Heiligenstädter Kunsttischler Josef Stützer ist seit 70 Jahren Meister

Heiligenstadt  Im Eichsfeld gibt es kaum eine Kirche ohne seine Arbeiten. Er wurde vor 93 Jahren in Bayreuth geboren. Seine Familie kam 1927 nach Heiligenstadt, wo sein Vater den Betrieb eröffnete, den Josef Stützer nach dem Krieg übernahm.

Josef Stützers Meisterprüfung ist nun 70 Jahre her. Der 93-Jährige wurde zu diesem seltenen Jubiläum von der Handwerkskammer geehrt.

Foto: Johanna Braun

In dem Jahr, in dem Josef Stützer seine Meisterprüfung als Kunsttischler abschloss, wurde auch die DDR gegründet. 70 Jahre ist das jetzt her, aber der heute 93-Jährige erinnert sich noch gut daran. „Die Prüfungskommission hat mir nicht geglaubt, dass ich die Zeichnung für mein Meisterstück selbst gemacht hatte. Ich musste also noch eine Vitrine zusätzlich entwerfen und aufzeichnen.“

Dieses Meisterstück – ein Buffet mit aufwendigen Verzierungen – besitzt Josef Stützer heute nicht mehr selbst. Er hatte es für eine Hochzeit verliehen, bekam es aber nie zurück, wenn auch später bezahlt. „Wo es sich jetzt befindet, weiß ich nicht“, sagt er. Aber nicht nur in der Kurstadt, sondern im ganzen Eichsfeld finden sich Stücke des Meisters. „Es gibt wohl kaum eine Kirche im Kreis, in der nichts aus dieser Firma steht“, sagt Sohn Thomas Stützer.

Kruzifixe, Altäre, Ambos, Kanzeln oder barocke Bilderrahmen – all das und mehr hat Josef Stützer in seinen vielen Arbeitsjahren geschaffen. Hunderte Skizzen und Zeichnungen im Schrank in der Werkstatt zeugen davon.

Meisterausbildung erst neun Jahre nach der Lehre

1923 in Bayreuth geboren, kam seine Familie 1927 ins Eichsfeld. Mit 14 Jahren begann Josef Stützer seine Lehre im väterlichen Betrieb. Dass er seinen Meister erst neun Jahre später absolvierte, hatte mehrere Gründe. Zum einen musste man damals eine bestimmte Anzahl an Lehrjahres absolvieren, um die Meisterschule besuchen zu dürfen. Also ging es nach Lügde in Westfalen. Dort arbeitete Josef Stützer ein Jahr, bevor er zum Arbeitsdienst beordert wurde. Ein Jahr später wurde er eingezogen und absolvierte die militärische Ausbildung bei der Luftabwehr in Wittenberg. Dann ging es als Soldat nach Holland, Belgien und nach Nordfrankreich.

Im Februar 1945 kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde in den Lagern Lyon, Chartres, Bourges und Nevers (alle Frankreich) untergebracht. Als Bauern gesucht wurden, um bei der Landwirtschaft zu helfen, meldete sich Josef Stützer, obwohl er keine Ahnung davon hatte, wie man ein Pferd anspannt. Er reparierte eher den Wagen, baute Plumpsklos und fertigte Kruzifixe. Sein „Patron“ erkannte sein Können und setzte ihn entsprechend ein, wollte ihn sogar in der eingerichteten Werkstatt behalten, als die Heimreise für Josef Stützer längst feststand.

1948 kam er nach Heiligenstadt zurück und übernahm den väterlichen Betrieb. Ein Jahr später folgte die Meisterprüfung. Das Geschäft lief. Innerhalb der DDR lieferte man nach Rostock, Dresden und Leipzig, auch gingen Stücke auf Umwegen in den Westen, wegen der Tätigkeiten des Bruders als Missionar sogar nach Indonesien. Bis zu zehn Angestellte arbeiteten im Betrieb mit der Werkstatt hinter dem Wohnhaus in der Dingelstädter Straße. Insgesamt bildete Josef Stützer 40 Lehrlinge aus. Sieben davon wurden ebenfalls Meister. „An einem Tag hatten wir 20 Bestellungen für Schrankwände“, erzählt Frau Loni. Und: „Mitunter gab es Wartezeiten bis zu drei Jahren.“ Dass es das DDR-Regime zuließ, dass Josef Stützer auch an sakraler Kunst arbeitete, lag neben dem Können des Handwerkers auch an dessen Mut. Denn obwohl ihm alle davon abrieten, bei Messen auch diese auszustellen, machte sich Josef Stützer nichts daraus. Und das sollte sich auszahlen. Der anwesende Regierungsbeauftragte war so begeistert von einem Christus am Kreuz, dass er sich dafür stark machte, dass der Eichsfelder eine große Rolle Zeichenpapier bekam. „Wir haben ja sonst auf allem möglichen gezeichnet. Gutes Papier war wie so vieles Mangelware.“

Am liebsten schnitzte Josef Stützer an Lindenholz, lieber als an Ahorn. „Für Möbel habe ich Eiche am liebsten oder Nussbaum.“ Im Wohnzimmer der Familie stehen ausschließlich Unikate aus der Hand des Meisters. Denn neben Einzelaufträgen wurden ab 1975 auch serienmäßige Aufträge abgearbeitet. „Das lag an der Planauflage der Regierung und am sogenannten Bevölkerungsbedarf.“

Aber Josef Stützer wäre im Eichsfeld nicht so bekannt, hätte er sich nur darauf spezialisiert. Allein in der Kirche St. Gerhard in Heiligenstadt kommen Ambo, Orgelprospekt und Altartisch, Beichtstühle und Bänke aus der Werkstatt in der Dingelstädter Straße.

Erfahrung aus zwei Generationen

Der schönste Lohn ist für Josef Stützer wenn die Arbeit gelungen ist. „Wenn ich in meinem Herzen zufrieden bin, dann ist auch der Kunde zufrieden und auch der über mir. Das ist das wesentliche an der Arbeit“, sagt er. Diese hat er 1994 niedergelegt. Kurz nach der Wende übernahm Sohn Thomas die Firma. „Trotzdem geht es für meinen Vater immer noch durch die Werkstatt in den Garten.“ Der Nachfolger kann auf gut 100 Jahre Erfahrung zurückgreifen, lernte der Vater doch bei Großvater Augustin. „Allein, um zu wissen, wie lange ich für etwas brauche. Es ist ein großer Gewinn, meinen Vater heute noch um Rat fragen zu können.“

Um Rat fragte Josef Stützer auch immer seine Frau Loni, die für ihn die Buchhaltung machte und „immer einen umfassenden Blick auf meine Arbeit hatte“. Denn „zu einem guten Meister gehört eine gute Meisterin. Sie ist wichtiger als ein guter Mitarbeiter“, sagt Josef Stützer.

Neben seiner Arbeit war er auch von 1951 bis 1957 Obermeister der Berufsgruppe Holz, Tischler, Stellmacher in den Kreisen Heiligenstadt und Worbis. Dann wurde er von den staatlichen Behörden dazu angehalten, das Amt des Kreishandwerksmeisters zu übernehmen. Damit war aber das Engagement zur Kollektivierung des privaten Handwerks und die Bildung einer sozialistischen Produktionsgenossenschaft des Handwerks verbunden. Josef Stützer widersetzte sich und legte sein Amt als Obermeister nieder. So behielten er und andere Betriebe die Selbstständigkeit.

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