Schule in Erfurt mit Tastatur und Augenzwinkern

Erfurt.  Thüringer IT- und Medienexperten schaffen ehrenamtlich ein virtuelles Klassenzimmer, das lebendigen Unterricht erlaubt.

Leander beim Lernen mit dem Videokonferenzsystem „BigBlueButton“ im virtuellen Klassenraum der „Pilotschulen“.

Leander beim Lernen mit dem Videokonferenzsystem „BigBlueButton“ im virtuellen Klassenraum der „Pilotschulen“.

Foto: Casjen Carl

Leander hebt den Arm. Seine Lehrerin sagt kurz: „Einen Moment“. Als die Mitschülerin ausgesprochen hat, ist Leander dran. Er unterstreicht eines der Wörter im Satz an der Tafel.

Es ist wie normaler Unterricht, nur dass die Tafel als Rechteck inmitten des Monitors zu sehen ist. Die Lehrerin und Schüler sind nebeneinander live aus ihren Zimmern zugeschaltet. Und das Melden und Mikro-Einschalten ist über kleine Schaltleisten am Rand des Bildschirms zu erledigen.

Start an Erfurter Schule mit Beginn des Lockdowns

Was das Bildungsministerium am Dienstag pauschal als neue Möglichkeit für Thüringer Schulen avisierte, gibt es in Erfurt zum Beispiel an der John-F.-Kennedy-Schule bereits seit Beginn des Lockdowns. Dank einer privaten und ehrenamtlichen Initiative Thüringer Medien- und IT-Fachleute.

„Wir hatten bereits vor Corona ein System für virtuelle Online-Exkursionen entwickelt, mit dem Schulklassen Kulturstätten besuchen oder Experten treffen können, ohne den Klassenraum verlassen zu müssen“, erklärt Steven Bethke den Ansatz. Bereits bevor Schulschließungen drohten, kam aber auch die Idee auf, interaktiven Unterricht aufzusetzen und ein passendes System dafür zu suchen. Ausfallstunden durch Zuschalten von Klassen zu kompensieren, Unterricht in eine Haftanstalt zu bringen – auch ohne Corona gibt es einen Bedarf an interaktivem Fernunterricht.

Videokonferenzsystem datensicher angepasst

In der lizenzfrei verfügbaren Plattform „BigBlueButton“ fand sich ein Videokonferenzsystem, was anzupassen war und auch datenschutzrechtlich gut abzusichern ist, erklärt Bethke. So packte das mit ihm fünfköpfige Team an und legte ein Konzept – auch dem Thüringer Bildungsministerium – vor und startete nahezu gleichzeitig in Eigenregie mit dem Lockdown an Pilotschulen. Zu diesen gab es wegen der eigenen Kinder beste Kontakte.

Emotionale Momente im Unterricht

„Die Not war doch groß, da konnten wir nicht abwarten“, sagt Steven Bethke. Und so habe man auf eigene Kosten Server-Kapazitäten angemietet. „Dann kam der Moment, als die Lehrer erstmals nach aufregenden Tagen ihre Kinder wiedersahen. Da flossen sogar Tränchen“, erzählt Kristin Daum, die zum Team gehört und ihre Kinder an der JFK-Schule hat. Inzwischen hätten sich Lehrer und Schüler mit dem System bereits eingespielt und selbst Erstklässler zeigten sich echt pfiffig, mit den Bedienelementen umzugehen. Einzige Hürden blieben natürlich auch hier die technischen Voraussetzungen in den Elternhäusern.

Thüringer Schulcloud setzt auf ähnliches Angebot

Dass nun das Bildungsministerium den Schulen, die Nutzer der Thüringer Schulcloud sind, auch ein System über „BigBlueButton“ anbietet, kam dann für Bethke, Daum und Kollegen überraschend. „Auf der einen Seite waren wir überrascht, dass jetzt plötzlich Videokonferenzen mit der Schulcloud möglich sind, auf der anderen Seite ist es gut zu hören, dass die Bedürfnisse da draußen gehört werden und die Schulen von offizieller Seite unterstützt werden.“ Laut Ministerium greift Thüringen auf das Hasso-Plattner-Institut Potsdam zurück, dass das System über die Thüringer Schulcloud bereitstellt. „Da die Registrierung und Einrichtung der Schulcloud recht aufwendig ist, sehen wir bis mindestens Ende des Schuljahres Bedarf, Schulen mit unserem Konzept unkompliziert zu helfen“, sagt Bethke. Und so können sie auch nicht so recht verstehen, wieso die vor Ort erbrachten, innovativen Leistungen noch nicht genutzt werden.

Lehrer und Eltern in den Programmierprozess einbezogen

Denn während die Schulen mit Schulcloud sich zunächst über Lernfilme und spätere Lehrgänge fit machen sollen, wie eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage schreibt, sei es den Erfurtern stets darum gegangen, die Plattform gemeinsam mit Lehrern, Eltern, Schülern und nicht zu vergessen mit dem Datenschutzbeauftragten der Landesregierung, Lutz Hasse, zu entwickeln und zu verfeinern. „Wir haben, natürlich auch schon über Videokonferenzen die Lehrer geschult oder Elternabende abgehalten. Und zudem auch kleine Handbücher erstellt“, erläutert Kristin Daum.

Wie das funktioniert, zeigte das Beispiel der Deutschstunde mit Leander und seinen Mitschülern. Die rege genutzten Vorleistungen auf der Webseite pilotschulen.de sollen nun aber auch nicht vergebens sein. Denn mit mehr Server-Kapazität, die eigens verschlüsselt und gegen Fremdzugriff gesichert ist, ließen sich weitere Schulen mit dem System bespielen und alle Erfahrungen nutzen.

Initiatoren hoffen auf Unterstützung

So hoffen Bethke, Daum und ihre Mitstreiter, doch bald aus dem Ministerium zu hören und auch auf eine Hilfe bei der Finanzierung der bereits funktionierenden, virtuellen Klassenräume und anderen digitalen Angebote wie Fortbildungen und AG‘s. Auch ein Sponsoring von anderer Seite wäre sehr willkommen. Und dies wäre zugleich auch eine Motivation, denn in Zukunft wird es – wie sie sagen – einen großen Bedarf geben, die Digitalisierung der Schulen voran zu bringen. Warum nicht auch mit Lösungen aus Thüringen.