In Gotha ist Bauen Frauensache

Gotha.  In Gotha treffen sich Bauhandwerkerinnen aus ganz Deutschland. Sich zu organisieren, ist der Gruppe seit Jahrzehnten ein Bedürfnis

In der Gothaer Fachschule sind Bauhandwerkerinnen aus ganz Deutschland zusammengekommen.

In der Gothaer Fachschule sind Bauhandwerkerinnen aus ganz Deutschland zusammengekommen.

Foto: Victoria Augener

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Maurerin, Zimmerin, Malerin – es gab eine Zeit, da konnten sich Frauen diese Berufswünsche abschminken. Per Gesetz war es ihnen in der Bundesrepublik verboten, Berufe des Bauhauptgewerbes zu erlernen. Im geeinten Deutschland ist die Situation eine andere. Handwerkerinnen aus der ganzen Republik treffen sich in dieser Woche in Gotha, um sich bei gemeinsamen Projekten auszutauschen. Politisch engagieren sich die Frauen der Branche noch immer.

Mitte des 20. vergangenen Jahrhunderts versuchten Handwerkerinnen und die, die es werden wollten, die wenigen Schlupflöcher des Gesetzes zu nutzten. Manche schummelten sich damit durch, als einzige Nachkommin den Handwerksbetrieb des Vaters übernehmen zu wollen. 1987 formierte sich aus einer Initiative gegen das Beschäftigungsverbot, das 1912 als Gewerbeordnung eingeführt und nach einer Pause durch den Zweiten Weltkrieg 1955 uneingeschränkt wiedereingeführt wurde, das erste Handwerkerinnentreffen. Bis 1994 sollte es dauern, bis Frauen uneingeschränkt Berufe des Bauhauptgewerbes erlernen und ausüben durften.

26 Jahre später sind die meisten Handwerkerinnen in Betrieben in der Unterzahl und auch in Berufsschulklassen für Handwerksberufe sind Frauen eine Minderheit. „Wir gehen jedes Jahr einen Schritt zurück“, beklagt Elke Göring-Rasch. Als Dozentin an der Gothaer Fachschule für Bau, Wirtschaft und Verkehr steht sie mitunter vor reinen Männerklassen. Sie selbst hatte in den 1980er-Jahren hier gelernt, als die Klassen noch zur Hälfte aus Frauen bestanden. Vorurteile habe es sicherlich auch in DDR gegen Frauen auf dem Bau gegeben. Männer wollten in die Bauüberwachung, Frauen sollten die Ausführung planen. Doch eben diese Stärken fehlten nun, da sich Frauen weniger für Handwerksberufe interessierten.

Miriam sieht die Situation pragmatisch. Aus Dresden ist sie zu dem Treffen nach Gotha gekommen. Als selbstständige Tischlerin ist sie nicht eine Frau unter vielen Männern in einem Betrieb, sondern arbeitet für sich oder in Gemeinschaftswerkstätten. In der Lehre waren die Anforderungen ihrer männlichen Vorgesetzten an sie dieselben wie für ihre Kollegen. Doch wenn sie etwas gut gemacht hat, sagt sie, war es immer besonders gut, weil es eine Frau gemacht hat. Und andersherum wurde Schlechtes besonders herausgekehrt. „Als Frau immer eine Besonderheit zu sein, das ist für mich Stress.“ Dabei werde ihre Berufswahl nicht nur von Männern hinterfragt, betont sie. Auch von Frauen, die sich die körperliche Arbeit für sich selbst nicht vorstellen können, kämen dumme Sprüche.

Steigender Anteil von Frauen in Berufen des Bauhauptgewerbes

Ähnlich geht es Freddie, Zimmerin aus dem Wendland. Sie glaubt, das Bauhauptgewerbe habe ein Image-Problem, an dem auch die männlichen Kollegen Schuld sind. In den Betrieben herrsche eine „Prollstimmung“, durch die das Handwerk zu einer kompromisslosen Branche verfremdet wird, in der Frauen nicht bestehen könnten. „Dabei muss sich heute niemand mehr so kaputt machen“, sagt Freddie. Durch den Mangel an Handwerkern seien die Beschäftigungslage und die Arbeitsbedingungen sehr gut.

Der Anteil von Frauen in Berufen des Bauhauptgewerbes in Thüringen steigt, jedoch nur langsam, wie Zahlen der Bundesagentur für Arbeit ausweisen. 2019 waren etwa in Thüringen 585 Frauen in der Holzbe- und -verarbeitung beschäftigt, fünf mehr als 2014. In diesem Metier stehen ihnen fast 7000 Männer gegenüber. In der Farb- und Lacktechnik ist der Anteil der Frauen in fünf Jahren um 26,2 Prozent gestiegen, sodass unter 1621 Beschäftigten nunmehr 188 weiblich sind. Im Hoch- und Tiefbaugewerbe verringert sich die Zahl der Mitarbeiterinnen um 6,3 Prozent. Das ist vergleichbar mit den Schwund an Männern in diesen Berufen. Bei den Malern, Stuckateuren und im Bautenschutz gibt es seit 2014 12,2 Prozent mehr Frauen, während die Zahl der Männer um fast zehn Prozent schrumpft. Unter 4046 Handwerkern dieser Branche befinden sich 129 Frauen.

Auch der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) beobachtet die Rolle der Frau im Handwerk. Zahlen der ZDH zufolge werden elf Prozent der Betriebe im Bauhauptgewerbe in Deutschland von Frauen geführt. Im Ausbaugewerbe, zu dem unter anderem Malerinnen und Tischlerinnen gehören, sind es acht Prozent.

An der Gothaer Fachschule arbeiten Miriam und Freddie mit am Bau einer überdachten Sitzgruppe, die die Schüler später nutzen können. Das gemeinsame Bauen soll vor allem zum Erfahrungsaustausch dienen, denn hier werkeln Handwerkerinnen mit unterschiedlichem Erfahrungsstand, und die werden im Vergleich zu den vergangenen Treffen immer jünger.

Ab Freitag werden bis zu 80 Teilnehmerinnen erwartet, denen Workshops, Vorträge und schließlich auch ein kulturelles Programm geboten werden. Einige Beteiligte planen zudem, am Samstag nach Erfurt zu fahren, um an der Demonstration gegen die Wahl des Thüringer Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich (FDP) mit Hilfe von AfD-Stimmen teilzunehmen. Das Erstarken der Rechten in der Politik beobachten die Handwerkerinnen mit Sorge. Immerhin waren die Bedenken Konservativer ausschlaggebend für Beschäftigungsverbot für Frauen im Bauhauptgewerbe.

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