„Voller Vorfreude auf Erfurt“

Die Musikerin Johanna Bastian ist die neue Geschäftsführerin im Haus Dacheröden. Ein Gespräch über Kunst, Politik und Kinderbücher.

Johanna Bastian, Jahrgang 1989, studierte Violine an der Universität der Künste  in Berlin sowie Musikmanagement- und Vermittlung an der Hochschule für Musik in Detmold.

Johanna Bastian, Jahrgang 1989, studierte Violine an der Universität der Künste in Berlin sowie Musikmanagement- und Vermittlung an der Hochschule für Musik in Detmold.

Foto: Dacheröden

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Wie haben Sie davon erfahren, dass im Haus Dacheröden eine neue Geschäftsführerin gesucht wird?

Der Entdeckung der Stellenanzeige ging ein Krisentag voraus. Wir bekamen den Anruf, dass unser Sohn in der Kita vom Wickeltisch gefallen sei und abgeholt werden müsse. Nach der Visite und dem Auftrag, Anton 24 Stunden lang zu beobachten, gingen wir alle zusammen in die Bibliothek. Unser kleiner Patient zog zielsicher das „Wimmelbuch Erfurt“ hervor, das uns sehr gut gefiel. Mehr spaßeshalber schaute ich zu Hause konkret nach Stellen in Erfurt und da tauchte die Programmleitung des Kulturhauses Dacheröden auf – eine Stellenanzeige, deren Profil mir wie zuvor kein anderes zusagte.

Sie stammen aus Halle und lebten bisher mit Ihrer Familie in Berlin. Wie gut kennen Sie Erfurt?

Wir kennen Erfurt kaum, aber viele Erfurter, die uns mit der Begeisterung für Ihre Stadt angesteckt haben. Wir freuen uns nicht zuletzt auf die Grillkultur und Martini.

Mit Ihrem Jahrgang 1989 können Sie als echtes Wendekind gelten. Ist es Ihnen wichtig, aus dem Osten zu stammen?

Ich bin mit der Musik des ostdeutschen Liedermachers Gerhard Schöne aufgewachsen. Er besingt ein Lebensgefühl, dem ich mich bis heute sehr verbunden fühle. Ein Gefühl, das natürlich von Ort und Zeit geprägt ist, aber eine universelle Gültigkeit hat, seien es „Wellensittich und Spatzen“, „Der Riese Glombatsch“, oder mein Lieblingslied „Vielleicht wird´s nie wieder so schön“.

Ein schönes Stichwort. Wie politisch ist für Sie Kunst?

Kunst spiegelt unsere Lebenswelt. So gesehen ist sie von sich aus politisch, weil sie dazu anregt, über sich und seine Handlungen nachzudenken. Die Beschäftigung mit Kunst zwingt mich zur Auseinandersetzung mit fremden Lebensentwürfen. Ich werde mit neuen Gefühlswelten konfrontiert und muss diese neu für mich ordnen. Sie regt zum Austausch und Diskurs an. Und das ist die Grundlage, um Meinungen aushandeln und die Gesellschaft aktiv mitgestalten zu können. Kunst ist gewissermaßen der Kit der Gesellschaft. Sie muss aber frei bleiben von einem bestimmten Zweck und darf nicht ideologisiert und instrumentalisiert werden. Nur so ist Kunst für jeden zugänglich und schließt nicht von vornherein aus.

Sie haben Musik studiert. Bleibt neben der Geige noch Zeit für andere Hobbys?

Ich verbringe unheimlich gern Zeit in Bibliotheken. Dort herumzustöbern und zu entdecken, das hat für mich immer etwas Rauschhaftes. Ich lasse mich gern von anderer Begeisterung anstecken. Das können dann Themen sein, mit denen ich vorher überhaupt keine Berührung hatte, zum Beispiel Tiefseepflanzen oder Stabhochsprung.

Eine Konstante scheint Ihre Liebe zu Kinderbüchern zu sein . . .

. . . für die hege ich wirklich eine besondere Leidenschaft. Die begann schon lange bevor ich eigene Kinder hatte. Für mein Diplomkonzert lernte ich Bartóks erstes Violinkonzert. Die größte Inspirationsquelle dafür war, neben „Fälle“ von Daniil Charms, das Kinderbuch „Heute bin ich“ von Mies van Hout.

Wer sind ihre Lieblinge in der Kunst?

Das ist unheimlich situationsabhängig. Im Moment beschäftigen und berühren mich der Autor Roger Willemsen und das Album „Five leaves left“ von Nick Drake aus dem Jahr 1969. Dazu die Kinderbuchautorin Maria Parr mit ihren „Waffelherzen an der Angel“ und der Architekt und Städteplaner Jan Gehl. Und Johann Sebastian Bach geht natürlich immer.

Wo finden Sie als junge Mutter Entspannung oder Erholung?

Im Austausch. In Berlin haben wir direkt im Haus ein kleines Café, das wir in Hausschuhen besuchen konnten. Dort trifft sich der ganze Kiez: der Friseur von gegenüber und französische Mütter, Lutz und die schwangere Kathi. Nicht zu vergessen die Kneipenbesitzerin Heike oder die rauchende Witwe, die auch bei Minusgraden draußen sitzt, der Feriengast aus Glasgow …

. . . das klingt auch ein wenig nach Abschiedsschmerz . . .

. . . ja klar. Bei unzähligen Cappuccino haben wir auf der roten Bank gesessen über alle erdenklichen, persönlichen Wetterlagen gesprochen. Das Gefühl, dass da ganz unterschiedliche Leute mit unserer Familie den Alltag teilen, sich für uns interessieren – und die klingeln, wenn wir uns zwei Tage nicht blicken lassen, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist –, dieses Gefühl schafft eine enorme Entspannung.

Was haben Sie im Haus Dacheröden vor? Wo werden Ihre Schwerpunkte liegen?

Zu allererst muss ich mir Fragen stellen: Was wünschen sich die Erfurter? Wann würde ich selbst einen solchen Ort besuchen? Welche Ideen sind schon da? Inwieweit kann man vielleicht auch die Geschichte des Hauses einsetzen? Das Kulturhaus soll ein gemütlicher Ort sein, der dazu einlädt, zu verweilen. Ich finde es sehr wichtig, dass man dort auch einen guten Kaffee trinken, etwas Kleines essen und Zeitung lesen kann. Es gilt gewissermaßen eine Einladung, das Kulturhaus zu besuchen, auch wenn gerade keine Veranstaltung stattfindet. Um das zu erreichen, sind, glaube ich, nicht nur inhaltliche Fragen wichtig, sondern auch die Art der Kommunikation. Kurz: Wie mache ich denen Appetit, die noch nie im Kulturhaus waren?

Wie lange wollen Sie in Erfurt bleiben?

Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, wieder zu gehen. Wir sind voller Vorfreude auf Erfurt.

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