Wie eine 84-jährige Erfurterin bisher vergebens um eine Rollatorbox vor dem Haus kämpfte

Erfurt.  Sieben Stufen, die das Leben erschweren: Warum eine Erfurter Seniorin vor jedem Gang nach draußen Angst hat.

Frau S. ist 84 Jahre und muss ihren Rollator immer die sieben Stufen hinauf   und hinab tragen.

Frau S. ist 84 Jahre und muss ihren Rollator immer die sieben Stufen hinauf und hinab tragen.

Foto: Anja Derowski

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Immer mehr ältere Menschen möchten so lang wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen. Sie wollen selbstständig sein, ihren Alltag meistern. Doch vor allem körperliche Leiden erschweren dies, es bedarf Hilfe – auch baulicher Art.

„In 25 Prozent unserer Wohnungen leben Mieter, die 70 Jahre und älter sind“, sagt Cornelia Schönherr, Sprecherin der Kommunalen Wohnungsbaugesellschaft (Kowo). Das Durchschnittsalter der Kowo-Mieter liege bei 53 Jahren. Vor allem Wohnungen in den 18 Punkthochhäusern seien beliebt, „sie eignen sich noch mehr als Erdgeschoss-Wohnungen, da in den Hochhäusern überall ein barrierefreier Zugang zu Haus und Wohnung besteht. Der Aufzug hält in jeder Etage“, meint die Expertin.

Jeder Aufenthalt im Freien wird zum Kraftakt

Wie schwierig es sein kann, sieben Treppenstufen zu meistern, weiß Frau S*. Der 84-Jährigen mit Schwerbehinderten-Grad 70 fällt das Laufen schwer, die Kraft ist gering. Dank des Rollators kann sie aber allein draußen spazieren gehen, einkaufen, zum Arzt. Doch jeder Aufenthalt im Freien wird zum Kraftakt: Sie muss ihren Rollator zunächst fünf Stufen bis ins Treppenhaus und dann nochmal sieben Stufen bis zu ihrer Wohnungstür im Erdgeschoss hinauftragen.

Warum stellt sie den Rollator nicht einfach neben den Briefkästen ab? „Über mir wohnt eine Dame, die ist zwei Jahre älter als ich und noch schlechter dran. Sie benötigt diesen Stellplatz für ihren Rollator“, sagt die Seniorin.

Ihre Hände zittern, ein paar Minuten zuvor hat sie gezeigt, wie umständlich es ist, mit dem Rollator die Treppe rauf und runter zu kommen. Eine Hand muss am Geländer sein, für die Sicherheit. Doch sie kann den Rollator nur in der rechten Hand tragen, ihre gesamte linke Körperhälfte ist beeinträchtigt. Geht sie also die Treppe hinauf, ist das Geländer rechts – sie muss irgendwie versuchen, gedreht, mit der linken Hand am Geländer, die Stufen zu meistern. Der Rollator ist zwar faltbar, sein Gewicht macht dennoch zu schaffen. Trifft sie Bewohner des Hauses, helfen diese ihr. Sie fühlt sich wohl hier, seit 42 Jahren lebt sie in dem Haus.

Lösung wäre eine Rollatorbox

Die Lösung für das Rollatorproblem wäre eine Rollatorbox vor dem Haus. Diese würde die TAG Wohnen, bei der Frau S. Mieterin ist, auch finanzieren. Allerdings gehören nicht alle Wohnungen der TAG. Das Aufstellen einer Rollatorbox bedeutet eine Änderung am Gemeinschaftseigentum. „Wir haben die Verwaltung der Wohnungseigentümergemeinschaft angeschrieben, um unsere Mieterin bei der Aufstellung der Rollatorbox zu unterstützen. Die TAG Wohnen ist in diesem Haus nicht der Eigentümer aller Wohnungen, somit bedarf es der Zustimmung aller Eigentümer bei Veränderungen in der Außenanlage“, sagt Grit Zobel, Sprecherin der bundesweit agierenden TAG Wohnen.

Diese Versammlung jedoch findet nur einmal im Jahr statt. Frau S. hat Erik Alkenbrecher von der gleichnamigen Haus- und Immobilienverwaltung bereits kontaktiert – ohne bisherigen Erfolg.

Unsere Redaktion fragte nach, welche Möglichkeiten er sehe und ob eine Entscheidung nicht auf dem kurzen Dienstweg getroffen werden könnte. Schließlich hatte Frau S. in Gesprächen mit den Hausmitbewohnern schon ein positives Feedback dieser erhalten. Doch die deutsche Bürokratie ist hart. „Die Errichtung einer Rollatorgarage ist im Falle einer Eigentümergemeinschaft mit einigen Hürden verbunden. Eine Genehmigung ‚auf dem kurzen Dienstweg‘ ohne die Entscheidung der Wohnungseigentümer ist hier nicht möglich“, sagt er auf Anfrage unserer Zeitung. Gibt es denn überhaupt eine Chance? „Es besteht ansonsten noch die Möglichkeit, zeitnah einen Beschluss im Rahmen einer außerordentlichen Eigentümerversammlung herbeizuführen. Die Einberufung einer außerordentlichen Eigentümerversammlung muss formal durch den Wohnungseigentümer beantragt werden“, erklärt Erik Alkenbrecher. Er habe Verständnis für das Anliegen der Seniorin und sei für weitere Lösungsvorschläge „selbstverständlich offen“.

Bauliche Anpassungen werden oft nachgefragt

Auch Grit Zobel meint: „Wir hoffen auf eine positive Entscheidung der Eigentümergemeinschaft – im Bestfall direkt vor der Haustür.“ Bei der TAG Wohnen gibt es, wie auch bei der Kowo, geschultes Personal, das Senioren rund um ihre Wohnungen und ihren Alltag berät. „Als Vermieter beraten wir bei Wohnraumanpassungen und Badumbauten, geben Tipps zur Einrichtung des Hausnotrufs und stellen Rollator- und Rollstuhlboxen bereit. In Kooperation mit Wohlfahrtsverbänden und Pflegedienstleistern betreiben wir vielerorts Nachbarschaftstreffs für junge und eben ältere Menschen. Unsere Aktiv-Treffs sind tolle Orte zur Begegnung und in vielen Wohngebieten nicht mehr wegzudenken. Handarbeit, Sitzgymnastik und gemeinsames Mittagessen sind nur einige der Angebote“, sagt Grit Zobel. Nachgefragt würden etwa bauliche Anpassungen wie seniorenfreundliche Duschen, Haltegriffe in der Wohnung und der Rückbau von Türschwellen.

Auch bei der Kowo gibt es zahlreiche Angebote für Senioren. Clubräume, Treffpunkte, Dienstleistungszentren – vieles direkt in den Häusern. „Gegen die Vereinsamung“, sagt Cornelia Schönherr. „Viele laufen oder fahren nicht extra in die Stadt zu den Angeboten.“ In den kommenden Monaten wird es seitens der Kowo Erhebungen geben darüber, wie alt die einzelnen Wohngebiete sind. Mit diesen Ergebnissen sollen dann beispielsweise Fragen wie ‚Braucht es eher einen Spielplatz oder Rollatorboxen?‘ beantwortet werden können.

*Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

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