Gotha: Angelscheine bei der Stasi

Gotha.  Erinnerungen an den 4. und 5. Dezember 1989: Mitglieder des Bürgerkomitees Gotha stürmen Dienststelle

Vor 30 Jahren stand Matthias Wienecke auch vor diesem Gebäude. Damals, am 4. Dezember, verhinderten Mitglieder des Bürgerkomitees, dass in der Kreisdienststelle der Stasi weiter Akten vernichtet werden konnten. Rund 200 Menschen standen vor dem, Gebäude, die Stimmung war aufgeheizt. Wienecke sorgte mit dafür, dass sie mit Informationen aus dem Gebäude beruhigt werden konnte. Nicht zuletzt deshalb startet der Marsch der Erinnerung in diesem November von dem Gebäude, das heute die Kreismusikschule beherbergt.

Vor 30 Jahren stand Matthias Wienecke auch vor diesem Gebäude. Damals, am 4. Dezember, verhinderten Mitglieder des Bürgerkomitees, dass in der Kreisdienststelle der Stasi weiter Akten vernichtet werden konnten. Rund 200 Menschen standen vor dem, Gebäude, die Stimmung war aufgeheizt. Wienecke sorgte mit dafür, dass sie mit Informationen aus dem Gebäude beruhigt werden konnte. Nicht zuletzt deshalb startet der Marsch der Erinnerung in diesem November von dem Gebäude, das heute die Kreismusikschule beherbergt.

Foto: Klaus-Dieter Simmen

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Der 4. Dezember 1989 war ein Montag. In Erfurt besetzten beherzte Frauen in den frühen Morgenstunden die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit. Was sich dort ereignet, sprach sich schnell rum. Pfarrer Martin Rambo platzte mit der Nachricht von den Ereignissen mitten in eine Beratung der Gothaer Arbeitsgruppe Medien und Meinungsfreiheit. Dass in Erfurt die Verbrennung von Akten gestoppt worden war, sollte nun auch in Gotha erfolgen, so die einhellige Meinung. Clemens Festag, heute Schulleiter des Arnoldi-Gymnasiums, erinnerte sich, dass er an jenem Montag als AG-Mitglied, so gegen 19 Uhr, in seinen Trabi kletterte und eine Runde durch Gotha drehte. „Dass die Stasi Akten vernichtet, habe ich in Kneipen erzählt und überall, wo ich Gehör fand.“ Nur wenig später hatten sich vor der Gothaer Kreisdienststelle des nunmehrigen Amtes für Nationale Sicherheit in der damaligen Friedrich-Engels-Straße einige hundert Leute versammelt. Und von denen waren einige überhaupt nicht gut darauf. „Manche waren betrunken, andere einfach nur voller Zorn. Es war eine hochexplosive Stimmung. Nicht auszudenken, wenn die Situation eskaliert wäre.“ Dann, so ist sich Festag sicher, wäre es mit der friedlichen Situation vorbei gewesen. „Doch Eckardt Hoffmann und Matthias Wienecke haben auf die Massen eingeredet, mit Engelszungen.“Die mittlerweile leider verstorbene Ärztin Uta Dehmel erlebte als Mitglied des Bürgerkomitees den Abend mit Sorge. „Es gab in der Masse Provokateure. Das machte mir Angst. Bislang war alles von Seiten der Demonstranten friedlich verlaufen, nicht nur in Gotha, doch ein Funke im Pulverfass hätte genügt – und was dann abgelaufen wäre, wage ich mir gar nicht vorzustellen. Wir haben dann spontan unsere Verstärkeranlage aufgebaut und Matthias Wienecke und ich haben unentwegt die Masse mit Informationen aus dem Gebäude der Stasi-Kreisstelle versorgt. Das half, die Unruhestifter ruhig zu halten.“Clemens Festag war zu dieser Zeit über die Schöne Allee auf das Gelände der Stasi vorgedrungen. „Wir wollten verhindern, dass über diesen Weg noch Dinge weggeschafft werden konnten.“ Im Garten gab es eine riesige Grube voller verkohltem Papier. Im Gebäude selbst fiel ein großer Schredder ins Auge. Mitglieder des Bürgerkomitees hatten sich mit dem amtierenden Kreisstaatsanwalt und dem stellvertretenden Vorsitzenden des Rates des Kreises für Inneres Zutritt zum Gebäude verschafft. „Natürlich war auch der Kreisdienststellenleiter der Stasi anwesend, Oberst Otto Diereske. Ein älterer Herr, der den Eindruck machte, dass ihm lieber wäre, wenn die ganze Geschichte sich nach seiner Pensionierung ereignet hätte. Gleichwohl machte er uns das Leben schwer, weil er sich an nichts erinnern konnte. Er wusste nicht, wo der Schlüssel für irgendwelche Türen war, noch, was sich dahinter verbarg. Auf die Frage, was sich in dem riesigen, leeren Karteikasten befunden habe, antwortete er, das seien Jagd- und Angelscheine gewesen. Mit dem Stasi-Oberst und einem Polizisten verbrachte Festag gemeinsam mit Harald Ipold die Nacht im Gebäude. Ein ängstliches Gefühl bekommt er eher, wenn er heute zurückblickt, damals blieb keine Zeit dafür. „Außerdem waren wir so voller Adrenalin, dass Angst gar keine Platz hatte.“ Nachdenklich wurde er erst, nach dem ihn seine Großmutter am Tag nach der Besetzung daran erinnerte, dass es auch wieder andersrum kommen könnte. Dann, Junge, hatte sie gesagt, stellen die dich an die Wand.Die Nacht verlief im Wesentlichen ereignislos. Nach Mitternacht wurde der Polizist ersetzt. Seine Ablösung brachte für alle im Haus etwas zu Essen mit. „Das war ein feiner Zug.“ Überhaupt überraschte der junge Polizist den Lehrer. „Der war voller Tatendrang, wollte sich alles ansehen und auch hinter die Dinge schauen.“ Am Morgen löste der Arzt Joachim Dehmel das Duo vom Bürgerkomitee ab. „Ich unterrichtete damals in der Berufsschule der HO in der Eisenacher Straße. Sechs Stunden standen auf dem Plan. Die Schüler wussten schon, dass ich die Nacht in der Stasi-Dienststelle zugebracht hatte. In jeder der sechs Stunden musste ich haarklein erzählen, was ich dort erlebt habe.“Am Dienstag, 5. Dezember, sicherte und protokollierte das Bürgerkomitee die Akten, versiegelte Schränke, zu denen es sich keinen Zutritt verschaffen konnten. Zuvor aber waren die Mitarbeiter der Einrichtung zu ihrem Dienst erschienen. Uta Dehmel erinnerte sich: „Das war unglaublich für mich, zumal sie ihre Dienstwaffen trugen. Es ist nie offiziell geworden, doch ich weiß, sie hatten Schießbefehl. Mit fiel ein Stein vom Herzen als sie sich von uns entwaffnen und festsetzen ließen. Mit Hilfe der Volkspolizei wurden die Stasi-Mitarbeiter dann mit Robur-Fahrzeugen abtransportiert. Frauen aus der Bürgerbewegung haben sie wie menschliche Schutzschilde vor Angriffen aus der Masse beschützt.“

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