„Ich kann nicht mehr“ – Familie aus Thüringen seit über einem Jahr ohne Wasser

Großbodungen  Marie Weidner wohnt am Ortsrand von Großbodungen und hat seit August 2018 kein fließendes Wasser mehr. Die fünfköpfige Familie wartet händeringend auf den Anschluss an das öffentliche Netz.

Das Trinkwasser muss sie im Supermarkt kaufen. Im Alltag gibt es viele Probleme. Fotos: Eckhard Juengel

Das Trinkwasser muss sie im Supermarkt kaufen. Im Alltag gibt es viele Probleme. Fotos: Eckhard Juengel

Foto: Eckhard Juengel

„Ich kann nicht mehr“, sagt Maren Weidner. Erschöpfung und auch Enttäuschung merkt man ihr bei diesen Worten an. Seit über einem Jahr hat ihre fünfköpfige Familie kein Wasser. Den Hahn aufdrehen und schon sprudelt frisches Wasser für einen Tee oder Kaffee heraus, sich unter die Dusche stellen oder die Waschmaschine anschalten – das alles kann die 39-Jährige seit vielen Monaten nicht. Aus den Hähnen in ihrem Haus am Großbodunger Ortsrand kommt kein Tropfen. Seit August vergangenen Jahres gibt es den unsäglichen Zustand, seitdem schleppt Maren Weidner die Mineralwasserflaschen vom Supermarkt nach Hause. Zweimal in der Woche sind das vier, fünf Sechser-Packs. Das summiert sich. „Und geht ins Geld“, sagt sie.

Feuerwehr bringt einmal im Monat 3000 bis 4000 Liter

Ein bisschen einfacher sei es mit dem Nutzwasser. Einmal im Monat bringe die Feuerwehr 3000 bis 4000 Liter, damit würden die eigens angeschafften Tanks gefüllt. „Dieses Wasser nutzen wir für die Körperpflege, Reinigungsarbeiten und die Toilettenspülung“, so die Mutter dreier Kinder, die 6, 14 und 17 Jahre alt sind. „Für sie ist die Situation einfach nur peinlich.“ Das zuzugeben, fällt Maren Weidner schwer. Die Feuerwehr liefere das Nutzwasser zwar im Auftrag der Gemeinde kostenlos an, doch bezahlt werden müsse es trotzdem.

Statt den Wasserhahn morgens aufzudrehen, trägt die 39-Jährige jeden Morgen erst einmal zwei Eimer voll von der Garage, wo die Tanks stehen, ins Haus, dann muss es erwärmt werden, damit sich die Kinder waschen können. Das für den Kaffee und zum Zähneputzen gibt es aus der Flasche. Die nächsten zwei Eimer Wasser werden zum Abwaschen und für ähnliches wieder aus dem Tank geholt.

Die Situation zermürbt die Familie

„Wir haben einen Hausbrunnen, rund zehn Meter tief, und am 6. August 2018 einen eigenartigen Geruch festgestellt. Auch der Wasserstand war merklich gesunken. Seit wir das Haus gekauft haben, hat er uns mit Trinkwasser versorgt. Das ging neun Jahre ohne Probleme“, erzählt Maren Weidner. Am 13. August informierte sie das Gesundheitsamt. Das habe daraufhin eine Probe genommen und den Brunnen noch an dem Tag stillgelegt. Kurz darauf habe sie auch Kontakt zum Wasser- und Abwasserzweckverband „Eichsfelder Kessel“ aufgenommen. Doch was die Familie zuerst einmal brauchte, waren Notwassertanks.

Monate sind vergangen, das Problem ist nicht gelöst. Die Situation zermürbt die Familie. „Zugesagt war, dass wir im Oktober dieses Jahres endlich an das öffentliche Trinkwassersystem angeschlossen werden, doch daraus wird nichts. Ich habe mich, weil es in dem Zusammenhang um einen Straßenausbau geht, auch an das Straßenbauamt gewandt, an den Zweckverband, an die LMBV – Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungs mbH – sowie an den Bürgerbeauftragten“, zählt die Großbodungerin auf. Alles blieb bislang erfolglos.

Angst, dass sich die Situation noch mehr zuspitzt

„Vor einem Jahr wurden eine Soleleitung verlegt und Spundwände gesetzt, ich fürchte, da wurde die Klärgrube beschädigt, und das führte zur Verunreinigung des Trinkwassers. Ich glaube nicht, dass das alles mit den letzten trockenen Sommern zu tun hat. Doch vom Straßenbauamt hieß es, die Wände hätten nichts mit der Sache zu tun“, so die 39-Jährige. Wann die Wasserleitung gebaut wird, weiß sie nicht. „Ich hoffe nur, dass es nicht so einen kalten Winter gibt und uns die Tanks einfrieren.“

Als Maren Weidner das sagt, muss sie schlucken. Sie hat Angst, dass sich die Situation noch mehr zuspitzt. Das Grundstück will sie behalten. „Aber auf Dauer macht uns das kaputt. Es ist nicht nur das Schleppen der Eimer, ich muss auch frei haben, wenn das Wasser angeliefert wird. Und seit einem Jahr wasche ich bei meiner Mutter die Wäsche. Das geht so auf keinen fall weiter“, so die Großbodungerin.

Jetzt nennt der Bürgermeister einen Termin

Bürgermeister Heiko Steinecke (CDU) kennt die Problematik. „Laut Aussage des Zweckverbandes wollten die vorherigen Besitzer keinen Wasseranschluss“, weiß er. Die Gemeinde, das Thüringer Landesamt für Bau und Verkehr, Region Nord, und der Zweckverband sind nun dabei und bereiten ein Gemeinschaftsprojekt vor, das auch den Wasserleitungsbau zu Weidners Grundstück einschließt. „Die Ausschreibung für die Arbeiten an der Landesstraße 1011, Großbodungen – Kleinbodungen, laufen“, erklärt er auf Nachfrage. Und in dem Zug werde auch die Wasserleitung verlegt, vom „Zoll“, so heißt der Bereich, bis zum Hochbehälter Werningerode. Es soll einen Ringschluss Stöckey/Weißenborn geben. „Das wird spätestens im Frühjahr 2020 passieren“, nennt Steinecke nun einen Termin und lässt nicht unerwähnt: „Jeder Bürger ist mir wichtig.“

Bis dahin muss die Familie durchhalten. So lange wird die Feuerwehr Wasser zu den Weidners fahren, muss Maren Weidner Flaschen aus dem Supermarkt schleppen und eimerweise jeden Tag das Wasser von der Garage ins Haus. Und sie muss noch eines: ihren Kindern Mut machen.

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