Bettwanze in Erfurt wieder auf dem Vormarsch

Erfurt.  Eine Bettwanze: Schon beim Gedanken an das Tier fängt es an zu krabbeln. In Erfurt kam es in jüngster Zeit zu einer Häufung von Fällen des Bettwanzenbefalls.

Bettwanzen sind auch in Deutschland auf dem Vormarsch und kaum zu stoppen. Ihre Stiche sind extrem unangenehm.

Bettwanzen sind auch in Deutschland auf dem Vormarsch und kaum zu stoppen. Ihre Stiche sind extrem unangenehm.

Foto: Piotr Naskrecki/CDC/Harvard University / dpa

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Die Bettwanze erobert ihr Reich zurück. Galt sie vor 30 Jahren als fast ausgestorben, verbreitet sich der Ektoparasit derzeit rasant – eine Folge von Globalisierung und Resistenzen gegen Insektizide. Längst ist das Problem kein privates mehr, auch wenn keine Meldepflicht beim Gesundheitsamt besteht. Feuerwehr und Rettungsdienst, Kliniken und Pflegeheime und letztlich auch Schädlingsbekämpfer wissen: Das ist ein heikles Thema, das Ressourcen bindet – personell und finanziell. Natürlich, niemand geht damit hausieren. Doch erfolgt keine Bekämpfung, verbreiten sich die Parasiten flott.

Um die Bevölkerung zu sensibilisieren, verschickte die Pressestelle des Rathauses vergangene Woche eine Pressemitteilung, offiziell ohne aktuellen Anlass. Eine Recherche offenbarte schnell, dass das Bettwanzenproblem zunehmend ist.

„Seit Mitte vergangenen Jahres haben sich solche Einsätze gehäuft“, sagt Feuerwehrsprecher Lars Angler auf Anfrage unserer Zeitung. Doch nicht der Bettwanzenbefall ist Einsatzgrund – sondern eine Begleiterscheinung bei Einsätzen, und zwar eine unangenehme. So gab es etwa im Juli einen Rettungsdiensteinsatz in einer Wohnung, in der ein so starker Befall herrschte, dass zum einen Nachbarwohnungen betroffen waren und zum anderen die Rettung vor Ort durch die Dekontamination musste.

Einsatzkleidung und Rettungsmittel müssen speziell gereinigt werden, der Rettungswagen wird für mindestens 12 Stunden einer sogenannten Entwesung durch einen Schädlingsbekämpfer unterzogen. 12 Stunden, in denen das Auto nicht zur Verfügung steht. „Das können wir nicht jeden Tag leisten.

Auch die Nachbereitung eines solchen Einsatzes ist aufwändig und zeitraubend. So viel Personal können wir nicht vorhalten. Deshalb ist es wichtig, dass jeder Mieter gegensteuert, wenn er Bettwanzen in der Wohnung hat“, appelliert Lars Angler.

Und nennt ein paar Zahlen: In den letzten drei Monaten musste der Rettungswagen sechsmal wegen Bettwanzen, einmal wegen Flöhen, einmal wegen Läusen und siebenmal wegen Krätze für je 12 Stunden einer Spezial-Desinfektion unterzogen werden.

Auch das Löschfahrzeug musste zweimal aus dem Verkehr gezogen werden, weil Feuerwehrleute einen Patienten mit Bettwanzenbefall getragen hatten und sie unwissentlich die Parasiten dann an ihrer Kleidung ins Löschfahrzeug brachten. „Krätze, Läuse, Flöhe gibt es seit jeher, aber Bettwanzen sind im Umgang, im Einsatzablauf, eine besondere Herausforderung“, sagt Lars Angler. Spezielle Schulungen werden angeboten – auch in den Kliniken.

„In unserem Krankenhaus gab es bisher noch keinen Bettwanzen-Ausbruch, aber einzelne Patienten haben schon Bettwanzen im Gepäck oder in der Kleidung mitgebracht“, bestätigt der Leiter der Krankenhaushygiene im Katholischen Krankenhaus, Oberarzt Dr. Roland Göb. „Wir nehmen diese Patienten im Einzelzimmer auf und verständigen umgehend den Schädlingsbekämpfer. Bei massivem Befall und notfallmäßiger Aufnahmenotwendigkeit muss auch der Zimmereingang ringsum abgedichtet werden. Bettwanzen sind desinfektionsmittelresistent, so dass der Schädlingsbekämpfer immer kommen muss.“ Im KKH gibt es regelmäßig Hygienepflichtfortbildungen, unter anderem 2019 auch zum Thema Bettwanzen.

Fragt man bei den Wohnungsgenossenschaften nach, bestätigen weder Kowo noch die TAG Wohnen eine Zunahme von solchen Schädlingsmeldungen. Fraglich ist allerdings, ob jeder betroffene Mieter den Befall tatsächlich meldet. „Der Mieter hat eine Anzeigepflicht gegenüber dem Vermieter, die sich in der Regel aus der Hausordnung ergibt“, sagt Kowo-Sprecherin Cornelia Schönherr. Grit Zobel von der TAG Wohnen sagt: „Wenn unsere Mieter den Befall oder den Verdacht von Bettwanzen bei uns melden, beauftragen wir einen Schädlingsbekämpfer zur fachgerechten Vernichtung.“ Die Kostenregelung werde je nach Einzelumstand geprüft.

René Koch ist Geschäftsführer der Holz- und Bautenschutz Koch GmbH. Seine Mitarbeiter halten Vorträge unter anderem beim Rettungsdienst, kommen zum Einsatz, um beispielsweise die Entwesung am Rettungswagen vorzunehmen. Er verzeichnet ebenso einen „deutlichen Zuwachs“ der Bettwanzen. „Man sollte das Thema ernst nehmen, aber keine Hysterie verbreiten“, sagt der Ingenieur. Den Parasiten kann mit Kälte oder Wärme Einhalt geboten werden.

Heizt man die Wohnung für mehrere Wochen auf 60 Grad auf, sterben sie ab. Oder es wird Trockeneis gezielt auf die betroffenen Bereiche aufgetragen. Punktuell wird ein Biozid verwendet. In jedem Fall ist die Bekämpfung von einen Experten zu vollziehen. „Am besten kontaktiert der Verbraucher den Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verband, dort sind lokale seriöse Fachfirmen vertreten“, rät René Koch.

Der Umweltbezogene Gesundheitsschutzes der Landeshauptstadt Erfurt ist zudem unter der Telefonnummer 0361/6554213 erreichbar.

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