Das N-Wort im Karneval: Ist das zum Lachen?

Weimar.  Fast zeitgleich tauchen Negerwitze in Aachen und in Magdala im Weimarer Land auf. Aber die beiden Auftritte könnten unterschiedlicher kaum sein.

Die Germanistin Rita Auma Obama spricht bei der Verleihung des "Ordens wider den Tierischen Ernst 2020" über die Verwendung des Wortes Neger.

Die Germanistin Rita Auma Obama spricht bei der Verleihung des "Ordens wider den Tierischen Ernst 2020" über die Verwendung des Wortes Neger.

Foto: Henning Kaiser / dpa

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Auma Obama steht am vergangenen Samstag beim Aachener Karnevalsverein (AKV) in der Bütt und erzählt einen Witz. „Steht ein Schwarzer in der U-Bahn und liest eine hebräische Zeitung. Kommt ein Weißer und sagt: Neger zu sein genügt ihnen wohl nicht?“ Dann schaut sie ins Publikum und sagt: „Ja, Sie können nicht lachen. Tut mir leid!“

Ungefähr zur gleichen Stunde, jedenfalls am selben Abend, veranstaltet die Prinzengarde im Programm des Magdalaer Carneval-Clubs (MCC) eine Quizshow. „Was macht ein Neger auf dem Sofa?“, lautet eine Frage. Antwort: „Ein Niggerchen.“ Und was wohl das einzig Weiße an einem Neger sei: „Sein Besitzer.“

Das Publikum soll das mit karnevalistischem „Ui-jui-jui-au-au-au“ quittiert haben. Es gab, dem Präsidenten zufolge, keinen tosenden Applaus. „Das wurde eher zur Kenntnis genommen.“

Nicht über den Witz, sondern über den insgesamt wohl absichtsvoll verstörenden, aber auch leicht verunglückten Auftritt Obamas bei der Fernsehaufzeichnung „Orden wider den tierischen Ernst“ sagt AKV-Präsident Werner Pfeil den Aachener Nachrichten später: „Sie hat ein wichtiges Thema angesprochen. Aber sie hätte besser an der Generalprobe teilgenommen.“

Club in Magdala nimmt Witze wieder aus dem Programm

Nicht über den gesamten Auftritt der Prinzengarde, aber über die beiden Witze sagt MCC-Präsident David Reinn unserer Zeitung später: „Das war mir ein bisschen unangenehm.“ Die Witze waren demnach „nicht standardmäßig“ im Programm. „Und da gehört das auch nicht hin!“ Sie würden nun „definitiv wieder rausgenommen“. Bereits vor unserer Anfrage sei das intern ausgewertet und entschieden worden. „Es gibt genug andere Sachen, über die man sich lustig machen kann.“

Das nennt man wohl eine Koinzidenz: zwei Ereignisse, die zwar nicht räumlich, aber zeitlich zusammenfallen. In Aachen sagt die kenianische Germanistin und Halbschwester eines früheren US-Präsidenten vor dem Narrenvolk: „Es ist nicht verboten, das N-Wort zu benutzen.“ Und: „Man darf offiziell Neger sagen.“ Das sei doch offenbar kein Schimpfwort mehr, keine Beleidigung, obwohl es laut Duden als diskriminierend gilt. Und fast 500 Kilometer weiter östlich, im Weimarer Land, missversteht man das sozusagen als Freibrief.

Dabei griff in Aachen eine schwarze Intellektuelle, die 16 Jahre in Deutschland verbrachte, bitter-ironisch gesellschaftliche Zustände an und machte sich auch über sich selbst lustig. Sie sei, sagt Obama im Dirndl als satirischem Integrationsgewand, in Aachen ja am richtigen Ort: „unter den Schwarzen“. Sie spielt auf politische Mehrheiten an.

Ihr Witz war ein Zitat: der „Lieblingsnegerwitz“ des dunkelhäutigen Comedians und Musikers Marius Jung aus Köln, der vor Jahren ein satirisches „Handbuch für Negerfreunde“ veröffentlichte. Er verfolgt, laut Obama, derart eine Bewältigungsstrategie: gegen Diskriminierungserfahrungen.

Vor allem aber zielte ihr Vortrag auf das Verfassungsgericht Mecklenburg-Vorpommerns ab. Es gab jüngst dem AfD-Chef im Schweriner Landtag Recht, der sich gegen einen Ordnungsruf wehrte. Eine Abgeordnete der Linken hatte seiner Partei vorgeworfen, Asylbewerber pauschal zu verunglimpfen, statt über ein gemeinsames Leben in einer friedlichen Gesellschaft nachzudenken. Sein Zwischenruf dazu: „um mit den Negern gemeinsam dort zu wohnen.“ In seiner eigenen Rede erklärte er später: „Das Wort ,Neger‘ habe ich bewusst gewählt, weil ich mir eben nicht vorschreiben lasse, was hier Schimpfwort sei oder was nicht.“

Das Verfassungsgericht sah das Wort im zweiten Fall in einem sachlichen Kontext verwendet, um über seine Verwendbarkeit zu sprechen. Die Landtagspräsidentin erteilte aber „für die mehrfache Verwendung des Wortes ,Neger‘ pauschal einen Ordnungsruf, ohne näher zu differenzieren“, so das Urteil.

Süplinger Narrenbund distanziert sich von Büttenrede

Das N-Wort ist wieder salonfähig geworden, schlussfolgerte Obama in Aachen bitter. Michael Danz, Präsident des Landesverbandes Thüringer Karnevalvereine, schließt dergleichen für seine Zunft aus. „Das geht gar nicht“, sagt er spontan, als er im Gespräch mit unserer Zeitung vom Fall beim Magdalaer Carneval-Club hört (der kein Mitglied im Landesverband ist).

„Es zählt zu unseren Grundsätzen, dass Verunglimpfungen nicht zum Karneval gehören“, sagt Danz. „Normalerweise haben die Narren dafür auch das nötige Feingefühl.“ Er findet es gut und richtig, dass der MCC sofort reagiert habe.

Ad hoc fallen Danz keine ähnlichen Ereignisse ein, mit denen sich der Verband hätte beschäftigten müssen. Man spreche aber untereinander immer wieder über solche Themen, „um dafür zu sensibilisieren“. Zudem verweist er auf die Ethik-Charta, die sich der Bund Deutscher Karneval gegeben hat.

Erst vor dreieinhalb Wochen musste sich indes in Sachsen-Anhalt der Süplinger Narrenbund nach einer Krisensitzung „ganz klar von jeglichem rassistischen und sonstigem diskriminierenden Gedankengut distanzieren“. Der Verein insgesamt übernahm Verantwortung für „als rassistisch zu bewertende Passagen“ in einer Büttenrede, die bundesweit Schlagzeilen machte. Negerwitz inklusive.

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