Keine Garantie für die Zukunft des Volkskundemuseums in Erfurt

Erfurt  Marina Moritz geht als Direktorin in den Ruhestand. Kulturdirektion will neuem Museumskonzept nicht vorgreifen

Bewegender Abschied in den Ruhestand: Marina Moritz (Mitte) verlässt das Volkskundemuseum, das sie seit 1993 geleitet hat, zum Monatsende. Gekommen waren auch ihre allerersten Chefs, Jutta Lindemann und Jürgen Bornmann.

Bewegender Abschied in den Ruhestand: Marina Moritz (Mitte) verlässt das Volkskundemuseum, das sie seit 1993 geleitet hat, zum Monatsende. Gekommen waren auch ihre allerersten Chefs, Jutta Lindemann und Jürgen Bornmann.

Foto: Frank Karmeyer

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Der „innerbetriebliche Grund“ dafür, dass gestern das Museum für Thüringer Volkskunde für Besucher geschlossen blieb, war die scheidende Chefin des Hauses: Marina Moritz hatte sich Freunde, Wegbegleiter, Förderer und Kollegen auf einen Imbiss und ein Glas Sekt eingeladen, um mit ihnen den Abschied von ihrer „Hütte“ am Juri-Gagarin-Ring und aus ihrem Berufsleben zu feiern.

Erfurts oberster Kulturverantwortlicher Tobias Knoblich gehörte nicht zu den geladenen Gästen. Zu sehr habe dieser erst als Kulturdirektor und später als Kulturdezernent der Museums-Direktorin immer wieder Lob für ihre Arbeit gezollt, im gleichen Atemzug aber das Volkskundemuseum in seiner Existenz generell in Frage gestellt. Eine Dissonanz, die gestern noch Nachklang: „Ich möchte in diesem Moment nur Freunde um mich haben“, erklärte Marina Moritz vielsagend. Es sei ein Phänomen, wie ein gut funktionierendes Haus „vor die Wand gefahren“ werde und immer wieder in eine ungewisse Zukunft blicke.

Marina Moritz hat seit dem 1. September 1993 das Museum geleitet, dabei Kulturverantwortliche kommen und gehen gesehen: Jutta Lindemann und Jürgen Bornmann waren als ehemalige Chefs gestern unter den Gästen. „Nicht immer einfach als Person, aber immer großartig engagiert“, beschrieb Bornmann gestern die scheidende Museumsdirektorin. Mehr als 130 Ausstellungen gehen auf ihr Konto, auf die Beine gestellt mit einer seit jeher kleinen Truppe an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Eine darunter, Kuratorin Andrea Steiner-Sohn, wird die Leitung des Museums kommissarisch übernehmen nach Monatsende. Das wird immerhin als Signal dafür gewertet, dass das Volkskundemuseum mindestens vorerst eigenständig bestehen bleibt.

Steiner-Sohn dankte ihrer Chefin für ereignisreiche Jahre. Sie sei sich sicher, dass sie sich im Ruhestand noch einmal neu erfinden werde, abenteuerlustig wie sie sei.

Sarah Laubenstein, amtierende Kulturdirektorin, würdigte Marina Moritz in der kleinen Feierstunde für die von ihr geleistete Arbeit. Das tat auch Oberbürgermeister Andreas Bausewein, in Form eines von Laubenstein überreichten Briefes: „Das berührt mich jetzt aber sehr“, sagte Moritz bei dessen Übergabe – und hatte ob der deutlichen Ironie in ihrer Stimme die Lacher auf ihrer Seite.

Wie es mit dem Volkskundemuseum weitergehen wird, darüber konnte auch die amtierende Kulturdirektorin keine Auskunft geben. Darüber entschieden werde im Rahmen eines Museumskonzeptes, mit dessen Hilfe alle Erfurter Museen neu aufgestellt werden sollen: „Besucherfreundlicher und fit für die Zukunft wollen wir alle Häuser machen“, sagte Laubenstein am Rande der Verabschiedung. Da sei es falsch, ein einzelnes Haus wie das Volkskundemuseum herausgegriffen zu betrachten. Zu wenige Besucher und eine wenig zufriedenstellende Depotsituation machten das Museumskonzept erforderlich.

Reisen, Lesen, den Garten pflegen und Oma sein – das hat sich Marina Moritz für den Ruhestand vorgenommen. Nun aber freue sie sich darauf, erst einmal gar nichts zu tun. Rückblickend habe in ihrem Arbeitsleben das Positive bei weitem überwogen. „Ich gehe ohne Groll“, sagte Moritz schließlich. Die von ihr kuratierte Sonderausstellung „Blau und Blaues“ bleibt bis März geöffnet. Was nun mit dem Volkskundemuseum geschehe, liege nicht mehr in ihrer Macht, sagt sie – und es klingt Besorgnis mit.

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