Wort zum Sonntag: Vom schlechten und vom guten Alleinsein

Gemeindepädagoge Hendrik Hillermann aus dem Kreis Gotha über eine vorweihnachtliche Geschichte.

Hendrik Hillermann

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Foto: Hendrik Hillermann

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Im November zog sie aus dem Haus ihrer Eltern aus, in die erste eigene Wohnung. Gemischte Gefühle waren es, die sie an diesem Tag spürte. Ihr Vater, der trotz seines kaputten Knies noch mithalf, die letzten Sachen in ihr kleines Auto zu laden – still war er an diesem Tag. Ihre Mutter, die es beim Abschied doch nicht schaffte, die Tränen zurückzuhalten.

Aber ihre Eltern sind auch stolz auf sie. Das weiß sie. Stolz auf den tollen Job in der großen Stadt, den sie an Land gezogen hat. Auf ihren Mut, das alles allein zu machen: die Wohnungssuche, den ganzen Papierkram. Irgendwie glaubte sie, alle Gefühle gleichzeitig zu spüren: Vorfreude und Angst, Traurigkeit und Hoffnung.

Dann fuhr sie los und gleich an der ersten Raststätte wieder von der Autobahn ab. Sie zitterte. Die nächsten Tage waren schrecklich. Allein in der Wohnung, umgeben von Umzugskartons.

Inzwischen ist es schon fast Weihnachten. Die Kartons in der Wohnung sind längst ausgepackt, der neue Job läuft gut an. Letzte Woche war sie fast jeden Abend nach der Arbeit noch mit den Kollegen unterwegs: Sie tranken Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, waren gemeinsam im Theater, fällten in einer Baumschule einen Weihnachtsbaum für die Lobby des Firmengebäudes und gestern war dann auch noch das Weihnachtsessen im Szenerestaurant, zu dem die Chefin jedes Jahr einlädt.

Jetzt sitzt sie wieder im Auto, fährt zurück in das Dorf ihrer Kindheit, freut sich auf ihre Eltern. Wie sehr sie sie vermisst hat! Immer wieder denkt sie auch an die Kollegen, die sie so freundlich aufgenommen haben. Das schlechte Alleinsein der ersten Tage in der großen Stadt liegt hinter ihr.

Heute ist die Zeit im Auto für sie gutes Alleinsein, Vorfreude auf das Treffen mit ihrer Familie. Die Ruhe und Besinnlichkeit des Weihnachtsfestes bei ihren Eltern, der kurze Fußweg durch die dunklen Straßen, über den geschmückten Dorfplatz bis in die Kirche an Heiligabend und die besondere Stimmung bei diesem Gottesdienst bereiteten ihr schon als Kind immer große Freude.

Die Worte, die ihre Pastorin vor so vielen Jahren an Weihnachten einmal sagte, klingen für sie heute noch nach: „Obwohl wir uns auch manchmal einsam fühlen, obwohl wir auch manchmal kurz davor sind, alle Hoffnung aufzugeben, können wir doch sicher sein, dass Gott bei uns ist, dass er uns sieht und hört. Manchmal sind wir allein, nie jedoch verlassen.“

Hendrik Hillermann ist Gemeindepädagoge des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Waltershausen-Ohrdruf.

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