Wenn Kinder vor ihren Eltern sterben: Nordhäuser Gesprächskreis hilft Trauernden

Nordhausen.  Die Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“ unterstützt seit 2008 Mütter und Väter bei der Bewältigung des wohl größten Alptraums einer Familie

Die Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“ hat ihren Sitz im Kinderhospiz in der Harzstraße.

Die Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“ hat ihren Sitz im Kinderhospiz in der Harzstraße.

Foto: Peter Cott

Es ist ein wunderschöner Sommertag, an dem für Andrea Spangenberg die Welt zusammenbricht. Gefasst erzählt die 57-Jährige von diesem 1. Juli 2016. Einem Ferientag, in den sie „voller Elan“ gestartet sei. Bis plötzlich die Polizei um ein Gespräch bei ihr zu Hause bittet. „Ich habe doch nichts verbrochen“, erinnert sich Andrea Spangenberg an ihren ersten Gedanken von einst. Doch die Beamten sind nicht gekommen, um ihr Vorhaltungen zu machen. Stattdessen berichten sie ihr vom Tod ihrer Tochter.

Andrea Spangenberg kann es nicht fassen. Erst am Tag zuvor hätten beide telefoniert. Vor Unglaube über diese schreckliche Nachricht habe sie sogar die Polizisten angeschrien. Doch es ist wahr, was sie berichten und gar mit Unterlagen von Interpol belegen können: Mit gerade einmal 32 Jahren stirbt „ihr Sabinchen“, wie die Mutter immer wieder mit liebevoller Stimme sagt, in einer Schweizer Tiefgarage. „An einer Hirnblutung, von jetzt auf gleich, niemand hätte ihr helfen können“, sagt Andrea Spangenberg über die junge Frau, die als diplomierte Notfallkrankenschwester wenige Stunden vor ihrem Ableben selbst noch Menschen auf einer Intensivstationen betreut hat.

Während Andrea Spangenberg über die wohl düstersten Stunden ihres Lebens berichtet, blicken Ricarda Rößler und Andrea Groß sie aufmunternd an, bedeuten ihr weiter zu erzählen. Denn beide wissen: Es tut gut, mit anderen darüber zu reden. Spangenberg, Rößler und Groß sind vereint in ihrem Schicksal. Alle drei mussten den Albtraum erfahren, wie es ist, wenn Kinder vor ihren Eltern sterben. Ricardas Rößlers ältester Sohn André stirbt 2013 mit gerade einmal 25 Jahren bei einem Autounfall. Zwischen Nordhausen und Sondershausen kollidiert er mit einem Lkw. Andrea Groß’ Sohn wird vor acht Jahren Opfer eines Arbeitsunfalls in einem Betonwerk. Ihr Denny ist da gerade 23.

Nicht in Worte zu fassender Schmerz

Welches Leid und welchen Schmerz die Frauen ertragen mussten, lässt sich nicht in Worte fassen. Als sie es dennoch versuchen, fallen immer wieder Sätze, in denen Ohnmacht die wohl größte Rolle spielt. „Es reißt einem den Boden unter den Füßen weg“, gibt Andrea Groß Einblick in ihre Gefühlswelt. Ricarda Rößler erzählt von körperlichen Schmerzen, die es ihr unmöglich gemacht hätten zu arbeiten. „Es fühlte sich an, als hätte jemand mein Herz herausgerissen, in tausend Teile zerschlagen und dann wieder in mich hineingestopft.“ Sie macht eine Pause und sucht nach Worten, um dann hinzuzufügen: „Ich habe damals nicht geglaubt, mit diesen Schmerzen weiterleben zu können.“

Wie also haben es die drei Frauen geschafft, mit ihrer Trauer umzugehen?

Großen Anteil daran, diese schlimmsten Momente des Zweifelns zu überwinden, erzählen alle drei, habe die Nordhäuser Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern. 2008 durch Elke Heinrich, eine ebenfalls verwaiste Mutter, gegründet, bietet der offene Gesprächskreis in den Räumen des Kinderhospizes in der Harzstraße 58 einen Anlaufpunkt für Betroffene. „Auch für Männer“, fügt Ricarda Rößler hinzu, die nach Weiterbildungen zur Notfall- und zur Trauerbegleiterin als Sprecherin der Gruppe fungiert und weiß, dass jeder anders trauert. Es darf miteinander geweint und gesprochen werden, muss aber nicht. Als sie das sagt, weist Ricarda Rößler auf ein Schild mit den Regeln der Gruppe: Wertschätzender Umgang, Verschwiegenheit und die Freiwilligkeit des Redens sind Teile des Credos der Trauernden.

Die Selbsthilfegruppe bietet eine Gesprächsebene, ist aber ebenso Ratgeber, Beistand und Lebenshilfe. Kreative Tätigkeiten in einem Nebenraum lenken ab vom Schmerz. Mit kleinen Aufmunterungen setzen die Teilnehmer sich gegenseitig Impulse, um die Trauer zu verändern, erläutert Rößler. Häufig werde die Gruppe dabei durch den Psychologen Gerd Bufe vom Kinderheim „Frohe Zukunft“ unterstützt, erklärt Ricarda Rößler über die Treffen an zweiten Samstag jeden Monats, die 10 Uhr beginnen und stets etwa zwei Stunden dauern. Es sei auch in Ordnung, wenn Betroffene nur ein paar Mal zur Gruppe kämen, betont die Leiterin des meist um die fünf Mitglieder zählenden Gesprächskreises.

Das Leben wird intensiver

Ob man den Verlust des eigenen Kindes je überwinden kann? Rößler, Groß und Spangenberg, die alle durch eine traditionelle Gedenkfeier des Hospizvereines am zweiten Sonntag im Dezember auf die Selbsthilfegruppe gestoßen sind, bezweifeln das. Doch vor ihrer Teilnahme an der Gesprächsrunde hätten sie sich allein gefühlt. Beim Überbringen der Nachricht über solche Schicksalsschläge sei oft ein Notfallseelsorger dabei, und bis zur Beerdigung unterstütze einen der Bestatter. Doch danach ist man auf sich gestellt mit der Trauer.

„Hier in der Gruppe habe ich dann endlich gesehen, dass man es überleben kann“, sagt Ricarda Rößler. Es gebe sogar Trauernde im Bundesverband „Verwaiste Eltern in Deutschland“ (VEID), die behaupten, durch den persönlichen Verlust sei der Blick auf das Leben intensiver geworden, sagt die Gruppensprecherin, wohlwissend, wie seltsam das klingt. Doch Andrea Spangenberg unterstützt sie in ihrer Aussage: Der Tod ihrer Tochter schmerze weiterhin jeden Tag, er sei allgegenwärtig. Er habe sie aber auch offener gemacht und wichtige Menschen kennenlernen lassen. Sie deutet hinüber zu Groß und Rößler.

Am 8. Dezember lädt der Hospizverein Eltern, Geschwister, Großeltern, Paten und alle, die um ein Kind trauern, um 16 Uhr zu einer Gedenkfeier in die Nordhäuser Christuskirche ein.

Wer den Kontakt zur Selbsthilfegruppe sucht, erreicht Ricarda Rößler telefonisch unter 0178 4302609 oder per Mail an ricarda.roessler@outlook.de.

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