Thüringer Wald-Rettungsplan setzt Massenabschuss von Wild voraus

Erfurt  Laut des Deutschen Forstwirtschaftsrates lässt sich die geplante großflächige Wiederaufforstung in Thüringen nur realisieren, wenn das Schalenwild in den Wäldern drastisch reduziert wird.

Ein Blick über den Possen im Kyffhäuserkreis.

Ein Blick über den Possen im Kyffhäuserkreis.

Foto: Martin Schutt/dpa

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Der Thüringer „Aktionsplan Wald 2030“, der 500 Millionen Euro für die Aufforstung klimastabiler Wälder in zehn Jahren vorsieht, steht vor großen Umsetzungsproblemen.

„Es nützt alles nichts, wenn wir die Jagd nicht so organisieren, dass das Schalenwild in den Wäldern drastisch reduziert wird“, sagte der Sprecher des Deutschen Forstwirtschaftsrats (DFWR) in Berlin, Sebastian Schreiber, unserer Zeitung. „Grundvoraussetzung ist eine zielgerechte Jagd. Das wird über Erfolg und Misserfolg des Aufforstungsprogramms in ganz Deutschland entscheiden. Sonst bezahlen wir nur die Fütterung der Tiere.“ Die Dimension der Waldaufforstung in ganz Deutschland umreißt der DFWR so: 200 Millionen Euro pro Jahr, zehn Jahre lang.

Jäger wollen sich von tierschutzgerechter Jagd nicht entfernen

„Da kann ich nicht widersprechen“, kommentierte Thüringenforst-Sprecher Horst Sproßmann die Einschätzung zur Jagd. Thüringenforst untersteht dem Agrarministerium.

„Zäune sind keine Alternative“, stellt Andreas Schiene, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Forstleute, klar. Ein einziges Reh in umzäuntem Jungwaldbestand könne in wenigen Stunden die Arbeit von Jahren vernichten. In Dürrezeiten mit umstürzenden Bäumen und abfallenden Ästen sei kaum ein Zaun sicher, sagte Schiene.

Die Landesregierung hat das durchaus im Blick. Doch der „Aktionsplan Wald“ streift das zentrale Problem der Waldrettung mit nur vier Zeilen: „Um ein solches Waldumbauprogramm zur Rettung der Wälder umzusetzen, ist die Herstellung von waldverträglichen Schalenwalddichten zwingend erforderlich.“ Dies müsse „weitgehend ohne Zaunschutz möglich sein“.

„Wild totschießen, damit der Wald wächst. Das ist doch Unsinn“, sagt Steffen Liebig, Präsident des Landesjagdverbands. „Wir können doch jetzt keinen Feldzug gegen das Wild anfangen, nachdem der Wald zerstört ist. Wir nehmen unsere Verantwortung gegenüber der Natur weiter wahr und werden uns von der tierschutzgerechten Jagd nicht entfernen.“

Jägerpräsident: „Das wird eine heftige Auseinandersetzung“,

Thüringens Jäger, so Liebig, erlegten viel Schalenwild. In den vergangenen Jahren wurden jeweils etwa 40.000 Rehe geschossen, deutlich mehr als zuvor.

Thüringer Verhältnisse gibt es nicht überall. „Seit 1953 haben sich die Wildbestände in Brandenburg verzehnfacht“, sagt ein Vertreter des Deutschen Forstwirtschaftsrats. „Der größte Schub kam nach der Wende. Jäger haben oft kein Interesse, den Wildbestand zu reduzieren. Der Trophäenwahn muss ein Ende haben.“ Notfalls müsse tief ins Jagdrecht eingegriffen werden.

„Klar, wer jetzt den Schwarzen Peter kriegt: die Jäger!“, warnt Jägerpräsident Liebig. Bereits in der Diskussion um das Jagdgesetz sei die Thüringer Jägerschaft mehrere Jahre lang „so unter Druck gesetzt worden, dass man die Freude an der Jagd verliert. Aber das ist die Basis.“ Und jetzt? „Das wird eine heftige Auseinandersetzung“, sagt Liebig. „Es kann passieren, dass das Land einen Großteil der Jäger verliert.“

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