Verwirrung, Freude, neue Chancen - Wie Eichsfelder die Grenzöffnung erlebten

Eichsfeld  Sigrid Aschoff und Antonia Pfaff befragten Eichsfelder nach ihren Erinnerungen an den 9. November 1989 und wollten wissen, welche Bilanz sie nach 30 Jahren ziehen.

Trabischlange am Genzübergang zwischen Teistungen und Worbis in den ersten Tagen nach der Grenzöffnung

Trabischlange am Genzübergang zwischen Teistungen und Worbis in den ersten Tagen nach der Grenzöffnung

Foto: Grenzlandmuseum

So ziemlich jeder weiß noch, was er am 9. November 1989 gemacht hat, als die innerdeutsche Grenze geöffnet wurde. Einige Eichsfelder berichten hier über ihre Erlebnisse.

Christine Diegmann (53) aus Teistungen

Am Abend des 9. November waren wir als junge Familie zu Hause, denn unsere Tochter Anne war erst vier Wochen vorher geboren. Was wir im Fernsehen über die Grenzöffnung hörten, konnten wir einfach nicht fassen. Doch wir wussten auf einmal, dass unserem Kind die Welt offen stehen würde. Das allein war schon ein unglaubliches Gefühl. Die Nachricht machte dann natürlich im Dorf die Runde, obwohl wir nicht telefonieren konnten. Nachbarn kamen vorbei. Es herrschte riesige Freude, alle waren in Feierlaune.

Mein Fazit nach 30 Jahren: Ich freue mich noch immer über die gewonnene große Freiheit, die nun auch mein Enkelsohn genießen kann. Die Wende führte natürlich dazu, dass meiner Tochter alle Wege offen standen, sie konnte und kann ihr Leben so gestalten, wie sie es will – ohne Druck und Sperrgebiet. Das ist einfach wunderbar.

Christoph Schmidt (53) aus Jützenbach

Ich habe bei der ZBO (Zwischengenossenschaftliche Bauorganisation) Worbis gearbeitet und kam an dem Donnerstag aus Suhl von der Montage. Mit einem Freund bin ich dann zur Demo nach Leinefelde. Die Kerze und das Schild habe ich noch. Dort hieß es plötzlich, dass die Grenze auf ist. Wir sind zurück und bis zum ersten Schlagbaum gekommen.

Doch da tat sich nichts, also sind wir zur Polizei nach Worbis und wollten fragen, wie die Situation ist. Um 0.20 Uhr konnten wir den Übergang in Teistungen passieren und sind weiter mit dem Auto zuerst nach Obernfeld, dann nach Duderstadt. Ganz genau um 3.05 Uhr habe ich im „Quentchen“ mein erstes Westbier getrunken.

Mein Fazit:Es ist super, dass es kein Sperrgebiet mehr gibt und man Besuch empfangen kann, wann man will. Man kann heute sagen, was man will, sich kirchlich engagieren. Zu kämpfen hat sich gelohnt.

Erhard Zwingmann (59) aus Böseckendorf:

Ich hatte von der Grenzöffnung gar nichts gehört – bis mein Nachbar klopfte. Wir sind dann nach Teistungen gefahren, haben dort aber keine anderen Autos gesehen. Und wir hatten ein mulmiges Gefühl, wussten nicht, ob man uns an der Güst (Grenzübergangsstelle) vielleicht festnimmt. Als sich nach 45 Minuten nichts tat, dachten wir: Das war‘s. Wir sind zurückgefahren. Morgens bin ich ganz normal zur Arbeit und habe da erst gehört, dass die Grenze offen ist. Ich habe meine Schweißerschürze abgetan und bin mit meinem Chef nach Duderstadt.

Mein Fazit:Unser Dorf hat eine riesige Entwicklung gemacht. Das sehe ich als Ortsbürgermeister gern. Die Frage ist aber, was aus Böseckendorf, damals im 500-Meter-Sperrgebiet gelegen, geworden wäre, wenn die Wende nicht gekommen wäre. Vom Grenzort in die Mitte Deutschlands – besser geht es nicht.

Diana Schlotterhose (44) aus Teistungen

Von dem, was in der Nacht zum 10. November passierte, habe ich ehrlich gesagt nichts mitbekommen. Ich war 14 und habe geschlafen. Als mein Vater morgens nach Leinefelde wollte, standen in Teistungen die Autoschlangen.

Ich habe mich durch sie zur Schule gekämpft. Dort herrschte Trubel, denn viele, die unterwegs in den Westen waren, wollten etwas trinken oder zur Toilette. Mit meinen Eltern bin ich später nach Immingerode zu Verwandten gefahren. Und an dem Sonntag hatte ich mein erstes Westfrühstück in Nesselröden samt erstem Westbrötchen.

Mein Fazit: In den Köpfen gibt es noch immer Ost und West. Das merke ich auch, wenn es um die Bewertung meines Berufes geht – ich bin Tagesmutter – und auch bei der Bezahlung. Positiv ist, dass meinen Kindern, die langsam ins Berufsalter kommen, die Welt offen steht und sie viele Möglichkeiten haben, sich frei zu entfalten.

Pfarrer Hubertus Iffland (54) aus Weißenborn-Lüderode

Ich war zu der Zeit in Erfurt im Priesterseminar. Es war Ausnahmezustand. Als Theologen die Stasi belagerten, haben sie gesehen, wie Akten aus dem Gebäude getragen wurden. Die Grenze war auf, und wir haben vom Regens frei bekommen. Ich bin zuerst nach Hamm gefahren und kann mich noch gut erinnern, dass man uns zugerufen hat: „Kommt wieder!“

Mein Fazit: Ich vermisse die Dankbarkeit. Wir sind in die Sahne gefallen. Und: Uns geht es heute so gut wie nie. Wenn es Krisen gibt, ist das Problem, dass niemand in Verantwortung geht und diese übernimmt.

Man sägt sich die Äste ab, auf denen man sitzt. Und schwierig ist heute auch der ganze Bürokratismus. Für die Flüchtlinge ist es ihrerseits heute wichtig, dass ihre Heimat wieder aufgebaut wird, denn die ist kostbar. Das ist zwar nicht einfach, aber zusammen kann man einiges schaffen.

Michael Spitzenberg (66) aus Silberhausen

Ich war am Abend des 9. November zuhause und habe die Nachrichten im Fernsehen verfolgt. Was ich da gesehen habe, das konnte ich einfach nicht glauben. Es war unfassbar und eine ganz besondere Gefühlslage, denn viele Menschen hatten die DDR ja schon verlassen. Ich war damals Mitte 30, und die Wende kam für mich zum besten Zeitpunkt.

Mein Fazit:Die friedliche Revolution und die dann folgende Wende waren das Beste, was uns je passieren konnte. Jeder hat nun Möglichkeiten und Chancen, selbst etwas zu gestalten und sich frei zu entwickeln.

Man muss das eben auch nutzen und sollte sich außerdem engagieren. Und wir dürfen eines auf keinen Fall, wir dürfen nicht vergessen, welches Leid die Mauer und die innerdeutsche Grenze gebracht haben. Das ist auch ganz wichtig für die nachfolgenden Generationen.

Wolfgang Dreiling (62) aus Breitenworbis

Ich bin Kraftfahrer und in der Nacht von Berlin nach Hause gekommen. Im Lkw habe ich gehört, was vor sich geht. Daheim habe ich mein vierjähriges Kind und meine Frau geweckt. Wir sind dann Richtung Duderstadt gefahren.

Ich hatte einen Passierschein und habe einfach gesagt, ich muss liefern. An einem Feld habe ich den Laster abgestellt, dann ging es in die Stadt, wo wir einen wunderbaren Tag verlebt haben. Und ich erinnere mich noch an die gigantische Autoschlange, die bis Sollstedt gereicht hat.

Mein Fazit:Ich denke, man behält vor allem das Gute in Erinnerung. Und die Frage „Haben Sie ... ?“, die muss heute niemand mehr stellen. Die ersten zehn Jahre waren top. Heute leben wir in einer Ellenbogengesellschaft, die noch dazu hektisch ist. Ich finde auch, dass die Bananen früher besser geschmeckt haben.

Sandra Feltgen (45) aus Neuendorf

Im Oktober waren wir noch auf Klassenfahrt in der Tschechei. Und am 9. November 1989 war ich abends bei der Disko in Worbis im „Kulti“. Damals habe ich noch in Leinefelde gewohnt. Der DJ hat durchgesagt, dass die Grenzen offen sind

Alle sind danach erst einmal raus, und dann wurde drinnen noch mehr Party gemacht. Ich war erst am 11. November in Duderstadt. Mit dem Bus ging es bis Gerblingerode, dann hieß es: laufen. Ich weiß noch, dass im CheckPoint ordentlich die Post abging.

Mein Fazit:Für meinen Jahrgang kam die Wende genau zur richtigen Zeit, denn auf einmal gab es ungeahnte Möglichkeiten, insbesondere für uns junge Leute. Statt nach Gotha an die Technikerschule zu gehen, habe ich mich entschlossen, in Göttingen eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin zu absolvieren.

Peter Nolte (76) aus Siemerode

Ich saß am 9. November 1989 abends kurz vor 19 Uhr vor dem Fernsehen, als verkündet wurde, dass die Grenzen unverzüglich geöffnet werden. Meine Frauen und ich, wir haben uns angesehen und konnten es einfach nicht glauben.

Plötzlich soll die Grenze offen sein, das ist doch nicht möglich. Erst in der Nacht, als im Fernsehen und Radio berichtet wurde, dass in Berlin die Menschen zur Mauer stürmen, haben wir es richtig geglaubt. Und am nächsten Morgen fuhren die Autos schon gen Westen.

Mein Fazit: Ich bin glücklich, dass ich Grenzöffnung und Wiedervereinigung erleben durfte. Das ist ein Geschenk, das kommt auch so nicht wieder. Durch die Grenzöffnung konnten wir endlich reisen und hatten die Freiheit wieder. Denn Siemerode lag ja im Fünf-Kilometer-Sperrgebiet, und das war dann auch alles weg.

Hermann Hille (67) aus Weißenborn

Es war ganz kurios. An diesem Tag haben wir vom Sportverein, in dem ich der Vorsitzende bin, geschlachtet. Es war eigentlich erstmal ein Tag wie jeder andere, nichts Besonderes. Doch am Abend, da kamen die ersten Bürger aus Glasehausen nach Weißenborn, nach Niedersachsen gefahren.

Da hatte ich auch das erste Mal Kontakt zu DDR-Bürgern. Doch zuvor haben wir natürlich schon im Radio und im Fernsehen von der Grenzöffnung erfahren.

Mein Fazit: Es war einmalig. Durch die Grenzöffnung habe ich nun einen viel größeren Einzugsbereich. Denn früher konnte ich nicht einfach in die DDR reisen. Meine Großeltern hatten damals schon viel Kontakt nach Heiligenstadt, und den haben wir nun auch – dank der Öffnung der Grenze. Ich bin in fünf Minuten in Heiligenstadt und kann dort einkaufen.

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