Wunsch nach Flaniermeile statt Stadtautobahn durch Erfurt

Erfurter Stadtplanungs- und Umweltaktivisten wollen dem Autoverkehr in der Stadt Flächen entziehen.

Stefan-Peter Andres (Links, Vorstand des SuRban e.V. und Sebastian Perdelwitz zeigen ein Bild vom einstigen Park, der statt der Stauffenbergallee existierte..

Stefan-Peter Andres (Links, Vorstand des SuRban e.V. und Sebastian Perdelwitz zeigen ein Bild vom einstigen Park, der statt der Stauffenbergallee existierte..

Foto: Marco Schmidt

Autorauschen ist doch fast schon wie das Rauschen des Wassers. Stefan-Peter Andres, Stadtplaner und selbst ernannter Spaziergangswissenschaftler, muss diese kühne These aber durch ein Megafon rufen, damit die kleine Wandergruppe sie hört. Die Autos auf der Stauffenbergallee sind nämlich so laut wie ein reißender Strom.

Spaziergang zwischen Fahrbahnen

Der Spaziergang von der Unterführung an der Meyfartstraße die Allee in Richtung Talknoten entlang ist eine Werbeveranstaltung. Zum einen für eine Runde „Die vergessene Diskussion über die Erfurter Stadtautobahnen“ am kommenden Dienstag im Café Nerly und zum zweiten für den Versuch, Natur in die Innenstadt zurückzubringen – indem man dem Autoverkehr Flächen entzieht.

Die konkrete Idee betrifft die Stauffenbergallee, die durch Rückbau der zwei Spuren an der Häuserseite dezimiert werden soll. Ein Park könnte so entstehen. Und das nach historischem Vorbild. Denn bis Anfang der 70-er Jahre – als einhergehend mit dem Bau des Schmidtstedter Knotens die Magistrale vierspurig wurde – war hier eine Flaniermeile.

„Dafür gab es damals Gründe“, meint Andres, „heute aber nicht mehr, weil wir so viele Umfahrungen haben.“ Während es einen schmalen Trampelpfad auf dem breiten, grünen Mittelstreifen entlang geht, hakt hier Dominik Kordon (CDU), Chef des Stadtentwicklungsausschusses des Stadtrates, ein. Man müsse aufpassen, dass nicht die Innenstadt geschwächt werde. „Welcher Cityhändler hat ein Angebot, für das man unbedingt ein Auto für den Transport braucht?“, hält Stefan-Peter Andres entgegen.

Einig sind sich die Spaziergänger, zu denen auch Stadtrat Sebastian Perdelwitz (Mehrwertstadt, hier aber für den Verein „Ich Global“) gehört, darin, dass man erst Angebote schaffen muss, damit die Menschen aufs Auto verzichten.

„Wir sind doch die Strolche, die die Lunte legen – und hoffen, dass jemand ein Streichholz dranhält“, erklärt FH-Dozent Andres verschmitzt die Herangehensweise von ihm und seinen Mitstreitern. Eine Forderung, zwei Fahrspuren zu streichen, würde nur Proteste hervorrufen. Besser wäre es doch, die An- und Einwohner den Gedanken schmackhaft zu machen.

Angesichts des Klimawandels müsse dieser Prozess aber recht schnell gehen. So rückt Andres das Thema auch an der Fachhochschule ins Blickfeld. Dort soll es im Sommersemester ein Seminar mit dem (Arbeits-) Titel „Der Ring der lieben Lungen“ geben, in dem Studenten das Thema weiterdrehen sollen.

Keineswegs unbekannt sind die Gedankenspiele im Amt für Stadtentwicklung. Dessen Leiter, Paul Börsch, pirscht sich – und das werden die Spaziergänger wohlwollend hören – keineswegs von der Seite der Autofahrer an das Thema heran. „Wichtiger als zwei Spuren einzusparen ist es, beim ÖPNV schnell zu handeln“, sagt er auf Nachfrage. „Die Buslinie 9 ist an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt.“ Abhilfe müsste eine Stadtbahnlinie durch die Thälmannstraße bringen, was aber den Druck auf die Stauffenbergallee erhöhe.

Klimawandel bestimmt Tempo und Handlungsdruck

In einem sind sich der Amtsleiter und die Flaniermeilen-Befürworter aber gänzlich einig. Der Klimawandel erfordere schnelle Veränderungen – die aber wie auch immer kommen werden. „Ich wage jedenfalls keine Prognose, wie sich der Autoverkehr in den nächsten fünf Jahren entwickelt“, so Paul Börsch.

Diskussion im Café Nerly am 19.November, ab 19 Uhr

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