Trotz Angst vor dem Virus selbstbestimmt leben

Gotha.  Während Senioren in Pflegeheimen abgeschottet werden, verzichten Menschen in einem betreuten Wohnen in Gotha auf vollkommene Isolation

Einen Einkaufsservice gab es im betreuten Wohnen am Arnoldiplatz schon von der Corona-Pandemie. Ihre Einkaufswünsche können die Bewohner täglich an ihre Tür hängen.

Einen Einkaufsservice gab es im betreuten Wohnen am Arnoldiplatz schon von der Corona-Pandemie. Ihre Einkaufswünsche können die Bewohner täglich an ihre Tür hängen.

Foto: Victoria Augener

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Ein Stoppschild hängt an der Tür der Villa Brehm. Das Warnzeichen auf einem Ausdruck ist nicht groß, doch es macht aufmerksam auf die Zeitungsmeldung daneben. Sie berichtet von einer Seniorenresidenz, in der mehrere Bewohner am Coronavirus verstorben seien. Um Ansteckungen zu verhindern, gilt seit einigen Tagen flächendeckend ein Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen. Doch das hier sei kein Altenheim, erklärt Bewohnerin Ursula Kunze und öffnet bereitwillig die Tür. Alle aktuellen Infos im kostenlosen Corona-Liveblog

Besuche sind noch erlaubt, wenn auch eingeschränkt. Desinfektionsmittel steht am Eingang bereit, Türklinken und Aufzugschalter werden nun öfter entkeimt. Auch nach draußen zu gehen, lassen sich einige Bewohner nicht nehmen. „Ganz abschneiden kann man uns nicht, zumindest noch nicht“, sagt Ursula Kunze. Erst am Morgen war sie einkaufen in einer Drogerie. Mit Unverständnis erzählt sie davon, wie sich Menschen auf die neue Lieferung Toilettenpapier stürzten. Einer drängelte sich an der Kasse vor Kunden, die an den Markierungen warteten, um Abstand zu halten. Das ärgert die 78-Jährige. Doch die kleinen Besorgungen macht sie gern noch selbst. Um alles andere kümmern sich die Mitarbeiter des Hauses, in dem sie zur Miete wohnt.

Stimmung in der Villa Brehm nicht betrübt

Besonders die Besorgung von Medikamenten schätzt sie als Dienstleistung. „Gerade jetzt ist es wichtig, dass nicht jeder in die Apotheke rennt.“ Die Villa Brehm bietet soziales Wohnen im Alter. Ursula Kunze spricht von einer Hausfamilie. Einmal in der Woche essen alle Bewohner zusammen im Aufenthaltsraum. Im Gewölbekeller des Hauses finden Lesungen, Konzerte und Feiern statt. Wie alle anderen Veranstaltungen mussten auch diese Programmpunkte abgesagt werden, doch die Stimmung im Haus sei nicht getrübt, so Kunze. Dazu tragen auch die Mitarbeiter bei, die täglich nach dem Rechten schauen. Der regelmäßige Kontakt tue vielen Bewohnern gut. „Die Sorgen kann man uns nicht nehmen, das ist im Alter so“, sagt sie, „doch so kommt weniger Unmut auf.“

Im Haus ist Ursula Kunze eine der jüngsten. Viele ihrer Nachbar seien schon 90 und älter, für ihr Alter jedoch noch fit. Eine 94-jährige Bewohnerin sei bis vergangenes Jahr noch regelmäßig tanzen gegangen. Dass sie sich vor acht Jahren entschlossen hat, in das betreute Wohnen zu ziehen, bereut sie bis heute nicht. Keine der Wohnungen, die sie damals in Gotha besichtigt hatte, war ausreichend barrierefrei. Dann stieß sie auf die Vakanz am Arnoldiplatz. „Ich hatte damals schon eine Vision von meiner Zukunft, die sich heute bezahlt macht.“ Wie ihre unmittelbare Zukunft aussieht, kann sich Ursula Kunze schwer ausmalen. Sie glaubt nicht, dass der Höhepunkt der Coronakrise schon erreicht ist. Gehe man von einer Sinuskurve aus, stehe der Gipfel noch bevor. Damit kennt sich die ehemalige Mathematiklehrerin aus. Sie unterrichtete am Ernestinum, bis sie in die Berufsschulbildung wechselte. Manche Tischlerlehrlinge, die sie ausgebildet hat, halten bis heute noch den Kontakt zu ihr.

Wissen, wie ist, beatmet zu werden

Eine Situation, die mit dieser Pandemie vergleichbar ist, habe sie noch nicht erlebt. Leicht sei es in ihrer Kindheit nicht gewesen. „Ich bin Kriegskind und weiß was Mangel ist“, sagt die 78-Jährige. Ihre Mutter habe sich über die Grenze in den Westen geschlichen um Medikamente zu besorgen, als Ursula Kunze an Röteln erkrankt war. Jetzt könne man nur abwarten und die Anweisungen bestmöglich befolgen, besonders um die Älteren zu schützen. Doch auch jüngere Menschen hält die Seniorin an, sich bei der großen Ansteckungsgefahr nicht fahrlässig zu verhalten. „Ich weiß, wie es ist, beatmet zu werden, nur mit Luft vollgepumpt zu werden“, erinnert sich Ursula Kunze an einen Krankenhausaufenthalt vor drei Jahren.

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