Sorge um den Fortbestand der Praxen und zugleich um die Patienten

Dingelstädt.  Physiotherapeuten und ähnliche Berufsgruppen im Eichsfeld geraten wegen Corona-Krise in große Schwierigkeiten.

Ergotherapeutin Jana Funke bleibt optimistisch und hofft auf Hilfe durch die Gesundheitspolitik. Sie möchte bald wieder mit ihrem Lastenfahrrad zu den Patienten nach Hause fahren. Wenn Kinder behandelt werden, kommt auch die Therapiepuppe Paul mit.

Ergotherapeutin Jana Funke bleibt optimistisch und hofft auf Hilfe durch die Gesundheitspolitik. Sie möchte bald wieder mit ihrem Lastenfahrrad zu den Patienten nach Hause fahren. Wenn Kinder behandelt werden, kommt auch die Therapiepuppe Paul mit.

Foto: Johanna Braun

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Jana Funke macht sich große Sorgen. Der Ergotherapeutin liegt das Gesundheitsnetzwerk in Dingelstädt und Umgebung am Herzen. Aber die Behandlungen sind wegen der Einschränkungen infolge der Corona-Krise um 70 Prozent gesunken. „Wir befinden uns in äußerst schwierigen Zeiten.“ Viele der Patienten gehören zur Risikogruppe und bleiben nun richtigerweise zu Hause, sagen die Termine ab. „Einige denken aber auch, dass die Praxis wegen des verhängten Kontaktverbotes geschlossen ist“, sagt sie. „Dem ist aber nicht so.“ Sie sorgt sich um die Zukunft ihrer Praxis in Dingelstädt und zugleich um ihre Patienten. „Wenn wir das nicht überstehen, hat das verheerende Folgen für sie“, sagt die 33-Jährige.

Wie ihr geht es momentan vielen Heilmittelerbringern, also auch den Physiotherapeuten. Vor drei Jahren hat sich die zweifache Mutter aus Bickenriede in Dingelstädt selbstständig gemacht. Zusammen mit der Physiotherapie Apel und Vogt gründete sie 2017 das Therapiezentrum Alte Ambulanz in der Birkunger Straße. Unter einem Dach arbeitet man eng zusammen, spricht sich ab, beratschlagt. Den Kollegen nebenan geht es nicht anders. Auch sie sorgen sich um die Zukunft, es herrscht große Unsicherheit.

Der Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV) forderte jüngst eine finanzielle Soforthilfe von der gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen. Und das sei für die Krankenkassen sogar ein Nullsummenspiel, heißt es in einer Mitteilung des Verbandes. „Wenn wir keine Leistung erbringen können, entstehen den Krankenkassen keine Kosten. Ganz im Gegenteil, sie profitieren finanziell von dieser Situation“, so die Mitteilung. „Denn die Kosten für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie sind im Haushaltsplan der Krankenkassen bereits eingeplant. Es bringt sie also nicht in finanzielle Schwierigkeiten, den Heilmittelerbringern eine Soforthilfe auszuzahlen, um deren Umsatzeinbußen auszugleichen."

Jana Funke sieht das ganz genauso. „Wir halten diese Situation sicher einen Moment aus, aber ohne diese Ausgleichszahlungen beziehungsweise eine Unterstützung der Kassen werden diese Krise wahrscheinlich einige Praxen nicht überleben“, befürchtet sie.

Auch bei der Physiotherapie-Praxis Green Mile in Breitenworbis gibt es „Absagen ohne Ende“, sagt Inhaberin Cornelia Hoffmann. Die Leute haben Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Was aber noch erschwerend hinzukomme: „Kein Arzt verordnet mehr was. Patienten bekommen keine Folgeverordungen mehr. Die Ärzte sagen, man wisse ja nicht, was wird.“ Man brauche aber die Patienten, um zu wirtschaftlich überleben. Auch Cornelia Hoffmann hat viele ihrer neun Mitarbeiter bereits in Kurzarbeit nach Hause schicken müssen.

Von den Coronavirus-Hilfen vom Bund könne man auch nichts erwarten, stellt Cornelia Hoffmann klar, denn man müsse ja nicht schließen. Heilmittelerbringer gelten nämlich genauso wie Krankenhäuser, Ärzte und Apotheker als systemrelevant, gehören zum Kern der Gesundheitsversorgung.

„Auch hilfreich wäre, wenn Kredite oder Leasingverträge für einige Monate ausgesetzt werden könnten, um die laufenden Kosten in der Krise zu reduzieren.“ Aber Hilfe gibt es nicht. Auch nicht in Form eines Handlungsleitfadens seitens der Krankenversicherungen, mehr Schutzmasken, Handschuhen oder Desinfektionsmittel.

Telemedizin ist vor allem für Seniorenoft problematisch

Jana Funke würde ihren Patienten gern irgendwie helfen, hat schon über Online-Beratungen nachgedacht, ihr Kopf sprudelt fast schon über vor Ideen. „Aber das rettet mir nicht mein kleines Unternehmen und die Arbeit meiner Angestellten.“ Als Ergotherapeutin behandelt sie zum Beispiel Patienten, die wegen Krankheit, Verletzung oder Behinderung ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. Schwerpunkt der Praxis ist die Behandlung von Kindern und die Beratung der Eltern.

Beim Thema Telemedizin, ist Jana Funke der Meinung, hätte man viel früher anfangen müssen, um jetzt effektiv damit arbeiten zu können. Cornelia Hoffmann sieht dabei eher das Problem, dass ältere Patienten große Probleme haben könnten, das digitale Endgerät zu bedienen.

„Die Situation ist sehr verzwickt“, fasst die Physiotherapeutin knapp zusammen. „Es gibt viele Unsicherheiten auf beiden Seiten“, sagt Jana Funke. Trotz allem versucht sie optimistisch zu bleiben, ist motiviert. „Es geht schon irgendwie weiter. Ich setze große Hoffnung in die Gesundheitspolitik und hoffe, dass man uns nicht vergisst. Aber wenn wir alle schließen müssen, dann mache ich mir Sorgen um die Menschen in Dingelstädt und den umliegenden Ortschaften. Viele unserer Patienten sitzen nun zu Hause und warten auf uns.“

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