Drogensucht und Eichsfeld-Alltag

Leinefelde  Der Anti-Drogen-Zug „Revolution Train“ aus Tschechien macht Halt am Leinefelder Bahnhof und zeigt Schülern plakativ die Folgen von Drogenkonsum. Er hinterlässt bei den Besuchern nachhaltige Eindrücke.

Der Filmabschnitt bis hin zum Unfall schlägt die Schüler in seinen Bann. Die anfänglichen Späße werden immer leiser. Fotos: Eckhard Jüngel

Der Filmabschnitt bis hin zum Unfall schlägt die Schüler in seinen Bann. Die anfänglichen Späße werden immer leiser. Fotos: Eckhard Jüngel

Foto: Eckhard Jüngel

Es fängt mit einer harmlos scheinenden Zigarette an. Auf einer Party gibt es Alkohol, und beim Angebot von Ecstasy sagt die junge Frau nicht nein, sie will ja locker sein, cool. Die Entscheidung, zu einem Vollgedröhnten ins Auto zu steigen, kann ihr auch die Freundin nicht ausreden. Nach viel Gealbere und verbalem Druck auf den Fahrer passiert der Unfall. Ein Motorradfahrer stirbt.

Aber wachen Betroffene nach so einem Erlebnis auf? Was sind die Konsequenzen? Und was passiert, wenn man weiter in den Drogenmissbrauch rutscht?

Es sind reale, gefährliche Situationen, mit denen Kinder und Jugendliche so nah nicht jeden Tag in Berührung kommen. Im Zug erfahren sie sie – in einer sicheren Umgebung. Das zumindest ist der Ansatz, der mit dem Anti-Drogen-Zug anvisiert wird. Der 165 Meter lange Revolution Train aus Tschechien mit seinen sechs Waggons macht bis Mittwoch Halt am Leinefelder Bahnhof. Und der war wohl lange nicht mehr so belebt wie an diesen drei Tagen. 460 Personen pro Tag gehen durch den Zug. Am Vormittag sind es Schulklassen oder Azubigruppen, am Nachmittag die Öffentlichkeit. Eine Anmeldung ist nötig.

Die Besucher erleben in Filmsequenzen die Geschichte einer Drogensucht. Nach jedem Abschnitt folgen

realitätsnahe Szenen: eine Bar mit lauter Musik, ein noch qualmendes Autowrack, die Wohnung eines Drogenabhängigen. Die Wände zeigen die von Drogensucht betroffenen menschlichen Organe. Die aber werden zur Nebensache, als es zur Szene kommt, in der der Unfall passiert. Die anfänglichen Späße werden leiser.

Durch den Zug führt jeweils ein lokaler Suchtbeauftragter, der im Vorfeld entsprechend geschult wurde und im Gegensatz zu den Schülern weiß, was auf sie zukommt.

Im Gepäck haben die jungen Menschen einen Fragebogen. Die ausgewerteten Daten werden dem Landkreis zur Verfügung gestellt. Hast du schon mal gekifft oder geraucht? Würdest du mit dem vollgedröhnten Freund mitfahren? Die Botschaft an die jungen Leute lautet: Du entscheidest! Jeder von ihnen kann Nein sagen. Eine Nachbereitung zählt auch zum Projekt. Der jeweilige Suchtbeauftragte wird die Klassen noch einmal 90 Minuten in der Schule besuchen.

Pavel Tuma ist der Autor des Projektes. Vor 18 Jahren ist ein Freund von ihm an einer Überdosis gestorben. Er selbst arbeitete damals an Kinderspielplätzen. Er sagt, dass die Jugend heute eine andere Art der Drogenprävention braucht. Die gegenwärtige reiche nicht aus. „Man muss moderne Wege gehen.“ Der Zug ist quasi das 300 Tonnen schwere Werkzeug, das er Projektpartnern an die Hand gibt, damit sie mit ihren lokalen Fachleuten Prävention betreiben können. Der Besuch im Zug soll ein Türöffner sein. Er soll als gemeinsames Erlebnis dazu dienen, die Diskussion in der Schule, im Freundeskreis oder zu Hause mit den Eltern anzuregen, denn oft kommen genau dort Eltern nicht an ihre Kinder heran. Dass sich das lohnt, davon war auch Polizist Thomas Weinstein überzeugt, der mit einer Gruppe durch den Zug ging. „Wir müssen starke Akzente setzen, sonst reagieren die Kinder gar nicht mehr.“

Und die schrieben ihre Eindrücke auf Zettel. Zu lesen war unter anderem: „No drugs, no problem.“ „Es hat mich zum Nachdenken gebracht.“ „Passt auf euch auf!“ „War nice.“

Am Nachmittag sah sich Landrat Werner Henning den Zug an. Rund 40.000 Euro hatten Landkreis, Eichsfeldwerke, Sparkasse, Klinikum und das Leader-Programm für den Halt ausgegeben. Henning, der lieber ein schönes Bild vom Eichsfeld hat, in dem kein Platz für Drogen ist, ist klar, dass die Realität anders ist. Und er möchte eines: dass Eltern ihrer Verantwortung gerecht werden. „Ich erwarte, dass sie ihre Sprösslinge im Auge haben“, sagte er. Mütter und Väter würden manches ausblenden, das, was sie nicht sehen wollen. Doch hier und da gebe es Indizien, vor denen man die Augen nicht verschließen dürfe. Und: Einige machten es sich auch zu leicht, gäben sich mit Ausreden zufrieden, schöben die Verantwortung ab. Das sah auch Jugendamtsleiterin Nicole Weber so. Eltern seien oft unsicher, überfordert. Einige würden ihren Job als Mütter und Väter aber auch nicht tun.

Die Bilder im Zug führten die Realität vor Augen. Einmal mehr wurde klar, dass Drogen vor dem Eichsfeld nicht halt machen. „Über das Gesehene im Zug werde ich lange nachdenken“, sagte der Landrat. Das wird auch Thomas Weinstein. Von anfänglicher Vergnügtheit bis zum tiefen Durchatmen, Schlucken und Nachdenklichkeit spannte sich der Bogen, den er sah. Was die Drogenproblematik angeht, meinte er, könnten Eltern mehr von den Kindern lernen, als umgekehrt. Sie sollten sich erzählen lassen, wie es im Alltag ist – auch auf den Schulhöfen. Denn Realität ist: „Wir haben täglich mit Drogen- und Begleitdelikten zu tun. Das ist unser Berufsalltag im Eichsfeld“, so der Polizist. Froh ist er, dass die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Ämtern gut klappt, auf Weiterbildung, Spezialisierung und den Einsatz junger Polizisten Wert gelegt wird.

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