Erfurter Herbstlese spürt Klischees von Ost und West nach

Erfurt.  Ob Ost und West mehr sind als Himmelsrichtungen, sollte die Erfurter Herbstlese mit Valerie Schönian und Steffen Dobbert klären.

Valerie Schönian und Steffen Dobbert waren mit ihren Büchern zum Thema Ostbewusstsein zu Gast bei der Erfurter Herbstlese.

Valerie Schönian und Steffen Dobbert waren mit ihren Büchern zum Thema Ostbewusstsein zu Gast bei der Erfurter Herbstlese.

Foto: Holger John

In der Aula des Ratsgymnasium Erfurts sitzen am Freitagabend mit der Moderatorin Romy Gehrke (1967) und ihren Gästen Steffen Dobbert (1982) und Valerie Schönian (1990) gleich drei Generationen von in Ostdeutschland Geborenen auf der Bühne.

Allerdings kann Gehrke unter ihren Gegenübern an diesem Abend kaum weitere Gemeinsamkeiten feststellen, denn die beiden Autoren haben ein jeweils eigenes Buch und vor allem eine eigene Meinung im Gepäck. Schönian geht in „Ostbewusstsein“ ihrem inneren Ossi auf die Spur, Dobbert reist in „#Heimatsuche. In 80 Tagen durch Mecklenburg-Vorpommern“.

Es geht um darum, ob „Ost“ und „West“ mehr sind als Himmelsrichtungen, um Struktur-und Machtverteilungen und um die Debatte zum „Unrechtsstaat“ sowie um die historische Lebensleistung der Ostdeutschen.

Von Polyluxen, Kling Klang und Kosmonauten

Der Saal ist fast vollständig besetzt, als sich das Begrüßungswort an ein durchmischtes Publikum richtet; dass Schönian zur „Dritten Generation Ost“ gehört, macht sich unter den Gästen bemerkbar.

Die Autorin berichtet davon, dass auch sie zunächst in dem Glauben aufgewachsen ist, dass Ost und West keine Rolle mehr spielen, die Bundesrepublik aus 16 Bundesländern besteht. Erst mit ihrem Umzug nach Berlin fiel der Magdeburgerin auf, dass gar nicht alle wissen, was ein Polylux ist, bei „Kling Klang“ von Keimzeit nicht jeder mitsingen kann und die meisten Astronauten statt Kosmonauten sagen. Die Zuschauer lachen herzlich mit und Schönian resümiert diese Erfahrungen als „eher lustig“. Bis 2014 in Dresden Pegida aufmarschiert und sie mit dem Klischee des „Jammerossis“ konfrontiert wird. Diesem geht sie nach und merkt, dass mit dem Fall der Mauer zwar die DDR, aber nicht auch gleich der Osten verschwunden sei: „Der Osten ist mehr. Er ist auch Struktur, Sozialisation und Kultur.“

Alle Jahre wieder? – Dobbert: „Es ist auch mal gut.“

Anders sieht das Steffen Dobbert. Er ist der Meinung, dass wir uns als Gesamtgesellschaft auf die Gegenwart konzentrieren sollten und nicht jeden 3. Oktober die immer gleiche Litanei abhalten. Schließlich ist „auch mal gut mit den Fragen danach, was uns trennt und was uns eint“. Was sei denn mit den Nord-Süd-Unterschieden? Und was solle ein Ossi heutzutage überhaupt sein? Er selbst ist in Wismar geboren, lebte aber in Hamburg, München und Berlin. „Wenn man unbedingt so will, dann bin ich ein ‘Wossi’ – vielleicht aber auch einfach ein Mensch aus Deutschland“. Für diese Ansicht belohnt ihn das Publikum mit Applaus.

Danach folgt ein Austausch der Argumente à la „bestehende Ungleichheit in Renten, Löhnen und Erbe (Schönian)“ versus „heutzutage besteht Chancengleichheit, und eine Wiederholung der Zahlen bringt nichts (Dobbert)“. Als Gehrke fragt, „welche Erzählung der DDR wohl in den Schulbüchern der neuen Generation steht?“, wird es erneut richtig emotional. Während Schönian ihre Wahrnehmung mit der Kurzformel „nur Stasi und Widerstand, das Alltägliche fehlt“ zusammenfasst, bedauert Dobbert, auf eben dieses Thema bisher nicht weiter eingegangen zu sein. Er zeigt Bilder seiner Reise vom Stasi-Gefängnis in Rostock und wirft Schönian vor, diesen Teil in ihrem Buch zu wenig zu beleuchten. Diese verteidigt sich damit, „keinen Vollständigkeitsanspruch zu erheben“, woraufhin Dobbert mehr an die „Stasi-Spitzel überall“, „die Diktatur“ und „den Unrechtsstaat“ erinnern will.

Stichwort: Unrechtsstaat – Emotionale Reaktionen der Erfurter

Bei diesen Worten bricht Unruhe im Saal aus, Jacken werden angezogen. „Ob man darüber jetzt wirklich noch streiten will?“, fragt Schönian mit einem Blick auf die Uhr. „Vielleicht müssen wir das“, fordert Gehrke. Während manche sich zueinander drehen und murmeln, verlassen andere aufgebracht den Saal.

Draußen vor der Tür sagen Stimmen, die Worte Dobberts seien „anmaßend“, „mal wieder geht es nur um das eine“ und „Ja, es war ein Unrechtsstaat, aber wir haben nicht alle Unrecht begangen.“ Drinnen erhält Rudolf Bause, Jahrgang 1948, das Gäste-Mikrofon und sagt: „Genau das ist es, was jeden 3. Oktober passiert. Jede Diskussion um bestehende Ungleichheiten wird abgebrochen. Es wird vom Unrechtsstaat geredet, wenn es ernst wird und Menschen allein darauf reduziert. Wir müssen Leistungen anerkennen.“

„Wenn das so einfach wäre…“ – Resümee des Abends

Auch ein Nachwendekind kann die emotionalen Reaktionen nachvollziehen. Eine Erfurterin, wie Schönian 1990 geboren, sagt im Anschluss der Veranstaltung, Realitäten würden aberkannt und Klischees nicht verschwinden, wenn einfach gesagt würde „Jetzt hört mal auf drüber zu reden.“

„Es war eine interessante Veranstaltung, aber sie hätten das mit dem Unrechtsstaat an anderer Stelle besprechen sollen, sich vorher einigen…“, sagt die Besucherin Hannelore S. Ein Mann murmelt im Vorbeigehen: „Wenn das so einfach wäre…“.