Kreissparkasse Eichsfeld löst 1800 Prämien-Sparverträge auf

Heilbad Heiligenstadt  Vorstandschef Hubert Riese erklärt, dass aufgrund der anhaltenden Negativzinsphase jetzt gehandelt werden muss, wenn die regional tätige Bank gesund bleiben will.

Hubert Riese, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Eichsfeld, spricht über eine schwere, aber nicht mehr hinauszögerbare Entscheidung.

Hubert Riese, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Eichsfeld, spricht über eine schwere, aber nicht mehr hinauszögerbare Entscheidung.

Foto: Eckhard Jüngel

„Ja, es geht um etwa 1800 Prämien-Sparverträge“, sagt Hubert Riese. „Spaß macht uns das mit Sicherheit nicht, aber wir können nicht mehr anders.“ Der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Eichsfeld zieht ein Blatt Papier aus seiner Aktentasche. Der Bundesgerichtshof hat am 14. Mai dieses Jahres entschieden, dass Ratensparverträge nach dem Erreichen der höchsten Prämienstufe von den Sparkassen gekündigt werden dürfen.

„Wir müssen das nun tun, weil wir uns in einer anhaltenden Negativzinsphase befinden“, erklärt er. Seit 2014 halte diese Negativzinsphase bereits an. „Seitdem ist bereits bei uns der Einlagesatz negativ“, sagt Riese. „Wir haben gehofft, dass die Europäische Zentralbank sich jetzt anders entscheidet, als diese Niedrigzinsphase weiter fortzuführen. Aber das tut sie leider nicht.“ Seit dem Jahr 2008 halte schon eine Niedrigzinsphase an, und eine Verbesserung sei nicht in Sicht. Im Gegenteil: durch die Leitzins-Entscheidung der EZB sei jetzt ein Trend zu weiteren Senkungen zu befürchten.

Kündigungen lassen sich nicht mehr umgehen

Die Kreissparkasse Eichsfeld habe sich bemüht, seit 2014 diese Rahmenbedingungen nicht zu Lasten der Kunden gehen zu lassen. „Bisher haben wir stillgehalten und von Kündigungen abgesehen, aber die lassen sich nun nicht mehr umgehen.“ Hubert Riese vergleicht die Situation, in der sich die Eichsfelder Sparkasse im Moment befinde, mit der eines Unternehmers. „Sie können nicht von einem Unternehmen erwarten, dass es seine Produkte unter dem eigenen Einkaufspreis weiterverkauft“, sagt er. Genauso verhalte es sich mit den Sparverträgen. Die Bank setze zu, habe seit fünf Jahren diese geschlossenen Sparverträge für die Kunden sozusagen subventioniert.

Befürchtung, dass Trend noch schlimmer wird

Natürlich werde man nicht alle Verträge direkt und gleich kündigen. „Einige sind es schon. Auch da halten wir uns streng an das Urteil“, sagt Riese. Gekündigt werden die Verträge sukzessive erst dann, wenn die höchste Prämienstufe des jeweiligen Kunden erreicht ist, vorher nicht. Inzwischen liegt der Negativzinswert bei -0,4 Prozent. „Und es wird noch schlimmer“, befürchtet Hubert Riese.

Dass Kunden ihre Sparverträge von sich aus kündigen, komme nur vor, wenn sie das Geld dringend benötigen. Die Verträge sind meist unbefristet. „Uns ist klar, dass unsere Kunden über die aktuelle Entwicklung und über unsere schwere Entscheidung nicht gerade erfreut sind“, sagt der Vorstandschef. Zusätzlich aber sitzen den Geldinstituten auch die jeweiligen Aufsichten im Nacken. „Insofern ist es von uns auch eine vorausschauende Maßnahme, um uns zu wappnen und die uns bevorstehende schwere Zeit überstehen zu können.“

Leute sparen mehr, weil sie verunsichert sind

Die Europäische Zentralbank, so sagt Hubert Riese, wolle erreichen, dass mehr Geld investiert wird und nicht gebunden auf Konten oder in langfristigen Sparverträgen ist. „Allerdings ist mein Eindruck, dass sie damit genau das Gegenteil erreicht. Die Leute sparen mehr, weil sie verunsichert sind - eben aufgrund der aktuellen Zinslage.“ Man werde wohl in Zukunft um die Anlageform Aktien nicht mehr herumkommen. Einzig bei Immobilienfonds ist seiner Meinung nach noch eine positive Rendite zu erwarten. Derzeit werde in ganz Deutschland viel Geld zum Beispiel in Vermietobjekte gesteckt, was wiederum hohe Kosten vor allem bei den Mieten verursache. „Sparbücher sind nur noch Aufbewahrungsort für Geld - ohne die Möglichkeit zur Vermehrung.“ Und vor 2022 oder 2023 werde sich die EZB nicht zu einer neuen Entscheidung durchringen. „Da müssen wir realistisch sein.“ Bei solchen Entscheidungen würden viele Faktoren eine Rolle spielen, nicht zuletzt sogar Handelskriege und auch der Brexit. „All das schlägt sich auch bei uns im Eichsfeld nieder“, sagt Riese.

Sandro Wagner vom Vorstandsstab sagt, dass er, als er vor einigen Jahren Azubi zum Bankkaufmann war, in keinem einzigen Lehrbuch die Möglichkeit eines Negativzinses gefunden habe. Jetzt aber stecke man in dieser Phase fest. Nirgendwo sei diese so ausgeprägt wie in Deutschland, sagt Vorstandsmitglied Frank Sondermann. Im Gegenteil. Bei Bundesanleihen in den USA, ja selbst in Italien seien im Zehnjahresbereich Renditen von bis zu zwei Prozent kein Problem. „Nur bei uns in Deutschland geht es über Jahre in den negativen Bereich.“

Gesund bleiben für öffentlichen Auftrag

Bei Sparkassen wie auch Genossenschaftsbanken stehe aber nicht nur die Bilanz, sondern auch das Gemeinwohl im Blick. „Lebensversicherungen hängen am Zinssatz, Stiftungen wie unsere, die nur aus dem Zinsertrag soziale oder kulturelle Projekte unterstützen darf“, sagt Riese. Gerade um solch einen öffentlichen Auftrag weiter erfüllen zu können, müsse man als Bank gesund bleiben.

Nicht zuletzt gehe es auch ein bisschen um den Gleichbehandlungsgrundsatz bei der nun in der Kreissparkasse gefassten Entscheidung. „Wir sind für alle unsere Kunden da. Mit den Verträgen haben wir einen Teil davon quersubventioniert, andere sind nicht in den Genuss eines gleich gearteten Vorteils gekommen“, sagt Riese. Sparkassen wie Volksbanken arbeiten mit dem Geld vor Ort und geben es aber auch vor Ort wieder aus. Das sei etwas anderes als bei Direktbanken. „Wenn auch wir an die Kapitalmärkte dürften, sähe die ganze Sache auch noch etwas anders aus. Hier sind kleine und regionale Banken eindeutig stark benachteiligt.“

Riese, Sondermann und Wagner können die jetzt und in den nächsten Jahren betroffenen Kunden nur um Verständnis für die bittere Entscheidung bitten, und auch darum, mit der Kreissparkasse Eichsfeld Kontakt aufzunehmen und sich zu anderen Anlageformen beraten lassen. „Es gibt alternative Anlagemöglichkeiten, über die wir gern informieren.“

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