Warum der Pflegedienst nicht kommt

Ilm-Kreis.  Wer im Alter oder durch Krankheit einen ambulanten Pflegedienst braucht, bekommt im Ilm-Kreis nicht überall Hilfe.

Ein ambulanter Pflegedienst ermöglicht kranken oder alten Menschen oft, in ihrem gewohnten Umfeld wohnen zu bleiben.

Ein ambulanter Pflegedienst ermöglicht kranken oder alten Menschen oft, in ihrem gewohnten Umfeld wohnen zu bleiben.

Foto: Norman Börner

„Im Ilm-Kreis haben wir einige weiße Flecken in der Pflegeversorgung. Der südliche Teil gehört dazu“, so Christiane Herrmann. Die Pflegekoordinatorin des Landratsamtes sagt , dass sie Fälle kennt, in denen sich kein ambulanter Pflegedienst fand. So erging es einem schwerkranken Mann aus Manebach. Er braucht drei Mal täglich Insulin, das er sich nicht selbst spritzen kann. „Wir hatten keinen Pflegedienst gefunden, der die Leistung übernahm“, sagt Lutz Hahnefeld. Dem Stützerbacher Internist blieb nur, den weitgehend hilflosen Patienten ins Krankenhaus einzuweisen. Nach „harten Verhandlungen“ gelang es dem Arzt, einen Pflegedienst aus Suhl zu überzeugen.

Hahnefeld sagt, dass es Patienten ohne Angehörige gibt. Auch werden Patienten älter und es passiere, dass sie sich nicht mehr selbst mit Tabletten versorgen können. „Ich habe in meiner Funktion als Pflegekoordinatorin Gespräche mit Betroffenen, Pflegediensten und anderen Akteuren aus dem Bereich geführt“, so Christiane Herrmann. Für Pflegedienste seien Fahrten Richtung Stützerbach oder Frauenwald weite Strecken. Kosten und Nutzen hielten sich bei langen Anfahrten oft nicht die Waage. Zudem gebe es zu wenige Anbieter, so die Pflegekoordinatorin. Betroffene seien auf den Transport zu Fachärzten angewiesen oder auf Überweisungen in Kliniken.

„Es ist leider so, dass mitunter Außenbereiche von Ilmenau nicht abgedeckt werden können“, so Cornelia Enders von der Frauengruppe Großbreitenbach. Im Pflegedienst der Frauengruppe gebe es Fachkraft- und Pflegetouren. Insulinpatienten seien an bestimmte Zeiten gebunden. „Liegt ein Patient weit außerhalb des normalen Tourbereiches, ist es schier unmöglich, diesen in eine bestehende Fachkrafttour mit einzuordnen.“ Man müsste extra fahren. Die Krankenkasse vergüte pro Insulineinsatz mit Wegepauschale 7,03 Euro. „Unser Ilmenauer Dienst würde 30 bis 35 Minuten unterwegs sein. Das ist vollkommen unwirtschaftlich.“ Der Pflegedienst prüfe, eine zusätzliche Überlandtour anzubieten. „Das funktioniert nur, wenn man mehrere Patienten hat, die im selben Ort oder auf der Strecke liegen.“

Seitens des Awo-Pflegedienstes hieß es: „Wir mussten auch schon Patienten ablehnen, nicht aus wirtschaftlichen Erwägungen, sondern, weil wir mit einem gewissen Personalstamm nur eine bestimmte Patientenzahl abdecken können“, so Dirk Gersdorf. Aus Sicht der Pflegekoordinatorin muss der Pflegeberuf und die Arbeit im ambulanten Pflegedienst attraktiver werden. Hier seien Bund und Länder gefragt. Die Hürden für Pflegedienste würden oft in der Abdeckung ländlicher Gebiete liegen, so Herrmann. Im Frühjahr 2020 möchte sie einen runden Tisch zum Thema initiieren. Ziel sei es, bestehende Strukturen zu stärken, darauf aufzubauen und das Netzwerk gegebenenfalls zu erweitern.

Laut dem Thüringer Landesamt für Statistik gab es 2017 im Ilm-Kreis rund 5200 Pflegebedürftige, wovon knapp 1100 ambulante Pflege in Anspruch nahmen. Rund 500 Beschäftigte zählten die ambulanten Pflegedienste.

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