Tatort-Star Joe Bausch: „Bei 99 Prozent der Leute funktioniert die innere Bremse“

Michael Keller
| Lesedauer: 6 Minuten
Knastarzt und Schauspieler Joe Bausch - gelesen hat er bei Krimifestival in der Zentralheize am Donnerstag nicht, aber viel erzählt.

Knastarzt und Schauspieler Joe Bausch - gelesen hat er bei Krimifestival in der Zentralheize am Donnerstag nicht, aber viel erzählt.

Foto: Michael Keller

Tatort-Gerichtsmediziner und Knastarzt Joe Bausch hat in der ausverkauften Erfurter Zentralheize beim 7. Krimifestival von Peterknecht gelesen.

Joe Bausch hat das, was man einen Charakterkopf nennt. Kahl geschoren, viele lustige Falten, Schnäuzer und ein schelmisches Lächeln. Mit dem Gesicht hätte er nie die Rolle von Lehrer Specht bekommen, sagt Bausch – bürgerlich Herrmann Joseph Bausch-Hölterhoff – und grinst. Ganovenrollen eher.

Also ist er mit dem Gerichtsmediziner Roth im Kölner Tatort an der Seite von Fredi Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus Behrendt) doch zufrieden. Im richtigen Leben war der 69-jährige Westfale aber über 30 Jahre lang ein „echter“ Gefängnisarzt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Werl (NRW). Und aus diesem Dauertreffen mit Mördern und Totschlägern hat er Bücher gemacht.

Am Donnerstag sollte er beim 7. Krimifestival der Buchhandlung Peterknecht aus seinem neuesten Buch „Maxima Kulpa“ lesen. Gelesen hat er vor ausverkauftem Haus – zu 90 Prozent weiblich – in der Zentralheize aber nicht. Er hat erzählt. Spannend, witzig, kurzweilig. Nun ja, und gruslig war’s zeitweise trotzdem. Dafür gab’s frenetischen Beifall. Vor der „Lesung“ gab es die Gelegenheit zu einem Gespräch.

Arzt, Gerichtsmediziner, Schauspieler, Hörbuchsprecher, Autor, Regierungsmedizinaldirektor und Bundesverdienstkreuzträger – der Tag könnte so schön und abwechslungsreich sein. Und was machen Sie? Reden nur über die düstersten Seiten des Menschen . . .

Das hat mich so lange beschäftigt, dass es naheliegend ist, es weiter zu verbreiten.

Aber Tag für Tag immer dasselbe Thema?

In den letzten vier Jahren nicht mehr so. Ich bin seit November 2018 raus. Da muss ich nicht mehr morgens im Knast sein und abends lesen. Das ist ein großer Fortschritt. Aber es beschäftigt mich und macht mir Spaß.

Hatten Sie sich diesen Job schon damals, als Sie noch richtig schulterlange Haare hatten, ausgesucht?

Damals nicht. Hätte mir da einer erzählt, ich würde über 30 Jahre im Gefängnis als Arzt arbeiten, hätte ich ihn gefragt, welche Drogen man erfinden müsste, dass ich das machen würde.

Dabei waren Sie schon auf so einem guten Weg. Stichwort „Sturm der Liebe“.

Wenn man genau hingeschaut hat, war ich da das Arschloch und hieß Konrad, auf den alle schlecht zu sprechen waren. 30 Folgen lang wurde nur mein Bild auf dem Kamin gezeigt. Ich hatte nur in zwei Folgen wirklich einen Auftritt.

Nun zum Kern der Lesung. Warum bekommen Nachrichten über Mord und Totschlag mehr Klicks, als Geschichten aus dem normalen Leben? Woher kommt diese Lust am Leiden anderer?

Ganz einfach. Das hat was damit zu tun, dass wir ab und zu unsere Panikmuskeln trainieren. Wenn man heute die Tagesschau guckt, hat man danach so viel Panik, da schaut man sich im Anschluss gern den Tatort an, wo man am Ende meist weiß, der Täter wird zur Strecke gebracht.

Letzte Woche nicht.

Das hat aber auch viele Leute ganz schön genervt. Aber sonst ist es das, was die Menschen wollen. Man hört vom Verbrechen und 99 Prozent der Mörder werden gefasst. Das ist verlässlich. Man kann sich, ohne sich schlecht zu fühlen oder zu glauben, man sei ein perverser Spanner, diesen Sachen nähern und man kann es sich dosiert geben. Zur Not abschalten. Außerdem sind die Geschichten der Täter sehr oft viel spannender, als die der Opfer.

Gab es bei diesen Gesprächen mit den schweren Jungs auch Momente, wo Sie gedacht haben „Ich will hier raus“?

Ja, es gab Momente, da habe ich nur gedacht „Junge, halt’s Maul“. Ich will nicht mehr, es reicht für heute.

Hatten Sie auch mit Frauen zu tun?

Ich war am Anfang auch mal drei Jahre auf einer Frauenstation. Da war es angenehm, aber ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so oft verarscht worden. Ich war noch jung und gutgläubig.

Wenn Sie Feierabend hatten, konnten Sie da so einfach die Tür hinter sich schließen?

Ja, das geht. Das lernt man mit der Zeit. Als Arzt lernt man abzuschalten. Wenn man das Schicksal von allen Patienten mit nach Hause nimmt, geht man kaputt.

Welches war Ihre schlimmste Moritat?

Als Schüler habe ich als Mutprobe mal Zigaretten geklaut. Und wurde erwischt. Von einer Bekannten, Mann, war das peinlich. Seither wusste ich, wenn ich mal was Krummes mache, kommt’s raus.

Eine Gewissensfrage: Wird man als Schwerverbrecher hinter Gittern ein besserer Mensch?

Teils teils. Je jünger, desto höher die Rückfallrate. Richtig verwachsen tut sich das erst jenseits der 50. Da wo ich gearbeitet habe, hatten wir die hohen Hausnummern. Da saßen Menschen 25, 30 oder mehr Jahre. Mein längster Patient ist im 50. Haftjahr verstorben.

Ist eigentlich jeder ein potenzieller Ganove?

Man kriegt jeden dazu, zu töten. Zum Morden gehört mehr. Ein mieser Charakter. Das tun nicht so viele. Allein im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mordet man auf allen Kanälen pro Jahr 15.000 Mal. In der Realität sind es vielleicht 250 Morde im letzten Jahr. Bei 99 Prozent der Leute funktioniert die innere Bremse. Vom Gefühl her haben nehmen wir mehr Enthemmung wahr. Die harten Daten zeigen aber, es ist im Lauf der Jahre weniger geworden.

Haben Sie in den über 30 Jahren den Glauben an die Menschen verloren?

Nein, der Mensch will seinen Frieden haben und er ist so, wie er als Grundmodell gebaut wurde, eine gute Sache.

Gebens Sie es zu: Heimlich schauen Sie bestimmt Rosamunde-Pilcher-Filme. Bisschen Eskapismus muss sein, oder?

Nein. Ich schaue gern Dramen. Oder einen gutgemachten Krimi. Sonntags, nach 22 Uhr. Auf Hannibal Lecter habe ich keinen Bock. Und, man kann auch im Tatort lachen.