Ellenbogencheck statt Faustschlag

Gerichtsbericht: Weil sich kein Zeuge wirklich erinnern kann, wird das Verfahren schließlich eingestellt.

Ein angeblicher Faustschlag wurde vor dem Amtsgericht Gotha verhandelt.

Ein angeblicher Faustschlag wurde vor dem Amtsgericht Gotha verhandelt.

Foto: Alexander Volkmann

Als die Staatsanwältin die Anklage verliest, in der dem jungen Mann vorgeworfen wird, einen anderen mit einem Faustschlag niedergestreckt zu haben, blickt dieser unbeteiligt in die Runde. Wenig später gibt er zu, dass es in dieser Februarnacht am Ende einer Faschingsveranstaltung Rangeleien gegeben hat. Nur habe er daran nicht den geringsten Anteil gehabt. Was wiederum die Staatsanwältin veranlasst, ihn darauf hinzuweisen, dass hier wegen eines blauen Auges und nicht eines Kapitalverbrechens verhandelt wird und es deshalb nicht wirklich nötig sei, die Wahrheit zu verbiegen.

Doch der Angeklagte bleibt bei seiner Version. Er habe das Gebäude verlassen, wobei er gesehen habe, dass es zwischen einigen Leuten Streit gab. Dann sei er ins Taxi zu seinen Freunden gestiegen, das daraufhin unverzüglich abfuhr.

Angeklagter nicht als Täter erkannt

Um in der Verhandlung das Geschehen zu beleuchten hat Richterin Ulrike Borowiak-Soika eine ganze Reihe von Zeugen geladen, allesamt im ähnlichen Alter wie der Angeklagte. Als erstes macht der Geschädigte eine Aussage. Er bestätigt den Faustschlag, der ihm eine heftige Prellung im Gesicht eingebracht hatte, erkennt aber den Angeklagten nicht als den Täter. Er habe noch im Haus einen Anruf von seinem Kumpel bekommen, dass man nach Hause wolle. Also sei er raus gegangen. Und dann, so betont er, könne er sich nur noch daran erinnern, auf dem Boden gesessen zu haben. Wer ihn geschlagen hat, könne er beim besten Willen nicht sagen.

Die Staatsanwältin will wissen, ob der Geschädigte zum Tatzeitpunkt alkoholisiert war. Ein bisschen schon, gibt er zu, schließlich habe man gefeiert. Weitere Zeugen vermitteln hingegen das Bild, dass der Geschädigte mehr als nur ein bisschen angetrunken war. Und es kommt ans Licht, dass der Angeklagte und der Geschädigte sehr wohl vor der Tür aneinandergeraten sind. Das gibt nun auch der Angeklagte zu. Er betont jedoch, es sei bei einem verbalen Austausch geblieben.

Unbeteiligte Frau mit Ellenbogen getroffen

Und ja, einmal habe er ausgeholt, doch zum Schlag sei es nicht gekommen, weil er dummerweise dabei die hinter ihm stehende Freundin seines bestens Freundes mit dem Ellenbogen getroffen habe. Da habe er sich augenblicklich um die Frau gekümmert. Das kann ein weiterer Zeuge, nämlich besagter bester Freund, bestätigen.

Bis auf einen Zeugen haben all die anderen, die von Richterin Borowiak-Soika befragt werden, nicht gesehen, dass es der Angeklagte war, der den Geschädigten mit der Faust attackiert hat. Dieser Zeuge ist sich ganz sicher, dass es nur so gewesen sein kann. Auf mehrfache Nachfrage der Staatsanwältin gibt er jedoch zu, das Geschehen mehr aus der Ferne und zudem aus den Augenwinkeln beobachtet zu haben. Sehr verlässlich ist er deshalb nicht.

Immer wieder fällt der Name eines Mannes, der genau gesehen haben soll, was sich wirklich ereignete. Doch dieser ist nicht als Zeuge geladen. Um ihn zu befragen, müsste eine Fortsetzungsverhandlung anberaumt werden. Doch dieser Aufwand ist für die Staatsanwältin zu viel des Guten. Deshalb beantragt sie bei der Richterin, das Verfahren gegen den Angeklagten einzustellen, weil seine Schuld nicht zweifelsfrei bewiesen werden kann. Ulrike Borowiak-Soika sieht das ebenso. Der Angeklagte muss auch zustimmen. Als er erfährt, dass ihm keine Kosten entstehen, tut er das auch.

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