Markenzeichen für die Ewigkeit

Erfurt.  30 Jahre Deutsche Einheit: „Fußball-Gott“ Ronny Hebestreit schrieb mit RWE Geschichte...

Ronny Hebestreit

Ronny Hebestreit

Foto: Michael Keller

Vor drei Jahrzehnten hat sich Deutschland wieder vereint. Wie verliefen, wie änderten sich die Lebenswege der Einwohnerinnen und Einwohner unserer Stadt? Ganz gleich, ob sie nun echte Erfurter Puffbohnen sind oder erst hierher zogen. Heute: Ronny Hebestreit, „Fußball-Gott“.

Die ersten Haare werden grau. Und er geht jetzt zum Golfen. Untrügliche Zeichen für den Eintritt ins Seriöse. Und der Beweis: Auch Götter altern. Erfurts „Fußball-Gott“ Ronny Hebestreit ist jetzt im biblischen Alter von 45 Jahren. Und überaus froh, mit dem Lebensmittelpunkt in der Stadt seines Herzens einen Volltreffer gelandet zu haben.

Wie jenen am 29. Mai 2004, als er vor 20.000 Zuschauern mit dem 2:1 gegen Saarbrücken den FC Rot-Weiß in die zweite Liga schoss.

„Hebe“ ist eigentlich Gothaer. Aber schon kurz nach der Geburt konvertierte er zur Erfurter Puffbohne. No, Ge, Wie enn – die sprachliche Klaviatur des Erfurtsch beherrscht er.

Schon im Kindergarten nervte er die Eltern mit Fußball. Mit Sechs gab es einen Deal mit den Erziehungsberechtigten: Erst Schule, dann Fußball. „Ich hab das Prinzip heimlich umgedreht“, gesteht er.

Den Mauerfall erlebte er mit den Eltern vorm Fernseher. Am nächsten Tag schnurrten die Hebestreits mit dem Trabi gen Coburg. Der damals 14-Jährige ahnte da schon, dass sich als Fußballer nun ganz neue Möglichkeiten bieten würden. Dennoch, erstmal wurde ein Beruf erlernt – Elektroinstallateur. Bei der Elektrotechnik Erfurt GmbH. Sein Geselle damals – ein gewisser Lars Fuchs. Heute RWE-Präsident.

Hebestreit schaffte es bis in die U18-Nationalmannschaft. Dann klingelte das Telefon. Drei Mal hätten die Bayern aus München nach ihm gefragt, hieß es. Der damals 22-Jährige glaubte erst an einen Scherz. War es nicht. „Als Bayern-Fan war das für mich wie ein Sechser im Lotto“, sagt er. Er folgte 1998 dem Lockruf von der Isar. Zwei Jahre München. Mit dem gewöhnungsbedürftigem Dialekt hatte er so seine Probleme. „Ich musste oft nachfragen, was gemeint ist“. Nach sechs Spielen war dort aber die Karriere gelaufen – Kreuzbandriss. Es zog ihn nach Erfurt zurück. Zum vertrauten No und Ge und Wie enn.

1999 wurde Sohn Niklas geboren. Mit dem gelang ihm etwas Seltenes. Vater und Sohn spielten 18 Jahre später in derselben Mannschaft bei den Sportfreunden Marbach. Weil diese Konstellation lockte, hatte „Hebe“ noch zwei Jahre als Kicker drangehängt. „Es war ein schönes und besonderes Gefühl, wenn unsere Namen in der Aufstellung verlesen wurden“, sagt er.

Das 2:1-Aufstiegstor ist eines von zwei ewigen Markenzeichen Ronny Hebestreits. Das zweite kursiert heute noch bei Youtube als viel geklicktes Video. Der Anstoß des Thüringenpokal-Viertelfinales im November 2005 war gerade erfolgt, da holte der Erfurter den Jenaer Torsten Ziegner im Mittelkreis rüde von den Beinen. Gelb nach knapp drei Sekunden. Ein „Rekord“ für die Ewigkeit. Unter den Fans genießt die Grätsche gegen den Erzrivalen Kultstatus. „Eigentlich war’s Rot“, sagt der Mittelstürmer, wenn er sich heute die Szene anschaut. Mit Torsten Ziegner habe er aber inzwischen seinen Frieden gemacht.

„Fußball-Gott“ – was für ein Prädikat. „Hab ich mir nicht ausgesucht, aber ein wenig stolz bin ich darauf trotzdem“, sagt der Jung-Golfer. Wenn er an das magische Spiel im Mai 2004 zurückdenkt, bekommt er immer noch Gänsehaut. „Wir waren eine verschworene Truppe. Das war der Grund, dass wir das Unmögliche geschafft haben“, sagt Hebe. Kein Verständnis, auch heute noch nicht, hat er und haben wohl auch die anderen damaligen Spieler dafür, dass Trainer René Müller die Mannschaft total zerriss und auf Einkaufstour auf dem Spielermarkt ging. Die Quittung war deprimierend. Erfurt stieg umgehend wieder ab. Tabellenletzter mit 30 Pünktchen, 60 Gegentoren. Und Hebe wurde vom Trainer auf die Tribüne verbannt. Ein Sakrileg für die Fans.

Hebestreit, der nach Kimme Heun die meisten Tore für RWE schoss (113), zog danach über Meuselwitz, Halle – mit dem HFC stieg er in die 3. Liga auf – und Dachwig bzw. Marbach durchs Fußballland. Und nochmals zu Rot-Weiß zurück – als Co-Trainer. Dann war Schluss, die Familie war ihm wichtiger. Heute kickt er nur zum Spaß in der RWE-Traditionself. Da schont er sich nicht, wie die Krücken zeigen, auf denen er heran humpelt. Bei einem Hallenturnier streikte das Knie. Operation. „Geht schon“, sagt er.

Erfurt ist in Ronny Hebestreits Leben der Hafen. Hierhin kehrte er immer wieder gern zurück, hier wird er auch bleiben. „Ich weiß, was ich an dieser tollen Stadt habe. Hier sind Familie, Freunde, mein Job“, sagt er. Und das Herz schlägt, na klar, nach wie vor rot-weiß. Auch wenn es in den letzten zwei Jahren arg unter den Grabenkämpfen und den Kapriolen des Insolvenzverwalters gelitten hat. „Die packen das. Der jungen Truppe ist was zuzutrauen. Und mit dem Franz Gerber scheint es zu passen“, sagt er.