Ein Parteiabzeichen im Klingelbeutel - Vorbote der Wende

Friedrichroda.  Was sich vor 30 Jahren, im Herbst 1989 in Friedrichroda ereignete, das zeigt jetzt eine Ausstellung im Heimatmuseum Friedrichroda.

Erstes Anzeichen des Verfalls: Dieses SED-Parteiabzeichen fand sich im Klingelbeutel am 9. April 1989 nach der goldenen Konfirmation in der Friedrichrodaer Blasius-Kirche.

Erstes Anzeichen des Verfalls: Dieses SED-Parteiabzeichen fand sich im Klingelbeutel am 9. April 1989 nach der goldenen Konfirmation in der Friedrichrodaer Blasius-Kirche.

Foto: Wieland Fischer

Ein SED-Parteiabzeichen („Bonbon“ genannt) hat im Heimatmuseum Friedrichroda einen denkwürdigen Platz bekommen. Es liegt vor einem Klingelbeutel. Das Parteiabzeichen fand Rosemarie Scheidemann, als sie am 9. April 1989 nach der goldenen Konfirmation in der Friedrichrodaer Blasius-Kirche die Kollekte zählte. Zuvor war Pfarrer Christfried Boelter in der Predigt auch auf die bevorstehende Kommunalwahl in der DDR eingegangen. Das Parteiabzeichen im Klingelbeutel war ein erster Vorbote der friedlichen Revolution vor 30 Jahren in Friedrichroda.

Pfarrer Frohmut Schurig (später Superintendent in Waltershausen) habe gesagt: „Werfen Sie es weg!“ Die Kirchenmitarbeiterin bewahrte es aber als erstes Anzeichen des Zusammenbruchs der DDR vor 30 Jahren im damaligen FDGB-Ferienort auf. Jetzt ist es im Heimatmuseum Teil der Ausstellung zur friedlichen Revolution in dem Kurort.

Stolz schwingt mit, wenn Rosemarie Scheidemann und Pfarrer Christfried Boelter heute sagen, dass die Friedrichrodaer im Herbst 1989 es als zweite in Thüringen wagten, auf die Straße zu gehen, um zu protestieren. Im Heimatmuseum Friedrichroda hat Rosemarie Scheidemann zusammengetragen, was an die letzten Tage der DDR und die Wende in Friedrichroda erinnert: vom FDGB-Ausweis, um einen Ferienplatz in einem der Friedrichrodaer Heime zu bekommen, bis zum letzten Brief von Werner Schubert-Deister an seine Freunde vor seiner Ausreise.

Ein Megafon verweist auf die Friedensgebete im Herbst 1989 in der Friedrichrodaer Kirche. Ulrich Schmidt hatte es im Baum installiert, um die Reden ins Freie zu übertragen, weil das Gotteshaus die Menschenmassen nicht mehr fassen konnte.

Am 19. Oktober 1989 gingen mehr als 2000 Leute in Friedrichroda nach dem ersten Friedensgebet auf die Straße. Reinhard Kopf, damals Diakon in Friedrichroda, hatte zuvor Friedensgebete in Leipzig miterlebt und von dort die Idee dazu in die Provinz getragen. Erstmals fanden die Menschen Mut, im geschützten Raum der Kirche das auszusprechen, was ihnen am Herzen lag, erinnert sich Boelter. Von Versorgungsengpässen, sichtbarem Verfall der Gebäude und Reisebeschränkungen war die Rede.

Boelter weiß noch um die Angst, nach dem Friedensgebet auf die Straße zu gehen und zum Rathaus zu marschieren. „In den Nebenstraßen standen sie aufgereiht in ihren Ledermänteln. Sie warteten nur darauf, eingreifen zu können“, beschreibt Boelter rückblickend die Szene. Nur mit einem hätten die Büttel nicht gerechnet: dass alles friedlich geschah. „Mit Kerzen und Gebeten konnten sie nicht umgehen. Später haben wir das organisieren müssen.“ Damit Fenster von Parteisekretär oder Bürgermeister nicht eingeschlagen wurden.

In die Ausstellung hat Rosemarie Scheidemann eine Waschwanne mit Kerzenstumpfen gestellt. Es sind zwar keine Originale von vor 30 Jahren. Sie verweisen darauf, dass die am Rathaus abgestellten brennenden Kerzen in der Nacht von den Kirchenmitarbeitern eingesammelt wurden, damit nichts anbrennt und die Staatsdiener keine Angriffsfläche erhalten.

Einen Tag nach der ersten Friedrichrodaer Demo des Herbstes 89 mussten Schurig und Boelter beim Rat des Kreises, Abteilung Inneres, antanzen. Die Funktionäre seien zu dem Zeitpunkt noch der festen Überzeugung gewesen, dass der Staatsapparat das alles in den Griff bekommt, weiß Boelter noch wie heute. Doch 14 Tage später, am 2. November, seien es um die achttausend Menschen in und an Friedrichrodas Kirche gewesen, unter ihnen der damalige thüringische Bischof Werner Leich.

Beim Friedensgebet am Donnerstag, 9. November, platzte ein Mann in die Andacht und verkündete die frohe Botschaft: „Die Mauer ist gefallen.“ Pfarrer Boelter sagt, dass er es anfangs gar nicht recht glauben wollte. Doch die Menschen in der Kirche fingen an zu toben. „Das Gebäude fing an zu schwingen“. An Friedensgebete war vorerst nicht mehr zu denken.

Glücklicherweise seien in Friedrichroda gleich Arbeitskreise zu Themen wie Bildung oder Umweltfragen gebildet worden. Es waren die Vorläufer des runden Tisches. Der ist in der Ausstellung des Heimatmuseums klein und viereckig. Rosemarie geht es um den Symbolgehalt und darum, die Erinnerung an die friedliche Revolution lebendig zu halten.

Die Ausstellung ist in der Heimatstube Friedrichroda zu folgenden Öffnungszeiten zu sehen: Dienstag, 10 bis 12 Uhr, Mittwoch und Donnerstag, 10 bis 12 Uhr und 15-17 Uhr, Samstag, 10-12 Uhr. Weitere Informationen unter Telefon: 03623/200557

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