Warum bei Schönau ein Gedenkstein steht

Schönau.  Robert Sterken aus Texas ist nach Schönau gekommen, um den Gedenkstein seines Großonkels zu besuchen und sein Schicksal zu erforschen.

Robert Sterken ließ sich von Familie Lehmann aus Schönau den Gedenkstein zeigen, der an der Stelle steht, an der sein Großonkel ermordet wurde.

Robert Sterken ließ sich von Familie Lehmann aus Schönau den Gedenkstein zeigen, der an der Stelle steht, an der sein Großonkel ermordet wurde.

Foto: Johanna Braun

Als Robert Sterken aus Texas vor dem Gedenkstein am Ortsausgang von Schönau steht, muss er schlucken. Ihm geht das, was er dort sieht, sichtlich nahe. Er wickelt die rote Rose aus, die er mitgebracht hat, steigt mit einem großen Schritt über den Straßengraben und lehnt die Blume an den Stein. Dieser markiert die Stelle, an der sein Großonkel 1944 ermordet wurde. Im zweiten Weltkrieg war dieser als Jagdflieger in der 357. Fliegergruppe aktiv. Im Luftraum über Uder stürzte sein Flugzeug – eine Mustang P 51 – ab und kam am sogenannten Ranor, einem Waldstück zwischen Schönau und Burgwalde, zu Boden. Der Pilot – sein Name war Kirby M. Brown – konnte sich wohl mit einem Fallschirm retten.

Was dann passierte, kann nur noch aus der Erinnerung rekonstruiert werden. Aufzeichnungen gibt es nicht. Gottfried Lehmann aus Schönau erinnert sich an die Erzählungen seiner Mutter. „Als das Flugzeug zu Boden ging, sind hier im Ort wohl einige Fensterscheiben zersprungen.“ Der Soldat sei ins Dorf gelaufen. „Er fragte mit Händen und Füßen im ersten Haus nach etwas zu essen. Dort wohnt meine Familie heute noch. Meine Mutter hat ihm ein Stück Brot gegeben.“ Dann habe er aus seiner Tasche einen Zettel geholt, auf dem das Wort Danke stand. „Den hatte er wohl vorbereitet“, vermutet Gottfried Lehmann. „Er konnte kein Deutsch und meine Mutter kein Wort Englisch.“

Bei dieser Erzählung muss Robert Sterken lächeln, auch wenn ihm nicht so recht danach zumute ist. „Wow“, sagt er immer wieder mit Blick auf den Stein. Und: „Es ist doch verrückt, ich habe diesen Mann nie gekannt, aber er ist so ein großer Teil meiner Familiengeschichte.“ Robert Sterken lebt in Tyler, Texas, ist Professor für Internationale Beziehungen an der dortigen Universität. Für die „Model United Nations“-Konferenz, bei der 450 Studierende aus der ganzen Welt in die Rolle von UN-Botschafter ihrer Länder schlüpfen, kam er in der vergangenen Woche nach Erfurt. Die Konferenz fand erstmals in Deutschland statt. „Ich habe auch zugesagt, weil ich meine Familienforschung damit verbinden und ins Eichsfeld kommen konnte.“

Pilot von hinten erschossen

Lange blieb Kirby M. Brown nicht in Schönau. „Die SA oder SS hat sein Auftauchen gleich nach Uder gemeldet“, sagt Gottfried Lehmann. „Der Polizist aus Uder griff ihn auf und führte ihn die Straße entlang Richtung Absturzstelle. Nur wenige hundert Meter nach dem Ortsausgang zog er seine Pistole und schoss dem Soldaten ins Genick. Es sollte wohl so aussehen, als sei er auf der Flucht gewesen und so getötet worden“, mutmaßt Gottfried Lehmann. Den Mord hätten einige Bauern aus dem Ort von ihren nahe gelegenen Grundstücken aus beobachten können.

Flugzeug namens „Shady Lady“

Das war der 13. September 1944. Kirby M. Brown war ungefähr 20 Jahre alt. Er war verheiratet, hatte aber keine Kinder. Dieses Datum ist neben den anderen Eckdaten auf dem Stein vermerkt. Aber wie kam der US-Amerikaner eigentlich auf den Gedenkstein? „Bis 2003 hat meine Familie gedacht, Kirby sei beim Absturz ums Leben gekommen und auch, dass es über Belgien passiert sei.“ Seine an der englischen Ostküste, in Leiston, stationierte Fliegergruppe, die auch unter dem Namen Yoxford Boys bekannt war, sowie deren Nachkommen, erforschten viele Jahre die Schicksale der einzelnen Soldaten. Aus ihren gesammelten Erkenntnissen in einem Buch erfuhr Robert Sterken vom eigentlichen Schicksal seines Großonkels. Er wandte sich an die Gemeinde Uder, und Bürgermeister Gerhard Martin stellte den Kontakt zur Familie Lehmann her.

So steht auch Mario Lehmann, Sohn von Gottfried Lehmann, am Gedenkstein und erinnert sich, dass an der Absturzstelle am Ranor noch lange Metallteile, Stücke des Flugzeuges mit dem Namen „Shady Lady“, gelegen hatten. „Wir haben dort oben oft gespielt. Jetzt ist die Stelle aber sehr überwachsen“, sagt er. Den Stein selbst habe seines Wissens nach eine US-amerikanische Veteranengruppe initiiert.

Der Leichnam von Kirby M. Brown wurde, so erzählt es Gottfried Lehmann dann weiter, mit dem Pferdewagen nach Uder gebracht. Dort wurde er an der Friedhofsmauer beigesetzt.

„In den 1950ern ist er dann in die USA überführt worden. Sein Grabstein steht heute in Louisiana“, vollendet Robert Sterken die Geschichte seines Großonkels, die er nun auch in einem Buch zusammenfassen will. Eigentlich sollte es nur ein Artikel werden, aber er decke, je länger er forsche, immer neue Teile der Geschichte auf.

Bevor es für den Texaner Robert Sterken zurück nach Erfurt geht, führt Mario Lehmann ihn noch zu der Absturzstelle.

Langsam gehen sie die Straße Richtung Burgwalde entlang, in Richtung eines weiteren Mosaiksteins in der Familiengeschichte des US-Amerikaners.

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