Mit der Zeit kommt ein Lächeln

Erfurt.  Herman van Veen ist ein Weltstar, der sehr gern nach Erfurt kommt. Nach dem Konzert am Donnerstag sprach er mit uns.

Herman van Veen kommt gerne nach Erfurt

Herman van Veen kommt gerne nach Erfurt

Foto: Uwe Zucchi / dpa

Mehr als 100 Alben, zahlreiche Bücher, Konzerte über den Globus verteilt: Herman van Veen ist ein Weltstar aus den Niederlanden, der sehr gern nach Erfurt kommt. Nach dem Konzert am Donnerstag sprach er mit unserer Zeitung.

Sie geben mit dem Programm „Neue Saiten“ in diesem Jahr mehr als 100 Konzerte. Wie hat Ihnen der Abend in der Alten Oper gefallen?

Sehr gut, wir sind ganz beglückt. Seid ihr es auch? Passt gut auf, dass dieses schöne alte Haus stehenbleibt, wir wollen gern in zwei, drei Jahren wiederkommen.

Woher kommt die Energie für dieses Mammutprogramm? Die Tour für das nächste Jahr, wenn Sie 75 werden, steht ja auch schon.

Ich genieße diese Konzerte enorm, mehr noch als früher. Es kommt bei uns auf der Bühne so viel an vom Publikum, das ist faszinierend. Wir bekommen Antworten auf Fragen, die wir uns tagsüber stellen. Dinge klären sich, werden deutlicher, führen zu etwas hin. Dazu kommt, dass die Menschen in jeder Stadt anders sind und ich ein neugieriger Mensch bin. Ich liebe dieses Leben, nur so kann ich wirklich ich selber bleiben.

Und dem Team geht es auch so?

Die Musiker sind wunderbar, unglaublich. Jeder hat andere Talente, jeder hat einen anderen Hintergrund. Sie kommen aus unterschiedlichen musikalischen Richtungen. Und alles findet sich zusammen.

Nur der Pianist Erik van der Wurff fehlt.

Erik ist seit fünf Jahren tot, aber er ist immer irgendwie mit auf der Bühne. Und wir stellen ihm eine weiße Rose auf das Klavier. 52 Jahre waren wir Freunde, haben gemeinsam gespielt. Seit er gestorben ist, kann ich keinen Pianisten mehr haben, ich muss das selber übernehmen.

Mit dem Älterwerden sind mehr und mehr Abschiede zu bestehen. Wie gehen Sie damit um?

Von denen, mit denen ich ganz am Anfang gespielt habe, ist niemand mehr da. Früher war Verlust nur Verlust, bedeutete Trauer und Schmerz. Aber mit den Jahren merke ich, dass die Erinnerung auch Glück birgt, dass sie wie ein Licht ist. Ich habe so viele gute Erinnerungen, an meine Eltern, Freunde und Weggefährten. Das macht es möglich, weiterzuleben. Mit der Zeit kommt ein Lächeln.

Und das eigene Altern?

Ist unvermeidlich. Ich sehe, was da auf mich zukommt. Ich versuche es nicht zu negieren, ich versuche es zu verstehen. Ich achte mehr auf mich als zu Zeiten, wo ich 37 war. Ich bin dankbar für das Leben und dafür, dass mich mein Körper das tun lässt, was ich tun möchte. „Ich gehe ohne Stock“ hab ich gerade gesungen und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist.

Sind Ihnen mit 70 Jahren Weisheiten über den Weg gekommen, die Sie mit 50 noch nicht kannten?

Die Natur hat mit den Jahren eine immer größere Bedeutung bekommen. Früher war sie einfach da, ich nahm sie für selbstverständlich. Jetzt staune ich, genieße sie, bin voller Ehrfurcht und Freude. So ein Geschenk!

Haben Sie Hoffnung beim Blick in die Welt?

Realistisch-optimistisch würde ich meinen Blick beschreiben. Zum Beispiel auf die immer schneller werdende Informationsgesellschaft, die natürlich zahllose ungünstige Effekte hat. Aber ich denke, sowas wie 1914 oder 1939 würde heute nicht mehr möglich sein, weil wir in Sekundenschnelle Bescheid wüssten. Ich vertraue auch auf Forschung, auf Wissenschaft. Grad eben haben ein paar junge Leute eine Methode gefunden, Plastikmüll aus dem Wasser zu holen. Mit Luftblasen können die Grachten gereinigt werden, einfach und kostengünstig. Es gibt immer wieder Anlass zu Optimismus.

Sie haben Zeit Ihres Lebens Haltung bewiesen, Sie engagieren sich gemeinsam mit Ihrer Gitarristin Edith Leerkes in den Niederlanden für junge Künstler, Sie haben Stiftungen gegründet, Sie helfen in Afrika. Sie sind sich immer treu geblieben?

Da bin ich wie mein Vater. Ich finde, ich habe das Recht, zu sagen, was ich will.

Und etwas zu tun. Es ist nicht viel angesichts der zahllosen Probleme. Aber überhaupt etwas zu tun macht den Unterschied.

Unlängst haben Sie in den Niederlanden mehrere große Gemälde in einer Kirche gemalt. Herman van Veen als Maler ist in der Kunstwelt längst eine Adresse. Wie kam es dazu?

Ich bin im Alltag immer unter Menschen, ich liebe das, es treibt mich an. Das Malen ist die andere Seite, es bedeutet, allein zu sein. Ich habe dabei einen Rhythmus, der aus mir selbst kommt, der heraus will, manchmal denke ich, jemand oder etwas führt mir die Hand. Zuhause auf dem Bauernhof steht eine Scheune, dort liegt alles bereit und wenn ich hineingehe, ist das, wie eine Wanderung anzutreten. Wenn ich male, öffne ich ein Fenster, das vorher nicht da war.

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