Wort zum Sonntag

Kantate! Singt!

| Lesedauer: 2 Minuten
Friedemann Witting

Friedemann Witting

Foto: Wieland Fischer

Wort zum Sonntag: Gothas Superintendent Friedemann Witting über Zeichen von Fröhlichkeit in Kriegszeiten

In dieser Zeit des Jahres tragen die Sonntage im Kirchenkalender besonders wohlklingende Namen. Der letzte Sonntag heißt „Jubilate“ und fordert zum Jubel auf. Der morgige Sonntag trägt den Namen „Kantate“ und möchte uns zum Singen animieren.

Schauen wir uns gegenwärtig in der Welt um, dann bleibt uns der Jubel vermutlich im Hals stecken, und mit dem Singen dürfte es nicht anders sein. Beides gilt als Zeichen von Fröhlichkeit und Ausgelassenheit. An vielen Orten stellt man sich nun die Frage, ob es in Zeiten eines furchtbaren Krieges mit Gräueltaten und Gewalt, mit großem Leid und Schmerz für unendlich viele unschuldige Menschen erlaubt und statthaft sein kann, dass wir feiern und fröhlich sind.

Der Sonntag an diesem Wochenende fordert uns mit einem Satz aus dem biblischen Buch der Psalmen auf: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Vielleicht hilft uns ein Blick in die Natur, die in diesen Tagen wundersam zu explodieren scheint: mit üppigem Grün an Bäumen und Sträuchern und mit einer grandiosen Vielfalt an Blütenfarben, mit dem Jubilieren der Vögel über uns und der wohltuenden Wärme der Sonne auf der Haut. Jeder neue Tag, an dem das Licht die Dunkelheit erst durchbricht und dann vertreibt, ist ein Wunder! Das dürfen wir voll Dankbarkeit genießen, und wessen Herz davon berührt wird, dem ist dann nach Singen und Loben, das aus dem Staunen kommt.

Christen singen jedoch nicht nur dann, wenn alles prima ist und das Leben sich gut anfühlt. Großartige Lieder des Glaubens sind ausgerechnet aus der Erfahrung von Leid und Not entstanden. Sie klagen, sie klagen an. Sie geben der Fassungslosigkeit, der Verzweiflung und der Ohnmacht eindringliche Worte. Zu singen – auch in der Not zu singen – bedeutet dann, nicht einfach stumm verzweifelt zu leiden, sondern singend stemmt man sich gegen den Lauf der Dinge, richtet sich neu aus in der Hoffnung, dass die Dinge des Lebens und der Lauf der Welt anders werden können, dass – vielleicht – ein Wunder geschieht: „Ich glaube immer noch an Wunder.

Ja, ich weiß, es kommt der Tag, an dem sie jeder von uns sieht.

Ich glaube immer noch an Wunder. Und meine Hoffnung darauf, lass ich mir nicht stehlen.“

Fromme Worte sind das, möchte man meinen, aber sie sind Punk: So hätten jedenfalls die Toten Hosen die Überschrift dieses Sonntags aufgenommen: Kantate! Singt!

Friedemann Witting ist Superintendent des Kirchenkreises Gotha.