Lesung mit Rückblick auf friedliche Revolution in Gotha

Gotha  Die Schriftsteller Reinhard Griebner und Martin Jankowski schildern mit Lesungen in Gotha ihre Sicht auf die friedliche Revolution vor 30 Jahren.

Lesungen in der Stadtbibliothek Gotha anlässlich 30 Jahre friedliche Revolution mit dem ehemaligen Stadtschreiber Reinhard Griebner (rechts) und Martin Jankowski

Lesungen in der Stadtbibliothek Gotha anlässlich 30 Jahre friedliche Revolution mit dem ehemaligen Stadtschreiber Reinhard Griebner (rechts) und Martin Jankowski

Foto: Wieland Fischer

Wenn es in Gothas Stadtbibliothek zwei Schriftsteller-Lesungen an einem Abend gibt, muss sich etwas Besonderes damit verbinden. So ist es auch. Reinhard Griebner und Martin Jankowski lassen am Mittwochabend die friedliche Revolution vor drei 30 Jahren aus ihrer Sicht Revue passieren.

Der eine, Griebner, war 2012 und 2016 Stadtschreiber in Gotha, ist nach wie vor hier gut verdrahtet. „Ich fühle mich immer noch als Teilzeit-Thüringer.“ Die knapp hundert Zuhörer und Fans hören es gerne.

Der andere, Jankowski, wuchs in Gotha auf, ging bis 1983 hier zu Schule. In guter Erinnerung ist ihm Lehrerlegende Christoph Köhler, eine „maßgebliche Figur das Gothaer Geisteslebens“, wie Jankowski anerkennend sagt. Er gedenkt auch seiner Mutter, die in Gotha angesehene Ärztin Christine Jankowski. Mitte Oktober ist sie verstorben und am Tag der Lesungen die Trauerfeier ausgerichtet worden.

Erinnerungen, Eindrücke und Einsichten

Dennoch hat Sohn Martin die Lesung nicht abgesagt. Zu bewegend war für ihn die Zeit, die ihn mit Gotha und der friedlichen Revolution verbindet.

„Ich habe hier als Lyriker und Liedermacher angefangen und hatte viel Ärger.“ Schon mit 17 Lenzen sei er ins Visier der Staatssicherheit geraten. Mit „Schwertern zu Pflugscharen“ sei seine Observierung ausgelöst worden. Das habe ihm den biblisch Namen „Jesaja“ in der Stasiakte eingebracht. Die Stasi in Leipzig war weniger poetisch, sie nannte ihn „Maja“ – kurz für Martin Jankoski.

Griebner wie Jankowski leben heute in Berlin, für Großstadtverhältnisse in Spuckweite voneinander entfernt. Doch am Mittwochabend lernen sie sich erst persönlich kennen.

Die Stadtbibliothek Gotha hatte Reinhard Griebner zu einer Lesung eingeladen, die Landeszentrale für politische Bildung Martin Jankowski. Der gleiche Beweggrund führt beide zusammen. Sie sollen ihre Erlebnisse, Eindrücke und Einsichten zur friedlichen Revolution schildern.

Griebner, Jahrgang 1952, geht in seinem neuen Erzählband „Am toten Punkt“ auf den Fall der Mauer vor 30 Jahren ein. Die Erzählungen beleuchten auch die Zeit vor und nach 1989. Die Titelgeschichte erzählt vom Gothaer Stadtmarathon, berichtet Griebner, einst ein passionierter Läufer und heute ein Nordic Walker, den erstaunten Zuhörern. Einen solchen Lauf über 42,195 Kilometer um Schloss Friedenstein gibt es zwar nicht, aber an einen toten Punkt komme jeder Läufer irgendwann einmal. Er selbst auch immer mal wieder, bekennt Griebner.

Vor 30 Jahren habe es in der DDR so ausgesehen, als laufe alles auf einen Endpunkt zu, sagt er beim Blick zurück. „Es war alles wie eingefroren. Ich hätte nie gedacht, dass es in meiner Lebenszeit zu solch einem abrupten Wandel in der Gesellschaft kommt.“

Jankowski, 1965 in Greifswald geboren, hat so viel in den letzten Jahren und Tagen der DDR erlebt, dass er zwei Bücher darüber schreiben musste. „Rabet oder das Verschwinden einer Himmelsrichtung“ stellt er am Abend vor. Er könne noch weitere Bücher dazu verfassen, sagt er. Trotz Gedichtbänden etwa über Indonesien, wo er mehrere Jahre verbracht hat, oder das Großstadtleben und die Berliner Luft lässt ihn das Thema nicht los. Im Herbst des Jahres 1989 habe er in Leipzig mit zu den Aktivisten des Umbruchs gehört und am 9. Oktober in der Nikolaikirche das Friedensgebet gestaltet. Das entscheidende Datum der friedlichen Revolution sei für ihn nicht der 9. November 1989 und der Fall der Mauer, sondern besagter 9. Oktober. „Die Revolution hat vorher stattgefunden.“ Die Manifestationen in großen Städten wie Leipzig, Berlin, Dresden oder kleineren wie Gotha hätten das System zum Einsturz gebracht.

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