Wenn der Alltag plötzlich anders ist

Heiligenstadt.  Mitarbeiter eines Alten- und Pflegeheims in Heiligenstadt berichten über ihre Erfahrungen – im Beruf und auch privat.

Martin Griethe (links) leitet das Alten- und Pflegeheim Hospital Zum heiligen Geist in Heiligenstadt. Viele Gespräche führt er derzeit auch mit den Mitarbeitern.

Martin Griethe (links) leitet das Alten- und Pflegeheim Hospital Zum heiligen Geist in Heiligenstadt. Viele Gespräche führt er derzeit auch mit den Mitarbeitern.

Foto: Alten- und Pflegeheim Hospital Zum heiligen Geist

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100 Frauen und Männer haben im Alten- und Pflegeheim Hospital Zum heiligen Geist ihr Zuhause. Die Mitarbeiter, die sie betreuen, stehen vor besonderen Herausforderungen, haben sie doch nicht nur am Arbeitsplatz eine große Verantwortung, sondern auch Familien, deren Alltag nun ein völlig anderer ist. Alle aktuellen Infos im kostenlosen Corona-Liveblog

„Die Situation auf Grund steigender Coronavirus-Fälle im Landkreis wird ernster. Und auch bei uns gilt ein striktes Besuchsverbot. Die Anspannung steigt von Tag zu Tag, doch unser Team ist super engagiert“, sagt Martin Griethe, der die Einrichtung mit 93 Voll- und Teilzeitkräften leitet. Täglich muss die Lage neu bewertet werden. Mit den Bewohnern wird über die Situation gesprochen, erläutert, warum die Maßnahmen gerade für ihren Schutz so wichtig sind. „So mancher von ihnen aber weiß von früher, was Entbehrung ist“, meint der Heimleiter.

Bei Martin Griethe hat sich nicht nur der Arbeitsalltag verändert, sondern auch der Alltag seiner Familie. Seine Frau und er haben drei Kinder, zwei gehen in die Schule, das jüngste Kind ist zweieinhalb Jahre. Da beide berufstätig sind, sind jetzt noch mehr Teamwork und Organisation gefragt. Lennart (12) und Thalea (9) besuchen die 6. beziehungsweise 3. Klasse. Von der Schule haben sie Material mitgebracht, um daheim weiter zu lernen. „Wir müssen den Tag gut strukturieren. Um 7 Uhr habe ich die Großen geweckt, nach dem Frühstück ging es an die Hausaufgaben“, erzählt der 40-Jährige.

Werkunterricht in Vaters Werkstatt

Danach gibt es im wahrsten Sinne eine Hofpause. Und es geht weiter: Die Schulaufgaben müssen kontrolliert, das Mittagessen zubereitet werden. Auch die kleine Marlene hat Ansprüche. „Das alles ist für uns Eltern quasi eine neue Schulzeit“, meint Martin Griethe mit einem Augenzwinkern. Was den „Werkunterricht“ an dem Tag angeht, ist es derweil einfach, der Papa kennt sich mit Raspel und Feile aus. Er macht gerade die Erfahrung, dass die Geschwister enger verbunden sind. Und es wird viel miteinander geredet.

Das ist nicht nur zu Hause, sondern auch im Alten- und Pflegeheim so. „Ich spreche mit den Mitarbeitern über Unsicherheiten und Ängste, denn die gibt es“, sagt Griethe. Angehörige von Bewohnern haben ebenfalls Fragen. Per Mail und Telefon wird kommuniziert, dazu kommt der eigens eingerichtete Pförtnerdienst. Dass die Verwandten viel Verständnis zeigen, freut ihn. „Das macht es etwas einfacher.“

Spaziergänge statt Training im Verein

Im „Hospital Zum heiligen Geist“ arbeitet auch Schwester Belinda. Ihr Mann und sie sind ein eingespieltes Team, das trotzdem mit einem Kindergarten- und einem Grundschulkind gerade vor so mancher Herausforderung steht. Mit dem Neunjährigen, der sportlich in Vereinen aktiv ist und jetzt seine Freunde nicht treffen kann, geht es auf lange Spaziergänge. Das soziale Umfeld muss ersetzt werden. „Das Ganze ist aber auch eine Bereicherung, man beschäftigt sich viel mehr mit den Bedürfnissen der Kinder. Es muss zudem viel erklärt werden – die Corona-Situation, Hygieneregeln und warum man nicht zusammen einkauft“, so die 40-Jährige.

Gut vorbereitet durch die Schule

Dass die Schule den Sohn gut vorbereitet und über den Virus aufgeklärt hat, erleichtert einiges. Der Junge hat verstanden, um was gerade geht. „Er verfolgt die Berichte im Fernsehen – unbefangen und doch mit Sorge“, weiß die Mutter. Ganz wichtig ist es ihr daher, das Kind mit seinen Gedanken nicht allein zu lassen. Denn es geht auch um Themen wie Kontaktpersonen, Infizierte im Eichsfeld, das Altenheim und die nicht stattfindenden Besuche bei den Großeltern. „Aufklärung ist das Eine, das Andere der Spagat, damit nicht am Ende die Angst übrig bleibt. Und man muss weiterdenken, darüber reden, dass von Corona Betroffene nicht ausgegrenzt werden“, sagt Schwester Belinda, wohl wissend, wie sensibel die Themen sind.

Eines steht für die Altenpflegefachkraft aber fest: „Wir dürfen die Zuversicht und Hoffnung nicht verlieren. Wir können uns auf die Zeit freuen, wenn wir die ganze Familie wiedersehen und das genießen. Wir werden sicher auch Schlüsse ziehen, zu neuen Erkenntnissen kommen.“

Jeder hadert mal mit seinem Beruf

Die 40-Jährige hat in diesen Tagen jedoch eine weitere Erfahrung gemacht – und zwar die, wie wichtig ihr Beruf ist, wie viel sie bewegen und verändern kann. „Jeder hadert mal mit seinem Job, aber jetzt sehe ich leider auch viele bedrohte Existenzen. Dass die Wertschätzung für unsere Arbeit steigt, gibt uns Kraft. Und wenn Angehörige danke sagen, uns mit Worten stärken, ist das schön“, meint die Eichsfelderin und freut sich, wenn sich die Leute heute in vielen Bereichen unterstützen.

Gelesen hat Schwester Belinda zum Beispiel vom Johannitergut Beinrode, das sonst Schulessen, dieses aber gerade für alle anbietet. Das wird ihre Familie jetzt nutzen. Auch da, meint sie, würden ihre Kinder erleben, was Solidarität ist. „Die alten Menschen vertrauen uns, dass wir gut auf sie aufpassen. Und wir, wir lernen jetzt, viele und vieles zu schätzen“, sagt die sympathische Altenpflegerin.

Zum Glück gibt es den Garten

Ihre Kollegin ist Schwester Theresa. Sie ist 26 Jahre und hat einen zweijährigen Sohn. Um den Kleinen gut zu betreuen, ist es auch für sie und ihren Mann wichtig, nun Woche für Woche neu zu planen. „Mit einem Kleinkind ist das etwas leichter. Es versteht das Ganze noch nicht. Trotzdem merken wir auch bei unserem Sohn, dass ihm die sozialen Kontakte fehlen, er ist anhänglicher geworden“, erzählt sie und ist froh, dass es den eigenen Garten gibt, in dem man mal die Sonne genießen kann. Dass sich der Blick auf die Altenpflege gerade etwas geändert hat, mehr Verständnis gezeigt wird, hat auch die junge Frau erlebt. „Abläufe sind anders, man merkt aber auch, dass ein Team an einem Strang zieht. Das ist super. Für die Bewohner da sein, das schweißt uns mit ihnen und untereinander zusammen.“

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