Uraltes Handwerk trifft auf Glücksbringer im Eichsfeld

Eichsfeld  Der Kirchohmfelder Florian Rust ist Hufbeschlagschmied. Er kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen und beschlägt unter anderem Pferde bei den Schockemöhles.

Hufbeschlagschmied Florian Rust beim Aufbrennen des Hufeisens. Pferd Anna hält still. Besitzerin Isabel Thüne aus Kreuzebra fasst mit zu.

Hufbeschlagschmied Florian Rust beim Aufbrennen des Hufeisens. Pferd Anna hält still. Besitzerin Isabel Thüne aus Kreuzebra fasst mit zu.

Foto: Eckhard Jüngel

Es ist ein uraltes Handwerk, das Florian Rust pflegt. Eines, das ihn viel herumkommen lässt. Er lernt Höfe und Gestüte im Eichsfeld, in Niedersachsen und Hessen kennen, dazu die Menschen und Tiere. Der junge Kirchohmfelder ist Hufbeschlagschmied. Auch Pferde von Paul Schockemöhle, der sich als einer der besten Springreiter der Welt einen Namen machte, beschlägt Florian Rust, wie er sagt.

Mit seiner mobilen Werkstatt geht es aufs Land – im Gepäck unter anderem den Gasofen, Gewindeschneider, Drehschleifer, die Bohrmaschine und unterschiedlichste Zangen. Das Wichtigste aber ist die Beschlagschürze, die Schutz und Werkzeughalter in einem ist.

Gerade hat Florian Rust seinen Transporter in Kreuzebra auf dem Hof von Marcel Franke ausgeräumt. Der und

seine Lebensgefährtin Isabel Thüne haben fünf Kaltblüter, fünf Shetlandponys und ein Fohlen. Heute soll die sechsjährige Anna beschlagen werden. Arbeit ist angesagt. Der Hufbeschlagschmied lässt sich das Pferd vorführen und in Stellung bringen. Zuerst werden danach die Hufe ausgeschnitten. „Das ist wie bei uns Menschen das Schneiden der Zehnägel. Es sollte alle acht Wochen passieren und ist wichtig, um die korrekte Stellung zu gewährleisten“, erklärt er.

Florian Rust liebt Pferde, reitet aber weniger, sondern spannt die Kutsche an. Dann kann es raus in die Natur gehen. Die Liebe zu den Tieren, die Leidenschaft, mit der das Herz für den Beruf schlägt, Fingerspitzen­gefühl, Geduld, Erfahrung und Fachwissen – all das gehört zusammen und braucht es für den Hufbeschlagschmied. Zweieinhalb Jahre hat die Ausbildung gedauert. Im Eichsfeld sind es gegenwärtig um die vier Mitstreiter, die als Berufskollegen arbeiten.

Während der junge Mann erzählt, dass er schon von Kindesbeinen an ein Pferdenarr ist und als Schuljunge mit einem Schmied mitfuhr, macht er sich daran, den sogenannten Strahl auszuschneiden. Während das tote Gewebe entfernt wird, bleibt Pferd Anna ruhig stehen. „Zuerst habe ich eine Motorradmechanikerlehre absolviert, dann aber gleich die zweite Ausbildung angeschlossen. Die Arbeit mit Pferden reizt mich, und wer einmal infiziert ist, kommt davon nicht wieder los,“ sagt er. Florian Rust mag den Geruch der Tiere und die Herausforderung, dass eben jedes anders ist. „Ich würde nie etwas anderes machen wollen“, erklärt er spontan und lässt an seinen Worten keinen Zweifel aufkommen. So ist das eben, wenn Beruf Berufung ist.

Derzeit gibt es auf den Höfen viel zu tun. Im Winter herrscht dagegen eher eine Flaute, so dass Florian Rust im Wald Holz rückt – natürlich mit Pferden. Die sind von früh bis abends an seiner Seite, im Sommer wie im Winter. Bei den Worten schaut Florian Rust auf seine Hände. Sie haben viele kleine Narben, Verletzungen, die vom Eisenaufnageln stammen. Einen blauen Daumen zieht er sich auch ab und an zu. So schön, wie die Arbeit mit den Pferden ist, ungefährlich ist sie nicht. Im Krankenhaus lag der Hufbeschlagschmied auch schon, weil ihn ein Tier in den Bauch trat. Doch abgeschreckt hat ihn das alles nicht, und von der Selbstständigkeit hielt es ihn auch nicht ab.

Heute hat es Florian Rust meist mit den Pferden der Freizeitreiter zu tun, aber auch mit denen von Turnier- und Berufsreitern. Vom Pony über Klein- bis zu Großpferden und Kaltblütern ist alles dabei. „Im Eichsfeld gibt es alles. Doch sind es hier viel weniger Pferde als in den alten Ländern“, lautet seine Erfahrung. Dass sein Berufsstand einmal ausstirbt, glaubt der Kirch­ohmfelder nicht. „Aber er stagniert.“

Im kommenden Januar ist es zehn Jahre her, dass Florian Rust den Sprung in die Selbstständigkeit wagte. Bereut hat er den Schritt nicht, auch wenn es ein körperlich schwerer Job ist. „Und man sieht ja nicht nur die gut gepflegten Tiere, sondern auch die, bei denen dann das ­Veterinäramt eingeschritten ist. Auch das kommt ab und an vor. Doch die meisten gehen sehr gut mit den Tieren um“, erzählt Rust, der es jedes Jahr mit ein paar Tausend Pferden zu hat.

Jetzt muss er den Blick aber wieder der Arbeit zuwenden und kontrollieren, ob der Huf gerade ausgeschnitten ist. Eine kleine Korrektur, dann passt es. Schnell noch einmal ein prüfender Blick auf Anna. Im eigenen Besitz hat Rust fünf Pferde.

Weiter geht es mit den Hufeisen. Die gelten als Glücksbringer und sind besonders bei den kleinen Mädchen sehr beliebt. Rust selbst hat viele Eisen – nicht, weil er abergläubisch ist, sondern weil es immer wieder Interessenten gibt, die diese für künstlerische Zwecke nutzen, aus ihnen unter anderem Kerzenhalter fertigen.

Anna bekommt jetzt eine Schlinge in den Schweif, damit das Bein hochgezogen und von Isabel Thüne gehalten werden kann. Auch sie hat in den Jahren Routine beim Beschlagen bekommen. Das alte Hufeisen wird entfernt. Anna ist derweil nicht mehr so ruhig, die Fliegen ärgern sie. Damit sich die Nervosität legt und sie nicht ausschlägt, bekommt sie eine Decke. Pferde sind ziemlich schreckhafte Tiere.

„Die Hufeisen sind wie der Schuh für einen Menschen, daher gibt es auch unterschiedliche Formen. Pferde waren früher in der Landwirtschaft und für Transporte eingesetzt, verloren sie ein Hufeisen, war das eine echte Katastrophe. Das Glück bestand darin, es wieder zu finden. Und mal ehrlich, ein bisschen Aberglaube hat noch keinem geschadet“, meint der Hufbeschlagschmied, den das Glück natürlich auch beschäftigt. Doch darüber zu sinnieren, bleibt jetzt keine Zeit.

Anna braucht vorn neue Eisen. Verschiedene Rohlinge werden an den Huf gehalten. Seine Eisen bezieht Florian Rust übrigens aus Holland. Während er über den Hof zum Transporter geht, pfeift der junge Mann ein Liedchen. So etwas tut man wohl nur, wenn man zufrieden und eben glücklich ist. Es ist aber auch eine gute Gelegenheit, um den Rücken nach der langen gebückten Haltung wieder einmal gerade zu machen.

Nun wird das Feuer im Gasofen entfacht. „Auch beim Hufbeschlag hat sich in den Jahren etwas verändert, doch das Grundprinzip ist natürlich geblieben“, erklärt der Kirchohmfelder. Heute würde viel Orthopädie einfließen und mit Tierärzten zusammengearbeitet, um Erkrankungen des Bewegungs­­ap-parates und Fehlstellungen ent- gegenzuwirken. In dem kleinen Ofen ist nun die richtige Temperatur erreicht, das Eisen wird heiß gemacht. „Das sind rund 800 Grad.“ Das Eisen wird geschmiedet, schließlich aufgebrannt. Florian Rust und Isabel Thüne verschwinden hinter einer großen stinkenden Qualmwolke. Doch der Schritt ist wichtig. „Um eine plane Fläche am Huf zu haben und um zu sehen, wo die Nägel sitzen müssen.“ Später braucht es ein gutes Auge und eine ruhige Hand, denn auf keinen Fall darf Florian Rust dem Tier ins Fleisch nageln. Noch zahlreiche Handgriffe gibt es davor und danach, bis die Arbeit beendet ist. Anna hat stillgehalten, das Hufeisen sitzt. Isabel Thüne, Marcel Franke und Florian Rust sind zufrieden. Er kann sich auf den Weg zu einem anderen Pferd machen.

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