Erfurter Haus Dacheröden zeigt in DDR verbotenen Film

Michael Grisko
| Lesedauer: 2 Minuten
Manfred Krug (4. von links) im Defa-Film „Spur der Steine“. 

Manfred Krug (4. von links) im Defa-Film „Spur der Steine“. 

Foto: Klaus Schwarz / DEFA Stiftung

Erfurt.  75 Jahre Defa im Haus Dacheröden: „Spur der Steine“ und „Jadup und Boel“ stehen in letzter Folge der Kino-Reihe zur Auswahl.

In ganz unterschiedlicher Weise nehmen die Filme „Spur der Steine“ von 1966 und „Jadup und Boel“, gedreht 1980, uraufgeführt 1988, die Gegenwart der DDR in den Blick. Beide Streifen, die im Haus Dacheröden in der Serie „75 Jahre Defa“ zur Wahl stehen, entstanden nach bekannten Romanen und hatten das gleiche Los: Sie wurden verboten und konnten erst Jahre später ihr kritisches Potenzial auf der Kinoleinwand entfalten. Der eine wurde kurz nach der Premiere, der andere noch vor der Uraufführung verboten.

Manfred Krug spielt die Hauptrolle in dem mittlerweile zum DefaKanon zählenden und nach dem gleichnamigen Roman von Erik Neutsch entstandenen Film „Spur der Steine“. Unter der Regie von Frank Beyer zeigt der Film die Zustände auf einer Großbaustelle in Schkona.

Zwischen Eigensinn, Erfolgsdruck, Materialmangel, Parteidisziplin und Liebe jenseits legitimierter Strukturen wird der Konflikt zwischen dem Brigadier Balla (Manfred Krug) und dem Parteisekretär Horrath (Eberhard Esche) inszeniert. Im Mittelpunkt steht die junge Ingenieurin Kati Klee (Krystyna Stypulkowska). Der Film wurde nach seiner Uraufführung schnell aus dem Leihverkehr gezogen. Erst im Jahr 1990 erlebte der Film seine breitenwirksame Premiere. Zwei Jahre zuvor hatte die DDR den von Rainer Simon nach dem Roman „Jadup“ von Paul Kanut Schäfer gedrehten Film „Jadup und Boel“ aus dem Giftschrank geholt.

Im Mittelpunkt des in der Provinz spielenden Films steht Jadup, der Bürgermeister des Ortes Wickenhausen, und dessen Handeln in Gegenwart und Vergangenheit. Wird die kunstvoll durch assoziative Erinnerungen eingeblendete Vergangenheit als Teil individueller und gemeinschaftlicher Verdrängung – und damit als Schuld – beschrieben, so charakterisiert der Film die Gegenwart durch hohle Phrasen, gesellschaftlichen Stillstand und Zerfall.

Der Zerfall der Häuser steht symbolisch für den Zustand von Gesellschaft und Gebäuden. Darüber hinaus kritisiert der Film offen die leere Rhetorik, die die Reden und das Handeln der Politiker bestimmen. Dass der Roman 1975 erschien, war eine Sensation, dass der Film entstand, erscheint aus heutiger Perspektive unglaublich. Erst nach acht langen Jahren erlebten die Zuschauer der DDR diese schonungslos ehrliche Auseinandersetzung mit ihrer Gegenwart.

Wählen Sie Ihren Film für den 2. Dezember (20 Uhr) im Haus Dacheröden. Einsendeschluss ist der 29. November. Stimmabgabe im Haus oder per Mail an: kemnitz@dacheroeden.de