Guten Morgen, Erfurt

Beschwingte Leberwurst

Michael Keller
Michael Keller

Michael Keller

Foto: Marco Schmidt

Michael Keller und der EU-weite Irrtum über einen Brotaufstrich

Nummer 510/2006. Sagt Ihnen sicher nichts. Es ist die EU-Verordnung des Rates zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel. Mit ihr wird die Bezeichnung Thüringer Leberwurst als geografische Herkunftsbezeichnung geschützt.

So weit, so gut.

Keine Beachtung findet in 510/2006, dass es hierzulande genau so viele Rezepte für Leberwurst gibt wie Kosmetikstudios. Jeder Fleischer hat sein Geheimnis. Nur eine Spezies, die beleidigte Leberwurst, wurde bislang nicht gesichtet zwischen Harz und Rhön. Sie war kürzlich allerdings – zumindest rhetorisch – in aller Munde. Europaweit. Und es ergibt sich die Frage: Kann eine Leberwurst beleidigt sein? Wie sieht sie dann aus? Kitzegrau, hornhautfarben?

Beleidigte Leberwürste stehen für schmollende Leute. Weil, so will es die Sage, die Leberwurst immer die letzte war, die aus dem Schlachte-Kochwasser geholt wurde. Sie soll darob so beleidigt und wütend gewesen sein, das sie zum Platzen neigte. Das gibt, so weiß es der Thüringer, aber immer noch ne leckere Kesselsuppe.

Man sollte daher der Leberwurst nie das Adjektiv „beleidigt“ anhängen. Beim Frühstück mit heimischer Schlachteplatte sieht nämlich das Leben gleich ganz anders aus: beschwingt.