Hoffnung, dass die Babyklappe nie gebraucht wird

Silvana Tismer
| Lesedauer: 3 Minuten
Hinter dem Fenster steht ein Wärmebett für die Babys. In ihm liegt ein Brief für die Mutter.

Hinter dem Fenster steht ein Wärmebett für die Babys. In ihm liegt ein Brief für die Mutter.

Foto: Eckhard Jüngel

Heiligenstadt.  Babyklappe am Heiligenstädter St.-Vincenz-Krankenhaus ist eingerichtet. Angebot für junge Mütter in Not.

Sie sieht aus wie ein Fenster. Es gibt einen Griff, der von außen zu öffnen ist. Die neue Babyklappe befindet sich nicht am Haupteingang des Heiligenstädter Krankenhauses St. Vincenz, sondern an der Rückseite, von der Kapsmühle her. „Zu erreichen, aber nicht einsehbar“, erklärt Dr. Oliver Möller, Chefarzt der Kinderklinik im Eichsfeld-Klinikum. Das bedeute Anonymität für die junge Mutter in höchster Not, die sich keinen anderen Rat mehr weiß.

Voriges Jahr hat es die Überlegungen im Klinikum gegeben, eine Babyklappe einzurichten. Geschäftsführer Gregor Bett gab den Zündfunken. Hintergrund sei, so sagt Oliver Möller, dass im vergangenen Jahr im Einzugsbereich des Klinikums zwei Babys tot aufgefunden wurden. Eins in Nordhessen und eins im Landkreis Eichsfeld. „Ich bin seit eineinhalb Jahren hier“, sagt Gregor Bett. „Ich habe das Eichsfeld-Klinikum als eine Familie kennengelernt. Eine Familie hilft sich schnell und unbürokratisch. Und genau das Angebot machen wir auch hiermit.“

Oliver Möller zeigt, wie die Babyklappe funktioniert. Nachdem das Fenster geöffnet ist, kann das Baby in das Wärmebett gelegt werden. In ihm liegt ein Briefumschlag mit behutsam und liebevoll formulierten Informationen für die Mutter. Darin liegen ein Flyer und ein Rückkuvert. Im Flyer ist ein abtrennbarer Abschnitt. Die Mutter wird gebeten, dort einige Angaben zum Kind zu machen. Den Geburtstag und den Vornamen zum Beispiel. Vielleicht noch ein paar wichtige persönliche Worte. Auch ist auf dem Abschnitt und im Flyer ein übereinstimmender Kenncode vermerkt. Der ist wichtig, falls die Mutter später doch Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen möchte. „So können wir und das Jugendamt das Kind eindeutig zuordnen.“

„Sobald das Fenster geöffnet wird, gibt es einen Alarm an der Pforte und in der Kinderstation. Aber man wartet und gibt der Mutter jede Zeit, die sie braucht“, erklärt Oliver Möller, dass man keine Angst haben muss, dass sofort jemand angelaufen kommt. Wenn die Klappe geschlossen ist, gibt es einen neuen Alarm. Dann wartet das Personal noch einige Minuten ab, damit die Mutter Zeit hat, sich zu entfernen, dann wird das Kind abgeholt und auf die Neo-Intensivstation gebracht. Danach übernimmt das Jugendamt.

„Die Babyklappe ist nicht nur für die Kinder da, sondern auch für die Mütter“, betont Gregor Bett. „Sie sollen eine weitere Chance haben, aus einer verzweifelten Notsituation herauszukommen und eine richtige Entscheidung treffen zu können.“ Eine für das Überleben des Kindes. Man wolle auch keine Konkurrenz zu anderen Angeboten oder der Möglichkeit der vertraulichen Geburt, die es im Eichsfeldklinikum gibt.

Heiligenstadts Bürgermeister Thomas Spielmann mahnte an, dass man auch im Eichsfeld, wo eigentlich jeder jeden kennt, einsam und verzweifelt sein kann. „Es gibt Gründe, das Angebot zu machen.“ Aber alle Beteiligten hoffen, dass es nie gebraucht wird. Auch Propst Hartmut Gremler war es ein Anliegen, die Babyklappe einzusegnen. Er erbat den Segen nicht nur für die Babys, sondern auch für die Mütter in einer Ausnahmesituation.

Die Klappe ist ein Gemeinschaftsprojekt von Klinikum, Stadt, Landkreis und den katholischen Stiftungen. Die nächsten, so weiß Oliver Möller, gibt es erst in Kassel, Eisenach und Hannover.