Im Spielzeit-Prolog am Theaterhaus: Jena spielt mit dem Weimar-Komplex

Jena  Im Spielzeit-Prolog „Wo ist das Theater?“ versuchen das Ensemble und Anne Jelena Schulte eine lustvolle Standortbestimmung

Maartje Remmers spricht hier für das Ensemble in Jena vor: eine Szene über die Anfänge 1991. Im Hintergrund: Mona Vojacek Koper und Walter Bart.

Maartje Remmers spricht hier für das Ensemble in Jena vor: eine Szene über die Anfänge 1991. Im Hintergrund: Mona Vojacek Koper und Walter Bart.

Foto: Joachim Dette

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Quizfrage! „Haben wir einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Weimar?“ Die Antwort in diesem Theaterhaus-Jena-Quiz muss natürlich lauten: „Nein, auf gar keinen Fall!“ Aber das ist, in dieser trotzigen Emphase, auch ein Aufbäumen gegen die Zu- und Umstände.

Und ein gar nicht so unwahrscheinlicher Umstand ist, dass, wer auf Jenas Straßen nach dem Theater fragt, nach Weimar verwiesen wird, vielleicht auch nach Rudolstadt oder Gera. Dort stehen, schon architektonisch, „richtige Theater“, mit allem, was Jena nicht hat: Zuschauerhaus, Orchestergraben, Maskenabteilung, Souffleusen, Sekt in der Pause.

Und: Texte im klassischen Versmaß. Shakespeare zum Beispiel! Das wird man ab Februar wieder mal hören können: im DNT Weimar. Der Prolog in Jena aber heißt: „Wo ist das Theater?“ Mit der offenbar überfälligen Standortbestimmung ging das Wunderbaum-Kollektiv am Wochenende in die zweite Saison am Theaterhaus, das seit 28 Jahren von eigenen Ensembles bespielt wird: Schillergässchen 1, 07745 Jena. Man kann die Adresse sogar singen!

Doch Weimar gehört, historisch wie ästhetisch, zu den Koordinaten abgrenzender Orientierung. Weimar, das sind demnach Goethe und Schiller. Ihr Doppelstandbild liefert diesem Abend zweidimensional, auf Fototapete, den übermächtigen Hintergrund. Jena ist derweil: „Stückentwicklung, Stückentwicklung, Stückentwicklung, Recherchetheater, Recherchetheater, Recherchetheater!“ (Sowas macht Weimar aber auch.)

Ein erstes Theater hatte zur vorletzten Jahrhundertwende mäßigen Erfolg; die Jenenser fuhren nach Weimar. Später fuhr Weimars Theater zu ihnen, in die von Gropius runderneuerte Spielstätte. „1986 hatte Weimar das Haus Jena dann schließlich kaputt gespielt“, so Dominik Puhl im lustig-trockenen Heimatkunde-Referat. Das Zuschauerhaus wurde abgerissen, der Neubau blieb aus. Auf diesen Abbruch folgte der Zusammenbruch: der einer Gesellschaft, der mit Aufbruchstimmung zusammenfiel. In anarchischer Zeit bekam Jena ein anarchisches Theater: auferstanden aus Ruinen.

Die Berliner Autorin Anne Jelena Schulte hat in Jena dieses Gestern, Heute und Morgen eines Theaters als möglichen Fixpunkt einer Stadtgesellschaft recherchiert. Mit dem Ensemble entwickelte sie daraus einen Abend, der formal selbstredend weit entfernt ist vom Stadttheater, der diesen Begriff jedoch mit anderer Bedeutung neu auflädt. Denn die Standortbestimmung betrifft mindestens das Publikum gleichermaßen.

In szenischer Lesung rekonstruiert Schulte mit Schauspielern ihre Jena-Interviews, in denen das Theaterhaus wie eine Leerstelle im Stadtgedächtnis identifiziert wird. Dann brechen sie die Szene auf, das Ensemble stellt sich in vielfach gebrochene Biografien der Menschen außer- und innerhalb des Theaters, auf und hinter der Bühne. Die größte Soll-Bruchstelle: 1990/91. DJ Monkey Maffia liefert an Plattentellern den Soundtrack jener neuen Zeit: Techno. Und aus dem Buch Jesaja borgen sie sich dabei, wie im Delirium, die Losung jener Tage: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“

Erleuchtung oder Erlösung verspricht dieser sehr unterhaltsame Spielzeit-Prolog nicht. Erhellend und übrigens auch stimmungsaufhellend wirkt er allemal. Er stellt uns und sich die richtigen Fragen, er stellt sein Theater auch selbst infrage: selbstbewusst und selbstironisch, unbekümmert, aber nicht unbedarft. Alle spielen heiter mit dem Scheitern und mit Hoffnungen, die so vergeblich sind, wie es das Leben und das Theater ohne sie wären.

Jena, das ist strukturell ein privates, konzeptionell ein freies Theater, ästhetisch nicht zwingend das ganz neue, aber immer noch und immer wieder das andere Theater im Land. Es ist die Antithese. Und die Freiheit, die es verteidigt, kann es sich wohl auch deshalb leisten, weil es Weimar gibt, und Gera, und Rudolstadt.

Wieder vom 12. bis 14. Dezember .

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