„Naturverbundenheit des Landwirts ist vom Aussterben bedroht“

Heiligenstadt  Der Eichsfelder Naturschützer Wilhelm Roth erwartet von den Landsenioren mehr Mitwirkung für ein attraktives Leben in den Dörfern.

Wilhelm Roth ist passionierter Hobby-Vogelkundler und Naturschützer.

Wilhelm Roth ist passionierter Hobby-Vogelkundler und Naturschützer.

Foto: Kurt Frank

Den Heiligenstädter Rentner Wilhelm Roth kennen viele Eichsfelder als passionierten Hobby-Vogelkundler und freien Naturschützer, der sich unermüdlich für die Belange der Natur einsetzt und dabei auch keinen Disput mit Behörden, Institutionen oder Agrarunternehmen scheut. Als ehemaligem Landwirt liegt ihm gerade die Verantwortung der Landwirtschaft für die Natur am Herzen, und auch die Attraktivität des dörflichen Lebens. Doch die Verbundenheit mit der Natur scheint zu schwinden. Das macht Wilhelm Roth Sorgen, zumal die Generation derer, die selber in der Landwirtschaft gearbeitet haben und als Landbesitzer noch Einfluss darauf haben, wie und wo die Äcker bewirtschaftet werden, bald weggestorben sein wird.

Lebensqualität in Dörfern wird schlechter

Roth pflichtet dem Präsidenten des Thüringer Landseniorenverbandes, Gerhard Bachmann, bei, der im Sommer auf der Jahrestagung des Verbandes in Alach sagte: „Seit vielen Jahren erleben wir mit Sorge, wie sich die Lebensqualität in unseren Dörfern immer weiter zu zuungunsten unserer Einwohner verändert.“ Der demografische Wandel bewirke den Wegzug von Gewerbe sowie den Rückbau sozialer und technischer Infrastruktur, und Immobilien erlitten durch Leerstand einen Werteverfall.

Zu der von Bachmann geforderten gezielten Wirtschafts- und Kulturförderung auf dem Land konnte auf der Tagung die Staatssekretärin des Thüringer Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie, Ines Feierabend, auf zahlreiche Maßnahmen und Förderprogramme verweisen. Die heißen zum Beispiel Leader, Filet oder ILE, was für Integrierte Ländliche Entwicklung steht. Zudem verwies Feierabend auf das neue Förderinstrument, das 2019 gestartet werden soll: „Solidarisches Zusammenleben der Generationen“.

Und sie wünschte sich von den etwa 250 versammelten Landsenioren und Landseniorinnen, unter denen viele Eichsfelder waren, den ländlichen Raum weiter mitzugestalten, sich weiter einzumischen. Das hörte Wilhelm Roth gern, und er folgte dann auch gespannt den Ausführungen des Bamberger Professors Marc Redepenning, der zunächst auf den drastischen Rückgang dörflicher Landnutzung durch den Bau von Autobahnen und anderen Straßen sowie von Gewerbegebieten einging. Roth notierte sich auch Redepennings Hinweis, dass Politiker und Planer den Dialog mit den Bürgern suchen sollten, wenn es um den Erhalt von Schulen und Kindergärten, um Mobilität, medizinische Versorgung oder Internet-Ausbau gehe. Gleiches gelte für die Vermarktung von Produkten und für den Erhalt von Arbeits- und Ausbildungsplätzen in den Dörfern sowie die Jugendförderung.

Das Augenmerk sei dabei auch auf Nahversorgung und Dienstleistungen zu legen, und auch auf das Angebot von Mehrgenerationenhäusern. Denn auch die Pflege der alten Menschen sei ein wichtiges Thema der Zukunft. Und nicht zuletzt bedeute die frühzeitige Einbeziehung der Dorfbevölkerung in Entscheidungsprozesse, „nicht alles auf das Ehrenamt zu schieben“. Hierzu nannte Redepenning Beispiele positiver ländlicher Entwicklung aus Deutschland und ging besonders auf die Entwicklung der Gemeinde Langenfeld in Mittelfranken ein, die ein gutes, weil offenes, soziales und nachhaltiges Beispiel für ländliche Entwicklung mit und für Senioren und Seniorinnen sei. Als aufmerksamer Zuhörer hatte der Landsenior Wilhelm Roth nun damit gerechnet, auch positive Beispiele für eine gute Zukunft ländlicher Räume aus Thüringen zu hören. Als nächster Redner sicherte der Präsident des Thüringer Bauernverbandes, Klaus Wagner, dem Landseniorenverband bei diesen Aufgaben zwar seine Unterstützung zu.

Kaum noch Wildkräuter am Wegesrand zu finden

Er sprach aber hauptsächlich über die extreme Witterung dieses Sommers und die aktuellen politischen und medialen Probleme, mit denen die Landwirtschaft derzeit zu tun habe, zum Beispiel Trinkwasserverschmutzung, Naturbelastung durch Großflächenwirtschaft, Glyphosat, Tierwohl oder Grünes Band. „Wir sind an allem schuld“, hat sich Wilhelm Roth als Zitat des Bauernpräsidenten notiert. Und gegenüber dieser Zeitung meinte er: „Auf mich wirkte diese inhaltsreiche Inforationsveranstaltung trotz zahlreicher Fakten eher wie ein Fazit im Klagezustand.“ Kein Referent habe ein Beispiel mit Vorbildwirkung zur Verbesserung der ländlichen Lebensqualität gebracht. Dabei sei doch nach Verbindungen der Landsenioren mit den genannten Problemen zu fragen, und nach Ideen, die bei gemeinsamer Umsetzung erfolgreich sein könnten.

Positives sieht Wilhelm Roth bereits in vielen Orten durch die vom Land geförderte Dorferneuerung, „wo Straßen, Kanäle, Gemeinde- und Kulturhäuser sowie Gaststätten und Dorfanger saniert wurden“. Festlichkeiten und engagierte Vereine sorgten für Lebendigkeit in den Eichsfelder Dörfern, die überdies „von Fleiß und nicht von Armut geprägt sind“. Auch habe die bisherige „kleine Gebietsreform“ wirtschaftlichen und sozialen Gewinn gebracht. Der Heiligenstädter kann sich aber auch vorstellen, dass eine Großgemeinde zum Beispiel die Nachbarschaftshilfe bei Abfallfahrten sowie bestehende Mitfahrgelegenheiten (Mitfahrbank) finanziell fördert. Und der weist darauf hin, dass viele heutige Landsenioren Mitgründer von Genossenschaften sind. „Sie haben als Land- und Hofeigentümer die rasante Entwicklung der Betriebe bis zur ,monopolen‘ Agrarwirtschaft mit all ihren Schwierigkeiten erlebt und kennen die Lebendigkeit, aber auch das Vergehen heimatlicher Natur“, sagt Roth, der sich bei der Veranstaltung in Alach nicht nur als Landsenior, sondern auch als Naturschützer zu Wort meldete.

Für ihn steht fest: „Die Naturverbundenheit des Landwirtes ist vom Aussterben bedroht.“ Die junge Generation, auch die in der Landwirtschaft tätige, hantiere mit moderner Technik und kenne die Lebensvielfalt der Natur nicht. Hinzu komme, dass der Boden beim doppelten Preis gegenüber dem vor einigen Jahren zum „Aktienträger“ von Fremdgesellschaften geworden sei. Und dass beispielsweise heute ein Eichsfelder „Energiebetrieb mit Milchviehhaltung“ 500 Hektar bewirtschafte, davon 250 mit Mais. Ganz zu schweigen davon, dass es an Feldrainen oder in Hohlwegen kaum noch Wildkräuter gebe. Von den Landseniorenvereinigungen Heiligenstadt und Worbis mit ihren etwa 250 beziehungsweise 100 Mitgliedern erhofft sich Wilhelm Roth, dass sie neben ihren vorbildlichen kulturellen Angeboten mehr in der Gesellschaft mitwirken: für Lebensqualität auf dem Land und für einen sorgsameren Umgang mit der Natur. Eine Möglichkeit der Mitwirkung für Landeigentümer sei zum Beispiel, bestimmte kleine Flächen für Naturschutz-Ausgleichsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen.

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