Organisierter „Spaziergang“ in Erfurt für Kitaöffnungen

Erfurt.  50 Personen waren bei der Kinderwagen-Demo in Erfurt angemeldet, 14 Erwachsene mit neun Kindern kamen – und machten auf die schwierige Situation für Eltern in Corona-Zeiten aufmerksam.

Fühlen sich allein gelassen: Daniel Runge (l.) und Eltern, die am Samstag  mit einem Spaziergang für Kitaöffnungen demonstrierten.

Fühlen sich allein gelassen: Daniel Runge (l.) und Eltern, die am Samstag mit einem Spaziergang für Kitaöffnungen demonstrierten.

Foto: Michael Keller

10.40 Uhr zeigt die Uhr, als sich an der Staatskanzlei ein kleiner Pulk aus 14 Erwachsenen und neun Kindern langsam in Richtung Anger in Bewegung setzt. Mittendrin Daniel Runge, dem die Enttäuschung anzusehen ist. Mit so einem dürftigen Ergebnis hatte er nun wirklich nicht gerechnet.

Runge, 35, Vater eines Zweijährigen, wollte mit einem so genannten „Spaziergang“ mit Gleichgesinnten, heißt, Geplagten, auf das nicht nur aus seiner Sicht stiefmütterlich von der Landesregierung behandelte Thema der Kita-Öffnung aufmerksam machen. Via Facebook hatte er dazu am Freitag eingeladen und die rege Resonanz hatte den Erfurter auf großen Zulauf hoffen lassen. Vorsorglich meldete er den „Spaziergang“ für die zulässige Höchstzahl von 50 Personen an. Und dann das.

Dabei, so Runge, müsse man dringend darüber reden, wie das mit der Schließung von Kindertagesstätten weitergehen soll. Viele Elter seien mit Arbeit im Homeoffice, Haushalt und Kinderbetreuung einigermaßen überfordert. Die Belastungsgrenze sei bei vielen erreicht.

Und warum hat man in Sachsen bei den Corona-Fallzahlen das Doppelte des Thüringer Wertes, öffne die Kitas aber trotzdem, fragt Runge. Sein Vorschlag: Man solle sich mal länderübergreifend verständigen, wie man so etwas hinbekommt. Wie lange soll das sonst noch gut gehen, fragt er.

Er verstehe durchaus die Bedenken der Landesregierung, die die Betreuer schützen wolle. Aber man könnte das mit durchdachten Konzepten hinbekommen, ist Daniel Runge sicher.

Nötig wäre es. Zumal ja die Eltern, die der Kinder wegen zu Hause bleiben müssen, in ihren Betrieben fehlen. „Man kann nicht nur im stillen Kämmerlein vor sich hin schimpfen, sondern muss auch mal ein deutliches Zeichen nach außen setzen“, findet er.

Das aber hat nicht funktioniert. Um 10 Uhr, zum geplanten Start, waren ganz und gar nur acht Erwachsene am Hirschgarten anzutreffen. Zwei freundliche Polizisten kontrollieren, ob die geforderte Liste aller Teilnehmer vorliegt, um notfalls nachvollziehen zu können, wer sich wo bei wem angesteckt haben könnte. Währenddessen schaut Kristin Marquardt (32) den Kindern beim Herumtoben zu. Die zweifache Mutter ist Personalscout für ein Callcenter und hängt seit Wochen zu Hause fest.

Die Situation sei „sehr unbefriedigend und nervenzehrend“, findet sie. Auch bei den größeren Kindern, die schon in die Schule gehen. Eltern seien nun mal keine Lehrer, könnten nicht auf Didaktik und Systematik zurückgreifen, wie die, die das studiert hätten.

Familie Madera Castro ist eigens aus Dornburg im Saale-Holzland-Kreis angereist. Vater Miguel ist Koch in einer Großküche, Mutter Christin arbeitet im Onlinehandel. Sie haben drei Kinder (3, 6 und 18 Jahre), die im Haushalt leben.

Beide gelten als nicht systemrelevant, haben demzufolge kein Anrecht auf Notbetreuung. „Das macht uns total irre“, sagt sie. Auch weil kein Ende in Sicht sei. Die beiden Kleinen Lilani und Chissano haben Bilder gemalt und die Eltern ihre Bitte um Hilfe an Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow formuliert.

Mit der Botschaft gehen sie rüber zur Staatskanzlei und übergeben die Blätter einem Wachmann, bevor sich die Mini-Demo in Bewegung setzt und dabei tapfer die Pappschilder in die Höhe hält, auf denen ihre Forderungen aufgelistet sind.