich politisch interessierte Zeitungsleser aus beiden Regionen dorthin ein, die in einer Diskussion wie im richtigen Bundestag feststellten, dass zwischen den beiden ehemaligen Nachbarländern wenigstens die gleiche Sprache gesprochen wird, aber es noch genügend unterschiedliche Meinungen und Ansichten gibt. Zu krass waren die gefühlten Unterschiede bei der häufig plötzlich eingetretenen kollektiven Arbeitslosigkeit, bestimmten Einflüssen, Anerkennungen, Rentenhöhen, im Sozialwesen …

Hans-Ullrich Klemm, Eisenach


Unsere Gesellschaft ist heute sozial gespaltener denn je:

Herbst 1989. Jeden Montag fuhr ich, der zu notwendig gewesenem Widerstand lange nicht den „Arsch in der Hose“ hatte, nach Leipzig auf den Ring. Bewegende Wochen, bis hin zum Mauereinriss. Am Vorabend des Einheitstages 1990 saß ich mit Freunden dann heulend in der Gothaer Augustinerkirche. Wir wussten: Da war mehr am Kaputtgehen, als wir gewollt hatten. Die große Hoffnung, es könnte mit dem Verfassungsentwurf des Runden Tisches ein wirklich neues Deutschland geben, sie war kurz und trügerisch. Die alten politischen Machteliten des Ostens waren weg, die neuen ökonomischen des Westens mit ihren Marktgesetzen übernahmen, während viele der klein bleibenden Leute sich um die Würdigung ihrer Lebensleistung betrogen sahen.

Heute empfinde ich trotz materiellem Wohlstand für viele die Gesellschaft sozial gespaltener und die Zukunft ökologisch bedrohter denn je. Mit ihren „Wir-sind-das-Volk“-Rufen, die damals Mutigen verhöhnend, vernebeln rassistisch-populistische Rattenfänger vereint mit selbst ernannten Masken-Freiheits-Kämpfern, während das Mittelmeer zum Massengrab und skandalösen Zeugnis zivilisatorischen und politischen Werteverfalls wird, den Blick auf das Nötige. Nämlich nicht nur zurück, sondern vor allem nach vorn! Eine friedlich-entschlossene, kapitalismuskritisch sozialökologische Bewegung muss her! Denn: Die menschliche Existenz steht auf dem Spiel, falls uns das nicht klar geworden ist! Es ist genau Halbzeit zwischen dem 1990 vereinigten und dem hoffentlich und notwendigen klimaneutralen Deutschland 2050.

Die jungen, nicht nur für das äußere Klima engagierten Menschen von heute sind meine ganze Hoffnung. Doch wir sind alle gefragt, brauchen den Austausch untereinander über Grenzen, Herkunft und Generationen hinweg. Das solidarische Zusammenstehen und Gemeinsam-aktiv-werden – das ist die Einheit, um die es jetzt geht. Die TA hat dankenswerterweise einen wichtigen Stein dafür ins Rollen gebracht. Nun liegt es an uns, dass der nicht irgendwo liegen bleibt.

Matthias Altmann, Weimar


Entscheidend ist der Umgang mit den Menschen:

Meine DDR-Karriere begann mit einem Stalin-Bild im Dorfkindergarten. Mit dem Ende wurde ich bereits im ersten DDR-Jahrzehnt konfrontiert. Damals erklärte uns unsere Lehrerin, wie es im Kommunismus schön sein wird: Jedem stehen zwei „Blaumänner“ zu, einer am Leib, und einer ist in der zentralen Wäsche. Vorbild sei China. Weitere 20 Jahre später bekam ich Nachhilfeunterricht in Geschichte: „Jedes System hat nach 40 Jahren abgewirtschaftet, das war schon bei Saul so und bei David (Altes Testament). Nun ja, das Tausendjährige Reich hat es schneller geschafft.“ Und – punktgenau, ich bin immer noch baff - rumorte und bröckelte es 1989 in der DDR und mit ihr in Europa.

Abgewirtschaftet oder nicht ist zweitrangig, entscheidender ist, was das System mit den Menschen gemacht hat. Freiheit ist eine wichtige Größe, Toleranz eine weitere. Die Folgen für mich: Erstens bin ich ungefragt ein Parteimitglied geworden. Zweitens konnte ich mir zur Zeit der „blühenden Landschaften“ eine halbe Wohnung kaufen. Und drittens bin ich nicht in den Genuss von Rente mit 60 Jahren gekommen, richtiger: Ich habe enorme Abzüge. Als Krankenschwester hätte ich mir bei Renteneintritt nicht vorstellen können, dass es in ein paar Jahren Engpässe bei Medikamenten geben könnte, und heute, dass der Krebs in der Welt zunimmt, dass heute weltweit um die Wette an einem Medikament „gebastelt“ wird, dass es im Gegenzug Verbote gibt, Heilkräuter – als Tee! – verwenden zu dürfen.

Im System „Marktwirtschaft“ zähle ich erneut 30 Jahre und frage mich: Schaffen wir die 40? Oder tritt dieses System – mit oder trotz Digitalisierung, Wind- und Lasträdern, E-Autos und -Rollern, EU-Fleischhackern und -Erdbeerpflückern, diversen Demos – bereits früher ab? In wenigen Tagen beginnt das vierte Viertel von 40 Jahren. Für mich ist entscheidend: Wie geht das System mit seinen Menschen um?

Maria Dreiling, Erfurt

30 Jahre Deutsche Einheit – Rückblick und Ausblick:

Um das Jubiläum „30 Jahre Deutsche Einheit“ fair einordnen zu können, bedarf es einer sachlichen Betrachtung des Zeitabschnitts 1945 bis 1990.

1945: Kapitulation Deutschlands – Aufteilung des Territoriums durch die Siegermächte in vier Besatzungszonen – Angliederung des Territoriums östlich von Oder und Neiße an Polen mit der Folge von Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Westliche Besatzungszonen eingebunden in die Nato, sowjetische Besatzungszone eingebunden in den Warschauer Pakt.

Die Grenze zwischen BRD und DDR war gleichzeitig der Eiserne Vorhang zwischen den Weltmächten und Symbol für den Kalten Krieg auf deutschem Boden.

1990: Einheit Deutschlands unter dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD.

Der 3. Oktober 1990 war der Beginn eines Einigungsprozesses mit emotionalen Begleiterscheinungen – positiven wie negativen. Verdienste und Schuld gegeneinander aufzurechnen, kann nur zu Mauern in den Köpfen führen und verstellt den Blick für unsere Verantwortung in einer globalisierten Welt.

Was hat die Zivilcourage der DDR-Bürger vor 30 Jahren auch bewirken können? Die ehemaligen vier Besatzungszonen sind heute ein Staat mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Der Eiserne Vorhang ist heute das Grüne Band“. Die Europäische Union hat politisch und wirtschaftlich an Bedeutung gewonnen.

Gisela Fulle, Mühlhausen

Die Menschen wollten nicht die Wende, sondern ein besseres Leben:

Ein großer Teil der Thüringer hat seit 30 Jahren ein Gefühl der Freiheit. Es steht außer Frage das die mutigen Bürger, die sich an den Montagsdemonstrationen beteiligt und letztendlich die Friedliche Revolution bewirkt haben, für immer Respekt verdienen.

Sie wollten nicht die Wende, sie wollten ein besseres Leben, ohne Bevormundung und Repressalien in Ihrem Alltag. Die Bürger wollten nicht mehr weiter sozialisiert und bespitzelt werden. Sie wollten ihr Leben frei und selbstbestimmt gestalten. Dass wirtschaftliche und menschliche Brüche diesen Neuanfang in Freiheit begleitet haben, steht außer Frage und war für viele Alltag. Das bleibt auch in Erinnerung, aber es hat auch viele nicht mutlos gemacht. Das verdient Respekt und Anerkennung.

Was war die Alternative? Die DDR und ihre Politiker hatten abgewirtschaftet. Das haben immer mehr DDR-Bürger begriffen. Dieser Unrechtsstaat hat sich selbst abgeschafft. In der Andreasstraße in Erfurt wird und bleibt Geschichte erlebbar, und Zeitzeugen mit und ohne Stasi-Akte werden noch lange Zeit über dieses Unrecht und persönliche Leid berichten.

Dass jetzt ein linker Ministerpräsident für sich und seine Partei in Nachfolge der SED für sich in Anspruch nimmt, ein Fürsprecher für die Bürger zu sein, die die innere Einheit unseres Landes nicht abgeschlossen sehen, und die Lebensleistung der Thüringer in Frage gestellt sieht, ist mehr als populistisch und politisch unanständig. Das führt nicht zu einem Zusammenhalt, es fördert die Spaltung unserer Gesellschaft.

Den gleichmachenden Sozialismus will doch keiner mehr. Nicht die Bürger, den ihn erlebt haben, und auch nicht die jungen Menschen, die das nicht erleben mussten. Wer in unserem schönen Land Thüringen unterwegs ist, sieht blühende Landschaften und fröhliche und optimistische Menschen, die hier zuhause sind, und gerne hier leben. Wir sind ein Volk, und hoffentlich weiter in Frieden und Freiheit.

Friedrich Kraemer, Weimar

Die DDR, wie ich sie kannte, gehörte zu meinem Leben:

Ich fühle mich nicht als Bürger zweiter Klasse, ich werde höchstens von anderen so behandelt. Die DDR, wie ich sie kannte, gehörte zu meinem Leben, welches ich nicht mehr ändern kann und auch nicht missen möchte. Eine Aufarbeitung 30 Jahre nachher von Menschen, die sich nur auf das Schlechte einschießen, brauche ich nicht. Natürlich war die DDR am Ende, und ich bin auch froh, dass ich nach der Wende einigermaßen gut zurechtkam.

Trotzdem sollten wir auch realistisch die Nachwendezeit betrachte, in der angebliche Investoren Milliardengewinne durch dubiose Geschäftsübernamen, Scheinfirmen o.Ä. machten. Die Naivität und Gutgläubigkeit der DDR-Bürger nutzten manche schamlos aus, setzten Firmen in den Sand ohne Rücksicht auf die Menschen und sind dafür nie zur Verantwortung gezogen worden.

Übrigens mache ich mir eher Gedanken über Ungerechtigkeiten heute, das Herauszögern von zustehenden Leistungen oder die noch immer bestehenden Unterschiede bei Löhnen, Renten und der Anerkennung gebrachter Arbeit und gelerntem Wissen in Ost und West. Nicht die kleinen Leute, die irgendetwas Positives aus der Vergangenheit mit heute vergleichen, sind die Ewiggestrigen, sondern die, die sich in der Vergangenheit mit ihrer Kritik festbeißen, ohne den Blick auch auf die Gegenwart zu richten.

Thomas Rund, Gotha

Das Ende der DDR hatte wirtschaftliche Ursachen:

Im Gegensatz zur Ansicht der meisten Ostdeutschen schließe ich mich da weitestgehend der Mehrheitsmeinung der Westdeutschen an, dass die Einheit als Folge der wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten der DDR-Wirtschaft zu betrachten sei. Warum ist es denn so gekommen, wie es gekommen ist? Doch nicht, weil plötzlich den Ostdeutschen Wiedervereinigung als Ziel einfiel. Hier darf man Wirkung und Ursache nicht verwechseln.

Ursache großer Veränderungen früher und heute war stets die Ökonomie. Etwa ein Jahr vor der Wende hatte ich offen unter Genossen gesagt, dass ein Nachfolger Honeckers unpopuläre Entscheidungen treffen muss und es irgendwann eine Vereinigung geben wird, aber dabei die gesellschaftlichen Grundlagen offen gelassen. Es hatte mir dumme Blicke eingebracht. Bei Zukunftsvoraussagen wird oft der Fehler gemacht, nur in wenigen Generationen zu denken. Mit einer Ökonomie, die mit dieser gut ausgebildeten und motivierten Bevölkerung möglich gewesen wäre, hätte es keinen Grund für einen 13. August 1961 gegeben, keinen Mielke, keine nennenswerten Versorgungsengpässe, keine Reisebeschränkungen…

Bekommen hätten wir aber auch 50 Jahre früher das, was wir eben nicht wollten: Drogen, Kriminalität, Ellenbogengesellschaft, Armut und unermesslicher Reichtum, Vergeudung von Ressourcen durch Überproduktion, Arbeitslosigkeit weit über den üblichen Anteil Arbeitsunwilliger hinaus. Es war ein Erkenntnisprozess nicht nur bei mir, dass diese Wirtschaftspolitik über kurz oder lang im Kapitalismus mit all seinen negativen Seiten geendet hätte. Ein dritter Weg wäre von kurzer Dauer gewesen und hätte nur bei umfänglicher staatlicher Regulierung eine Weile funktioniert. Die genetisch über Jahrtausende eingeprägten Verhaltensweisen des Menschen führen zu immer höherem Reichtumsstreben bis hin zur Gier.

Frank Leschke, Erfurt

Im Herbst 1989 alle Ängste beiseitegeschoben:

Als ostdeutsche Christin und unangepasste Staatsbürgerin habe ich bereits als Schülerin und später im Beruf deutliche Benachteiligungen durch den Unrechtsstaat DDR erfahren müssen. Die Zeit der Wende ist für mich auch heute noch eine aufregende positive Zeit, an die ich mit Freude und Stolz zurück denke. Immer in der festen Hoffnung, dass uns die Friedliche Revolution gelingen wird, habe ich damals alle Ängste bei Seite geschoben.

Mit der Einheit bekam ich an meiner Arbeitsstelle, an der ich bereits seit mehr als 20 Jahren tätig war, neue anspruchsvolle Aufgaben, die mich bis zum Renteneintritt erfüllt haben. Gleichzeitig konnte ich meine Geburtsstadt und viele Verwandte in Österreich besuchen, was mir die DDR Jahrzehnte lang verwehrt hat. Auf vielen Reisen habe ich neben schönen neuen Eindrücken auch viel Armut, Leid und Ungerechtigkeit gesehen und erkannt, wie gut es mir geht und wie dankbar ich sein kann, im Sozialstaat Bundesrepublik Deutschland zu leben. Als Kriegskind, das die zerstörte Stadt Dresden noch in böser Erinnerung hat, freue ich mich seit 75 Jahren in einem Land ohne Krieg leben zu dürfen.

Über kirchliche Verbindungen habe ich vor und nach der Wende verschiedene Westdeutsche kennen gelernt, mit denen sich freundschaftliche Verbindungen ergeben haben. Die Phrasen vom Besserwessi und Jammerossi sind mir absolut zuwider. Ich weiß, dass ich viel Glück gehabt habe und ein Wendegewinner bin, was leider nicht jeder Ostdeutsche von sich sagen kann. Daher bin ich Gott dankbar, dass ich die Einheit Deutschlands noch erleben durfte. Ein Freund sagte uns einmal: So, wie die DDR mit den Häusern umgeht, so behandelt sie auch ihre Menschen.

Gerda Holub, Erfurt

Funktionäre wussten, dass es zu Ende geht:

Dem Leserbrief von Harald Neubacher aus Erfurt vom 9. September stimme ich in vollem Umgang zu. Der wirtschaftliche Untergang der DDR war unausweichlich. Das einzige, was mich anfangs etwas erstaunt hat, war die militärische Zurückhaltung. Die Funktionäre wussten, dass es zu Ende geht und haben sich bewusst zurückgehalten, um sich später lukrative Posten und Vorteile zu verschaffen.

Wolfgang Barz, Kölleda

Die Wende war das Beste, was mir passieren konnte:

Da meine Eltern Angestellte der evangelischen Kirche waren, wurde ich in der Schule von den meisten Lehrern, aber auch von manchen Schülern gemobbt, ausgegrenzt und systematisch diskriminiert. Das war meine Wirklichkeit in der DDR. In diesem Land hätte ich keine Kinder bekommen wollen, damit sie nicht dasselbe erleben müssen wie ich. Ich hätte aber auch nicht meine Familie verlassen wollen. Das war keine Option für mich. In den letzten 30 Jahren ist es mir sehr gut ergangen. Ich habe eine weitere Berufsausbildung gemacht, zwei Kinder bekommen, wir konnten jedes Jahr in den Urlaub und sogar in das Land meiner Träume, – Schweden – fahren. Ich genieße die Freiheit, besonders die Meinungsfreiheit, das Recht auf freie Wahlen und nicht zuletzt schätze ich das Demonstrationsrecht.

Manchmal habe ich Flashbacks. Besonders Lieder und Musik, die ich mit der Zeit in der DDR verbinde, triggern mich und lösen die Gefühle aus, die ich in der Zeit der Diskriminierung hatte. Die Friedliche Revolution war ein Glücksfall. Das sieht man, wenn man auf andere Länder schaut. Der Grat zwischen friedlichem Protest und gewaltsamen Auseinandersetzungen ist sehr schmal. Und wenn ich die Lage in Belarus anschaue, wünsche ich den Menschen dort Glück, Mut Ausdauer und Erfolg.

Dorothea Wehling; Erfurt

Die DDR war zum Scheitern verurteilt:

Aus heutiger Sicht sehe ich es auch so, dass die DDR zum Scheitern verurteilt war. Sie hat über ihre ökonomischen Verhältnisse gelebt. Um die Bevölkerung quasi bei Laune zu halten, wurden viele Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensverhältnisse beschlossen. So gab es bei einer Heirat 8000 Mark Kredit, für jedes Kind wurden 1000 Mark davon Kredit erlassen. Brot und Brötchen wurden vom Staat subventioniert wie auch die Miete. Aber man muss auch bedenken, unter welchen schlechten Bedingungen die DDR nach dem Krieg zu kämpfen hatte. Im Westen hat Amerika unsagbar viel in die Wirtschaft gepumpt. So entstand ein ungleiches Verhältnis zwischen Ost und West. Wir wollen aber auch nicht vergessen, dass trotz der anfänglichen Schwierigkeiten große Kombinate entstanden, die durchaus in der Weltwirtschaft mitreden konnten. Ich erinnere hier an „Solidor“ in Heiligenstadt, die Strumpfwarenfabrik oder Carl Zeiss Jena. Das sind nur drei Betriebe aus Thüringen, die ins westliche Ausland exportiert haben. Es hat am Ende aber nicht gereicht, da die DDR wirtschaftlich am Ende war.

Meine ganz privaten Erlebnisse waren nur positiv. Wir konnten zwar nicht in die ganze Welt reisen, aber das können wir heute auch nicht, wenn das Geld fehlt. Unsere Kinder wuchsen ohne Drogen auf. Sie konnten unbesorgt draußen spielen und hatten eine gute Schulbildung. Ich persönlich musste mit 43 Jahren nach der Wende noch einmal beruflich von vorn beginnen. Dafür habe ich mich 30 Kilometer von meinem Wohnort entfernt beworben. Das war eine Arbeitsstelle im Handel. Mein Arbeitstag ging über zwölf Stunden. Ich besaß weder einen Führerschein noch ein Auto und musste somit zusehen, wie ich zu meinem Arbeitsplatz gelange und auch, wie ich wieder nach Hause komme. Dies erfolgte zum Teil über Fahrgemeinschaften, manchmal sogar per Anhalter. Heute bin ich 71 Jahre alt und Rentnerin. Ich arbeite noch auf 450-Euro-Basis, um eventuell noch einmal in den Urlaub fahren und meinen Enkeln ab und zu ein Geschenk kaufen zu können. Damit möchte ich auch sagen, dass es mir nicht schlecht geht.

Trotzdem ärgere ich mich oft über Menschen aus dem Westen, die behaupten zu wissen, wie es in der DDR war, obwohl sie nie dort gewesen sind.

Ingelore Schubert, Erfurt

Wir haben nichts zu feiern:

Unsere sogenannte Wiedervereinigung ist für mich keine, sondern eine Übernahme. Der 3. Oktober ist für mich kein Feiertag und wird auch nie einer werden. 68 und somit 38 und 30 Jahre in beiden Systemen gelebt, kann ich mir ein reales Bild machen. Ich war Kfz-Schlosser und einige Jahre auf Montage. Später wurde ich Schlosser und Meister für Instandhaltung. Nachdem die Mühle nahe unserer Kreisstadt, in der meine Frau arbeitete, kurz nach der Wende abgewickelt und sie arbeitslos wurde, ging ich 1996 wiederum auf Montage, nun aber in den Westen. Mit 46 fand ich trotz meiner guten Qualifikation keine Festanstellung, sondern kam nur bei Zeitarbeitsfirmen unter. Obgleich ich in der letzten Zeitarbeitsfirma fast 13 Euro pro Stunde und rund 1500 Euro Auslöse bekam, blieb unterm Strich nicht allzu viel, da ich von der Auslöse die Fahrkosten mit eigenem Auto und meine Unterkunft und Verpflegung in vollem Umfang zu tragen hatte. Als ich 2003 aus gesundheitlichen Gründen und auch dem Umstand, dass an jedem Monatsende Geld fehlte und ich stets nachfordern musste, meine Montagetätigkeit beendete, fand ich in meinem Heimatland Thüringen mit fast 52 keine Anstellung mehr. Vom Arbeitsamt in fragwürdige Maßnahmen und unsinnige Umschulungen verfrachtet, landete ich 2005 in Hartz IV, und mir wurde der Gang in die Rente mit 63 und erheblichen Abschlägen vermittelt. Gleiches ereilte meine Frau Ende letzten Jahres.

Unsere Tochter, 39, alleinerziehende Mutter, fand nach ihrer Lehre im Osten keine Arbeit. Nun lebt sie in Nordrhein-Westfalen – zwar mit gutem Einkommen, aber teuerer Wohnung, obgleich im elterlichen Haus ausreichend Platz für eine zweite Familie wäre. Wir mit unseren kleinen Renten haben uns das nach 30 Jahren Deutscher Einheit völlig anders vorgestellt.

Die DDR wollen wir keinesfalls wieder zurück. Aber in einem Deutschland, in dem wir seit 30 Jahren wiedervereint sind und ein Großteil der Wessis unsere Lebensleistung immer noch nicht anerkennt, bin ich wahrhaft nicht angekommen. Wenngleich ich mir heute durchaus mehr leisten kann, während der ersten 38 Jahre meines Lebens war ich glücklicher als in den letzten 30. Am 3. Oktober haben wir nichts zu feiern.

Gerold Bliedung, Großurleben

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