Pfarrer erinnert sich an Nacht der Grenzöffnung in Teistungen

Teistungen  Heinz Kowallik war jahrelang in Teistungen tätig und berichtet von Gänsehautmomenten.

Der ehemalige Teistunger Pfarrer hat noch ein Stück vom einstigen Grenzzaun.

Der ehemalige Teistunger Pfarrer hat noch ein Stück vom einstigen Grenzzaun.

Foto: Heinz Kowallik

Für Pfarrer Heinz Kowallik war dieser Donnerstag vor 30 Jahren ein ganz normaler Arbeitstag in seiner Pfarrei in Teistungen. Er steckte damals in den Vorbereitung zur Martinsfeier und dem Umzug. Am Abend hatte es noch eine abschließende Besprechung mit den Helfern gegeben. Dann war Zeit für die Nachrichten.

„Die Tagesthemen kamen mit Verspätung, was keine Seltenheit war. Die Ereignisse in Ungarn, Prag, Dresden, Plauen, Leipzig, Berlin – immer wieder Sonderberichte“, erinnert sich Heinz Kowallik. Um 22.42 Uhr war der Sendebeginn mit dem Brandenburger Tor und der Mauer. „Menschen stehen auf, umarmen sich und jubeln überglücklich. Ich kneif mir in den Arm, um sicherzugehen, dass ich nicht träume“, erzählt der Geistliche heute.

„Das hältst du im Kopf nicht aus, dachte ich, und dabei rollten Tränen der Freude.“ An die Anfrage eines Journalisten an Günter Schabowski zur neuen Reiseregelung erinnert sich der Pfarrer genau: „Wann tritt das in Kraft?“ Und ebenso an die Antwort: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort … unverzüglich …“.

Nun wollte Pfarrer Heinz Kowallik es wissen. „Der Weg vom Pfarrhaus zur Grenzübergangsstelle war irgendwie unheimlich. Spärliche Straßenbeleuchtung, kein Mensch unterwegs, kein Auto.“ Beim Betreten der Grenzübergangsstelle hielten ihn die Polizisten an: „Na wo wollen Sie denn hin?“, fragten sie. „Nach Duderstadt“, antwortete er. „Sie wissen doch …“, hob der Polizist an. „Ja, das weiß ich, aber ...“, sagte Heinz Kowallik. „Was aber ... ?“, unterbrach ihn da der Polizist. „Dann kam ein Trabi dazu. Eine Frau kurbelte das Fenster herunter, und die gewohnte Belehrung begann“, erzählt er. Die Frau sprang aus dem Auto. „Ihr habt uns 40 Jahre lang drangsaliert. Jetzt ist Schluss damit. Ich will sofort nach Gerblingerode zu meinen Verwandten“, rief sie. Der Polizist: „Aber Sie wissen doch. Das geht nicht ... ?“ Davon ließ sich die Frau aber nicht beirren. Sie sagte; „Und ob das geht, sofort, unverzüglich ...“ Sie geriet in Wut. Die Situation drohte zu eskalieren.

Einer der Polizisten hatte bereits mit seiner Dienststelle in Worbis Kontakt aufgenommen. „Fahren Sie zurück zum Volkspolizeikreisamt Worbis. Dort erhalten Sie einen Schein, der Sie zum Grenzübertritt berechtigt“, riet er der Frau. „Es war ein Hin und Her“, blickt Heinz Kowallik zurück. Dann stieg die Frau in ihr Auto. Die Tür krachte zu. Sie drehte um und fuhr los.

Unverrichteter Dinge ging auch Heinz Kowallik zurück. Der Grenzübertritt wäre ohnehin nur mit den Bussen des Kleinen Grenzverkehrs und mit dem Pkw möglich gewesen. „Und gegen 0.35 Uhr ging es dann richtig los. Autos an Autos kamen aus allen Richtungen, denn die nächsten Übergänge waren Helmstedt beziehungsweise Herleshausen.“ Und die geplante und sorgsam vorbereitete Martinsfeier? „Sie musste ausfallen. Der Grund: Alle waren unterwegs in Richtung Duderstadt. Die Grenze war offen!“

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