Das Mauersegment 196 in Silberhausen und seine Botschaft

Silberhausen  Der Silberhäuser Michael Spitzenberg will die Erinnerung an ein Stück deutscher Geschichte wach halten.

Der Silberhäuser Michael Spitzenberg erklärt Maximilian, Gustav, Emilia und Clara was es mit der Berliner Mauer und seinem Segment 196 auf sich hat.

Der Silberhäuser Michael Spitzenberg erklärt Maximilian, Gustav, Emilia und Clara was es mit der Berliner Mauer und seinem Segment 196 auf sich hat.

Foto: Eckhard Jüngel

Michael Spitzenberg steht vor einem Stück Berliner Mauer – einem echten. Er selbst hat es einst aus der Hauptstadt geholt. Und in diesen Tagen, 30 Jahre nach dem Fall der Grenze, sind es die Erinnerungen, die den Silberhäuser wieder einmal einholen. „Die Mauer ist das Symbol der Trennung. Wir dürfen nie vergessen, was war“, sagt der 66-Jährige, und sein nachdenklicher Blick schweift zu Kindern, die neben ihm auf dem Anger stehen.

Damit sie sich immer an diesen Teil der deutschen Geschichte erinnern, hat er das Mauersegment 196 ins Eichsfeld geholt – als Mahnmal. „Es ist eines von 240 zertifizierten und mit einem echten Graffito“, erklärt er und schaut nach oben zu dem Überkletterungsschutz der Mauer. Darunter ist eine Sonnenuhr angebracht. Es folgen Daten zur Geschichte und zur Mauer selbst. Unten ist eine Grabstelle für die SED angelegt.

„Die Mauer war unmenschlich. Sie hat so viel Leid gebracht“, erklärt Michael Spitzenberg den Mädchen und Jungen, die bei seinen Worten ganz still geworden sind. Die Uhr, erklärt ihnen der 66-Jährige, soll Mahnerin und Verkünderin zugleich sein, und die Zahlen ihrerseits erinnern unter anderem an den Volksaufstand 1953 oder an den Grundlagenvertrag 1972, in dessen Zug auch der Grenzübergang Worbis – Duderstadt entstand.

Und Michael Spitzenberg hat noch mehr Zahlen parat, solche die über die Mauer Auskunft geben: „106 Kilometer Beton, und das war nur der äußere Ring der Mauer, 302 Beobachtungstürme, 66,5 Kilometer Metallgitterzaun, 20 Bunker“, nach dieser Aufzählung atmet er tief aus.

Aktion mit Überraschungseffekt

Am 3. Dezember 1989 ist der Silberhäuser mit Frau und Kindern nach Berlin gefahren, mit Werkzeug im Kofferraum des Autos und fest entschlossen, Mauerteile mit ins Eichsfeld zu nehmen. Am 30. Dezember stellt er dann den Antrag für ein großes Teil bei der Firma Limex-Bau Export-Import, die für den Verkauf verantwortlich ist. Michael Spitzenberg will unbedingt ein Segment, und mit seinem Vorschlag, eine Sonnenuhr auf diesem zu gestalten, stößt er auf offene Ohren, doch er hat nichts schriftliches in der Hand.

Der Eichsfelder kämpft, lässt sich nicht beirren. Und er weiß: Der Kreisbaubetrieb ist in Berlin mit einem Lkw und einem Kran. Mit einer Aktentasche, ohne Geld, aber einem Pralinenkasten macht er sich am 5. Februar 1990 erneut auf den Weg nach Berlin. Er verhandelt, lässt sich nicht abwimmeln. Er hat ein Ziel vor Augen. Und dann lädt Spitzenberg ein Mauersegment einfach auf, nicht das Teil, das ihm eigentlich zugedacht war. „Ich habe mir ein schöneres, eines mit einem in sich abgeschlossenen Motiv ausgesucht.“ Und Spitzenberg nimmt es tatsächlich mit. „Die Mauer sollte so teuer wie möglich verkauft werden. Die DDR wollte Devisen.“ Interessenten für die geschichtsträchtigen Teile gab es viele – Amerikaner, Japaner, Italiener, Chilenen, Galerien, Museen auf der ganzen Welt. „Von den Mauersegmenten, die bewacht wurden, kostete das Stück zwischen 40.000 und 90.000 D-Mark. Das teuerste wurde in Monaco für 700.000 D-Mark verkauft“, weiß Spitzenberg. „Ich sollte 250 D-Mark für den Abtransport bezahlen. Selbst die hatte ich nicht.“

Das Manöver, das er mit Kran und Lastwagen in Berlin startete, war dann so überraschend, dass es die Bewacher einfach nur schockierte. „Wir haben das Teil und zur Vollständigkeit den Überkletterungsschutz einfach an den Kran gehangen. Dann hieß es: nichts wie weg“, erzählt er und schaut auf sein großes Mauerstück, das seinen Platz auf dem heimatlichen Anger gefunden hat. Es wiegt 2,7 Tonnen, ist 3,60 Meter hoch, 1,20 Meter breit und stand im Bereich Waldemar/Luckauer Straße.

Noch immer ist der Silberhäuser froh, dass ihm bei der Aktion damals nichts passiert ist, sein Tun keine Konsequenzen hatte. „Frau Süssmuth hätte mir aber bestimmt geholfen, mich sicher auch aus dem Knast geholt“, meint der Eichsfelder rückblickend und ist dankbar, dass es die Fürsprecherin, zu der er heute noch Kontakt hat, gab.

Ein Mauerspecht und sein Ansinnen

Der Silberhäuser hat aber auch viele kleine Mauerstücke. „Am 3. Dezember 1989 und am 16. April 1990 war ich Mauerspecht. Ich wollte, dass nachfolgende Generationen die Zeit nicht vergessen“, blickt der Eichsfelder zurück, wohl wissend, dass nicht jeder begeistert war, als er mit der großen Nummer 196 in seinem Dorf ankam.

Doch woran erkennt man ein echtes Stück? „Wenn man es von der Seite betrachtet, muss es erst einen weißen Kalkanstrich geben, dann kommt das Graffito. Wenn man manches sieht, was heute verkauft wird, weiß ich, dass das angesprühter Bauschutt ist.“

Angebote für sein Mauerteil bekam Michael Spitzenberg schon oft. Das höchste Gebot lag bei 50.000 D-Mark. Doch getrennt hat er sich nicht. Nummer 196 ist unverkäuflich, und das wird es bleiben – das Stück Geschichte zum Anfassen, mitten in Silberhausen, das er im Februar 1990 aus Berlin holte.

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