Wie es zum Niedergang des Erfurter Nachwuchsleistungszentrums kam

Erfurt  Die zwei Sterne, welche der FC Rot-Weiß Erfurt einst für seine Nachwuchsarbeit vom DFB bekam, sind aberkannt. Die Gründe für den Niedergang des Nachwuchsleistungszentrums liegen nicht nur bei der Insolvenz.

Das Nachwuchsleistungszentrum von Rot-Weiß Erfurt.

Das Nachwuchsleistungszentrum von Rot-Weiß Erfurt.

Foto: Frank Steinhorst

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Auf der Freifläche vor dem Eingang des Erfurter Trainingsgeländes sind derzeit orange Container aufgereiht. Wer seinen Garten auf Vordermann bringen will, kann dort seine Grünabfälle loswerden. Nun soll das im „Gebreite“ beheimatete Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der Rot-Weiß-Fußballer nicht entsorgt werden. Doch eine gewisse Symbolik ist nach dessen Niedergang in den vergangenen Monaten nicht von der Hand weisen.

Die vergangene Saison geht als die sportlich schlechteste in die Vereinsgeschichte ein. Die einst in der Bundesliga angesiedelten Mannschaften der U19 und U17 mussten am Ende froh sein, nicht aus der Regionalliga abgestiegen zu sein. Was aber noch schwerer wiegt, ist die Aberkennung der zwei Sterne, mit denen der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Club vor drei Jahren bedacht hatte. Mit der Rückstufung auf den untersten Zertifizierungslevel geht dem FC Rot-Weiß Erfurt nicht nur Reputation in der Branche, sondern auch eine DFB-Fördersumme von 200.000 Euro abhanden.

Die Vereinsmitteilung, dass dieser Umstand „insolvenzbedingt“ sei und man froh sein könne, als einer von wenigen Regionalligaclubs überhaupt ein NLZ zu führen, klingt wie das berühmte Pfeifen im Walde. Etliche Fans, das zeigen die Reaktionen in den sozialen Netzwerken, fühlen sich sogar für dumm verkauft. Ein Blick in die Nachbarschaft reicht aus, um ihren Ärger nachzuvollziehen. Mit dem Chemnitzer FC bewies ein ebenfalls in der Insolvenz steckender Verein, wie es auch gehen kann: Bundesliga-Klassenerhalt und Pokalsieg mit der U17, Aufstieg mit der U19 – selten hatten die himmelblauen Talente mehr Gründe zum Jubeln als im abgelaufenen Spieljahr.

Acht gut ausgebildete Trainer haben das Weite gesucht

Im „Gebreite“ herrscht dage­gen Tristesse. Die verblichenen Spielpläne, die im Schaukasten neben dem Eingang hängen, stammen aus dem Vorjahr und sind ein weiteres Indiz dafür, dass der Nachwuchs bei Rot-Weiß in Vergessenheit geraten ist. Dabei befand sich der Verein auf einem guten Weg, ein anerkannter Ausbildungsverein zu werden.

2011 nach der ersten Zertifizierung durch den DFB folgte der akribische Aufbau des NLZ mit Hospitationen in Freiburg und Köln. Kooperationen mit Sportschule und Sportklinik wurden geschlossen, Trainingsmethodische Leitfäden erstellt, eigene Vermarktungsstrategien entwickelt, personelle Strukturen geschaffen. 2016 erfolgte der Ritterschlag – die DFB-Prämierung mit zwei Sternen.

Zu den Triebfedern gehörten einst Christian Preußer im sportlichen sowie Torsten Traub im administrativen Bereich. Der eine trainiert seit drei Jahren erfolgreich die Freiburger U23 und gilt als erster Nachfolger für Christian Streich, sollte dieser einmal keine Lust mehr auf Bundesliga haben. Der andere führt nach seiner Entlassung und dem gewonnenen Rechtsstreit mit dem FC Rot-Weiß eine Sportberatungsagentur in Erfurt.

Von ihrem zusammengestellten NLZ-Team ist längst nichts mehr übrig. Insgesamt haben acht gut ausgebildete Trainer im vergangenen Jahr das Weite gesucht; allesamt A-Lizenzinhaber wie die im Club groß gewordenen Norman Loose, Frank Tanne und Steffen Knäbe sowie mit dem Chemnitzer Cheftrainer David Bergner gar ein Fußballlehrer. Rückblickend eint sie alle das Gefühl, damals im Regen stehen gelassen worden zu sein.

Viele Talente gingen, weil ihnen niemand ei­ne Perspektive aufzeigte

Ihr Vorwurf: Nach dem Sturz des langjährigen Präsidenten und NLZ-Hauptsponsors Rolf Rombach durch den Aufsichtsrat im November 2017 hätte sich weder dessen Nachfolger Frank Nowag, noch der spätere Sportdirektor Oliver Bornemann und auch nicht Insolvenzverwalter Volker Reinhardt um die Belange des Nachwuchses gekümmert. Vielmehr sei der Eindruck entstanden, das NLZ wäre lediglich ein finanzieller Klotz am Bein des Vereins. Kommunikation hätte kaum stattgefunden; Konzepte seien vom Tisch gewischt worden. So, als wären den rot-weißen Entscheidungsträgern die mühsam erreichten Sterne völlig schnuppe.

Hinzu kam das fehlende Miteinander innerhalb der aktuellen Trainerschaft. In dieser Gemengelage fiel es der höherklassigen Konkurrenz umso leichter, ein Top-Talent nach dem anderen abzuwerben. Nicht alle wären zu halten gewesen; doch viele gingen, weil ihnen niemand ei­ne Perspektive aufzeigte.

Mittlerweile werden 18-Jährige aus allen Teilen Deutschlands ins Profiteam geholt. Und das bei einem Verein, der einst plakativ verkündete, auf „Stallgeruch“ setzen zu wollen. Aber das scheint Lichtjahre her.

Neue Leitung:

  • Mit einem fünfköpfigen Leitungsteam hat sich das NLZ neu aufgestellt: Henri Fuchs und Manuel Rost verantworten künftig den sportlichen; Stefan Heiderich und Patrick Weigt den organisatorischen Bereich. Hinzu kommt Ex-Profi Alexander Ludwig.

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