Winterstein: Burgruine im Fokus der Materialforschung

Winterstein.  Ruine wurde auch dank des Engagements der Stadt, des Ortsteils und des Burgvereins ausgewählt.

Burgruine Winterstein mit Wassergraben.

Burgruine Winterstein mit Wassergraben.

Foto: Peter Riecke

Im November wurde an der Burgruine im Waltershäuser Ortsteil Winterstein gebohrt. Es war keine aufwendige Baumaßnahme, zwei Personen genügten, sie auszuführen. Ziel sei gewesen, Bohrkern-Abschnitte zu gewinnen, um Aussagen über die Mauerwerksstruktur und Mauerwerkszusammensetzung sowie eventuelle Schädigungen beispielsweise durch schädliche Salze zu erhalten, teilt Diplom-Ingenieur Thomas Grützner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Werkstoff-, Verfahrens- und Bauteil-Entwicklung bei der Material-Forschungs und Prüfanstalt (MFPA) an der Bauhaus-Universität Weimar auf Nachfrage mit.

Die MPFA ist ein An-Institut der Bauhaus-Uni und zugleich amtliche Materialprüfanstalt des Freistaates Thüringen. Neben den Bohrkernen wurden auch Stückproben aus dem Mauerwerk gewonnen.

Ruine dient als Modell für Forschungsprojekt

Die Burgruine Winterstein wird als Modellobjekt Bestandteil eines auf zwei Jahre befristeten Forschungsprojektes der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Ziel des Forschungsprojektes sei die Entwicklung von Instandsetzungstechnologien für gipshaltiges Mauerwerk. Diese sollen dem Bestandserhalt historischer baulicher Substanz dienen, teilt Grützner weiter mit.

In der Vergangenheit wurden für Reparaturen und Instandsetzungen Materialien eingesetzt, die zumeist den damaligen Stand der Technik darstellten, mitunter jedoch gegenüber dem baulichen Bestand Unverträglichkeiten aufwiesen. Konkret seien dies Unverträglichkeiten zwischen Gipsmörteln und hydraulischen Mörteln. Hydraulische Mörtel sind Zement- und bestimmte Kalkmörtel. Hydraulisch meint hier wasseranziehende Bestandteile.

Die Folgen dieser Unverträglichkeiten waren und sind oft starke Schädigungen durch Treiberscheinungen, die sich als Risse und Verformungen äußern und unter Umständen teure Folgesanierungen nach sich ziehen, erörtert Grützner weiter. In Thüringen finden sich Gipsmörtel in historischer Bausubstanz in bemerkenswertem Umfang, so dass die im Forschungsprojekt gewonnenen Erkenntnisse für zukünftige Restaurierungen und Instandsetzungen von Bedeutung sein können, betont er.

Entwicklung von speziellen Systemen für Abdichtungen

Kern des Projektes sei, die Vorteile hydraulischer Mörtelsysteme zum Einsatz an Bauten nutzen zu können, die Gipsmörtel enthalten. Dabei sollen spezielle zum Aufstreichen geeignete Abdichtungssysteme entwickelt werden mit verschiedenen, dem Einsatzzweck entsprechenden Eigenschaften.

Die Burgruine Winterstein sei als Modellobjekt für das Forschungsprojekt ausgewählt worden, da gipsgebundenes Mauerwerk und mehrere Anwendungsfälle für die zu entwickelnden Instandsetzungstechnologien vorliegen, nämlich für die notwendige Abdichtung von Mauerkronen, dem Schutz freiliegenden Kernmauerwerks durch Überputzungen und für Neuverfugungen.

Dabei sei der als etwa elf Meter hohe Stumpf vorliegender Rest eines annähernd quadratischen Wehrturmes von Interesse, der vermutlich aus dem 16. Jahrhundert stammt und unter Verwendung gipshaltiger Mörtel errichtet wurde. Hier werden 2021 Bereiche ausgewählt, an denen die Material- und Technologieentwicklungen unter Bauwerksbedingungen getestet wird. Sie sind Muster für spätere umfangreichere Instandsetzungen, kündigt Grützner weiter an.

Die Auswahl der Burgruine Winterstein als Modellobjekt sei dem Engagement der Stadt Waltershausen, Wintersteins und des Vereins zur Erhaltung der Burgruine zu verdanken, ergänzt er. Die Kosten der Untersuchungen und für das Anlegen von Mustern am Modellobjekt werden durch das Forschungsprojekt finanziert. Die Stadt Waltershausen, Winterstein und der Burgverein unterstützen bei der Gerüststellung für die anzulegenden Musterflächen und der Bereitstellung geeigneter Natursteine.