Lass Dich nicht unterkriegen!

Zum Leben gehören viele Lernprozesse, auch in Bezug auf Leiden und Tod.

Schwester Dorothea Brylak (SMMP) ist Gemeindereferentin in der Leinefelder Pfarrei St. Maria Magdalena.

Schwester Dorothea Brylak (SMMP) ist Gemeindereferentin in der Leinefelder Pfarrei St. Maria Magdalena.

Foto: Eckhard Jüngel

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Im Jahre 2012 bat mein evangelischer Kollege mich, mit ihm dem ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken an die Gefallenen der Kriege auf dem Ehrenfeld in Loenen/Niederlande vorzustehen. Ich musste erst einmal tief durchatmen und bat um ein wenig Bedenkzeit. Das Erste, was ich dachte, war: Auch wenn ich den Zweiten Weltkrieg nicht selber mitgemacht habe, so trage ich doch die Mit-Schuld am Krieg und am unschuldigen Tod vieler Niederländer auf meinen Schultern. Da kann ich unmöglich einen Gottesdienst auf dem Ehrenfeld feiern. Fast im gleichen Atemzug dachte ich: Meine Mutter hat ihren elf Jahre älteren Bruder kaum gekannt. Er musste als 15-jähriger Junge in den Krieg ziehen und liegt jetzt irgendwo in Russland, in einem Grab ohne Namen oder einfach irgendwo verscharrt in der Erde. Es geht uns nicht anders als vielen anderen Menschen.

Mir ist deutlich geworden: Ich darf zu diesem Gräuel nicht schweigen, egal wo ich lebe. Wichtig ist, mit Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Das konnte ich dann vier Jahre hintereinander zur Genüge, jeweils beim anschließenden Kaffeetrinken in der Gedenkstätte. Da ging eine ganz neue Welt für mich auf.

Wir Deutschen haben gelernt, mit unserer Geschichte sensibel und verantwortungsvoll umzugehen. Es sollte dabei immer wieder um die Bereitschaft zu verstehen gehen, um Versöhnung und darum, Friedensstifter zu sein. Kriege, Spaltung, Unfrieden, Hunger und Krankheit gab es schon immer und wird es auch in Zukunft geben.

Im Sonntagsevangelium sagt Jesus zu uns, dass wir uns davon nicht unterkriegen lassen sollen. Gott hat einen Heilsplan, zu dem jedoch viele kleine Schritte und Lernprozesse gehören, auch die von Leiden und Tod. Das kann man so schön schreiben, aber in der Praxis ist das so „krumm“. Die Frage ist, ob es uns – mit allem Wenn und Aber - gelingt, eine tragende und intensive Beziehung mit Gott, mit Jesus einzugehen und daraus Hoffnung zu schöpfen. Dazu bedarf es Mitmenschen, die miteinander diesen Weg gehen, manchmal einfach nur zusammen aushalten, dann wieder einander mit Worten und Gesten stärken.

Vielleicht müssen wir uns durch den Staub festgefahrener Traditionen hindurchwursteln und uns entzünden lassen von dem Funken, der unser Leben mit neuem Elan und mit neuer Begeisterung entzünden kann. In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen gesegneten Sonntag und Volkstrauertag!

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