Neuer Ärztlicher Direktor: Digitalisierung ist das Thema

Thomas Steiner ist seit November Ärztlicher Direktor des Helios-Klinikums Erfurt. Ein Gespräch über Chancen und Probleme eines Maximalversorgers

Der Ärztliche Direktor des Helios-Klinikums Erfurt, Prof. Thomas Steiner.

Der Ärztliche Direktor des Helios-Klinikums Erfurt, Prof. Thomas Steiner.

Foto: Casjen Carl

Ist es ein erstrebenswertes Ziel, Ärztlicher Direktor einer Mega-Klinik zu werden?

Ziel einer beruflichen Entwicklung ist das nicht. Aber es ist durchaus eine Frage, ob man bereit ist, Verantwortung für Personal, Mitarbeiter, Patienten und administrative Dinge zu übernehmen. Während meiner beruflichen Entwicklung – ich war 15 Jahre an der Uni-Klinik in Jena – ist der Entschluss gereift, eine Chefarztstelle anzustreben. Ich hatte dann das unbeschreibliche Glück, dass ich dieses Ziel in meiner Heimatstadt erreicht habe. Nun war ich bereit, mich für dieses Glück zu bedanken und Verantwortung zu übernehmen. Es ist Ausdruck von Wertschätzung, wenn Geschäftsführung und Mitarbeiter der Meinung sind, dass man der Richtige dafür ist.

Ärztlicher Direktor beim Maximalversorger – ist das auch Maximalstress?

Man unterscheidet in Eustress und Distress. Ich würde sagen, das ist Eustress – ein gesunder Stress. Ich freue mich und leide nicht darunter, dass ich diese Herausforderung habe.

Was ist denn die größte Herausforderung?

Als Urologe muss ich jetzt weit über meinen Tellerrand hinausschauen. Ich muss bei sich ändernden Gesetzen und technischen Bedingungen die Entwicklung des ganzen Hauses im Blick haben.

Können Sie das genauer erklären?

Es ist immer wichtiger, dass man sich interdisziplinär, aber auch berufsgruppenübergreifend verständigt. Ein Beispiel: Wir haben hochsensible Daten unserer Patienten, die wir nutzen können, um ihnen eine optimale Behandlung zukommen zu lassen. Aber wir müssen gleichzeitig Konzepte entwickeln, die diese Daten auch schützen. Und wir müssen – Stichwort Digitalisierung – Jung und Alt mitnehmen. Wenn es uns gelingt, das Personal mitzunehmen, fühlt sich auch der Patient gut aufgehoben. Die Aufgaben, die auf mich zukommen, ergeben sich aus den größeren Zusammenhängen.

Bleibt Ihnen denn dann überhaupt noch Zeit, als Chefarzt in Ihrem Fachgebiet mit den Patienten zu arbeiten?

Das ist eine Frage, die mich sehr bewegt hat. Ich habe das Glück, dass ich ein Team mit Ärzten und Pflegekräften habe, auf das ich mich verlassen kann, das hinter mir steht und mir erst ermöglicht, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Es ist wichtig für mich, den Inhalt meines Lebens nicht aufgeben zu müssen. Und der ist, für meine Patienten da zu sein.

Welche Entwicklung auf medizinischem Gebiet ist für Sie derzeit am spannendsten?

Da gibt es zwei Kerngebiete. Das eine ist die Digitalisierung und das zweite die Zentralisierung hochkomplexer Leistungen. Die Digitalisierung beginnt bei der elektronischen Patientenakte und dem Umgang mit erhobenen Daten, tangiert aber auch aber stark unsere Arbeitsabläufe. Im Moment kostet das noch Zeit, aber wir stehen an der Schwelle, die Digitalisierung zu nutzen um Qualität und Service für Patienten zu verbessern. Weil wir schneller werden können, etwa bei der Terminplanung.

Und zur Zentralisierung von Leistungen?

Wir wissen, dass es Vorteile bietet, wenn man komplexe OP-Techniken in der Onkologie in spezialisierten Zentren anwendet. Und es gibt Daten, die nachweisen, dass Patienten, die in Zentren behandelt werden, von der Behandlungsqualität eindeutig profitieren. Das treiben wir seit Jahren voran. Das ist ein Prozess, den man aber ständig bewusst lenken und gestalten muss.

Spezialisierung. Kann da das Helios-Klinikum als Allrounder mitspielen?

Schon bevor ich hierher kam, fiel die Entscheidung, dass wir am Klinikum ein onkologisches Zentrum aufbauen wollen. 2010 sind dann die Zertifizierungen dafür angelaufen. Das ist der richtige Weg in die Zukunft. Das wird sehr strikt und gemeinsam verfolgt. Solche Prozesse laufen aber genauso auch in anderen Bereichen ab. Wichtig ist, dass nicht einer sagt: Ich bin der Spezialist. Da muss man alle mitnehmen, weil man die Spezialisierung nur im Team, und nicht nur aus einer Berufsgruppe heraus umsetzen kann. Und: In einem Flächenland kann es nicht das Ergebnis sein, dass es dann nur noch zwei oder drei Kliniken gibt. Die kleineren Krankenhäuser müssen gemeinsam mit uns diesen Weg gehen.

In Rankings gut dazustehen ist das eine. In der Stadt hat Helios aber nicht immer den besten Ruf. Stichworte: Wartezeiten, Massenabfertigung? Ist es etwa hinzunehmen, wenn eine Seniorin acht Stunden in der Notaufnahme sitzt, ehe sie ein Bett zugewiesen bekommt?

Klar ist, dass in jedem Krankenhaus daran gearbeitet wird, Abläufe und Strukturen zu verbessern und dass man immer wieder feststellt, dass es Handlungsbedarf gibt. Im Einzelfall muss man hinterfragen, was hat konkret nicht funktioniert? Und man muss die Kritik ernst nehmen und die ist berechtigt, wenn es so lange gedauert hat. Aber: Kritik spricht sich viel schneller herum, als dass einer sagt „Bei mir hat alles gut funktioniert.“ Wenn bei unserer Patientenbefragung über 90 Prozent sagen, sie sind mit Behandlung und Service zufrieden, dann hoffen wir, dass wir auf einem guten Weg sind.

Reicht denn das Personal dafür aus? Es gab Diskussionen um das Pflegepersonal. Bei den Ärzten ist es immer noch sehr eng. Müssten Sie nicht Ärzte einstellen, um die 10 Prozent Unzufriedenheit zu minimieren?

Allein die Anzahl ärztlicher oder pflegerischer Mitarbeiter ist es nicht. Es sind auch die Strukturen und Abläufe, die man gestalten muss. Da sind wir wieder bei der Digitalisierung. Die elektronische Patientenakte, die wir seit anderthalb Jahren haben, hat viele Verbesserungen gebracht. In dieser Phase bedeutete das aber zunächst viel Arbeitsaufwand. Aber das sind Dinge, die wenn sie einmal angeschoben sind, viele positive Effekte haben werden.

Hat da denn das Klinikum nun ausreichend Personal?

Wir haben 80 Pflegestellen zusätzlich aufgebaut. Da sind wir einen ganz großen Schritt vorangekommen. Angesichts des aktuellen Mangels an Pflegekräften ist das super. Probleme der Pflegeplanung sind dramatisch weniger geworden. Das ist ein großer Erfolg. Wir haben eine Fluktuation, etwa durch Schwangerschaften und Elternzeit, von 15 Prozent. Ziel war es, das nicht nur auszugleichen, sondern Pflegekräfte zusätzlich zu gewinnen. Das ist uns gelungen.

Im ärztlichen Bereich?

Hier haben wir aufs Haus gesehen keinen Zuwachs. Aber im Bundesvergleich - auch wenn es gefühlt nicht immer so erscheint – sind wir gut besetzt.

Haben Sie sich ein persönliches Ziel für Ihr berufliches Leben gesetzt?

Wenn ich dazu beitragen kann, dass die medizinische Entwicklung in Erfurt gut vorankommt, dann ist das ein lohnenswertes Ziel.

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