Warum der heißeste Thüringer Basketball-Export der Neuzeit lieber nach Moskau als zur NBA will

Jena  Der Thüringer Basketballer Johannes Voigtmann erklärt im Interview, warum er den russischen Vorzeigeclub ZSKA den USA vorzieht.

Der gebürtige Eisenacher Johannes Voigtmann, hier noch im Trikot seines spanischen Klubs Baskonia, wechselt in der kommenden Saison zu ZSKA Moskau.

Der gebürtige Eisenacher Johannes Voigtmann, hier noch im Trikot seines spanischen Klubs Baskonia, wechselt in der kommenden Saison zu ZSKA Moskau.

Foto: imago/Lackovic

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Er ist der heißeste Thüringer Basketball-Export der Neuzeit und wird in der nächsten Saison für Euroleague-Champion ZSKA Moskau auflaufen. Der Ex-Jenaer Johannes Voigtmann hat trotz seines jungen Alters von erst 26 Jahren bereits eine beeindruckende Karriere hinter sich und darf mit Spannung auf die vor ihm liegende Zeit in Russland blicken. Während auf ihn und das Team der deutschen Nationalmannschaft Ende August die Basketball-WM 2019 in China wartet, war der gebürtige Eisenacher zuletzt an seiner alten Wirkungsstätte an der Saale, wo wir ihn trafen.

Im Umzugsstress zwischen Baskenland und Moskau. Wann fiel Ihre Entscheidung, zum besten Team Europas zu wechseln?

Die eigentliche Entscheidung ist schon etwas her und fiel vor der finalen Unterschrift. Das ist schon ein sehr großer Schritt, nicht nur, was den Basketball betrifft, sondern auch mit Blick auf den Alltag. Wir haben diese Option in unserer Familie vorab natürlich gemeinschaftlich besprochen und uns dann für diesen Schritt entschieden.

Es gab auch die Option, in die NBA zu wechseln. Washington und Brooklyn hatten Interesse. Warum Europa?

Ich habe mich gegen die NBA entschieden, weil meine Rolle nicht klar gewesen wäre. Ich hätte sicher auch Lust auf die NBA gehabt. In den Gesprächen mit den Verantwortlichen war großes Interesse vonseiten der Clubs vorhanden. Aber nur um am Ende sagen zu können – Ich spiele NBA! – hätte ein Wechsel keinen Sinn ergeben.

Im letzten Sommer errangen Sie mit Baskonia die spanische Vizemeisterschaft. Schaut man trotz solcher Erfolge mit einem Auge auf seine ehemaligen Clubs? Haben Sie Science City Jena verfolgt?

Natürlich verfolge ich meine Ex-Teams regelmäßig im Internet oder bei Übertragungen. Für Jena war der Abstieg natürlich schon ziemlich bitter. Andererseits birgt so eine Saison und die damit verbundene neue Ausgangssituation die Chance, in der Zukunft einen Schritt nach vorn zu machen. Ich denke, dass sich Science City aktuell auf einem guten Weg befindet.

Wie groß wird die Herausforderung in Moskau?

Die wird, passend zu unserem Sport, riesig sein. Wenn du keine Titel gewinnst, ist es ein verlorenes Jahr. ZSKA ist 17-mal hintereinander russischer Meister geworden. Noch beeindruckender klingt, dass Moskau in 16 der 17 letzten Jahre ins Euroleague Final Four einziehen konnte. Das ist ein unglaublicher Wert, der zeigt, dass in dem Club alles auf Siege und Titel ausgerichtet ist. Du musst mit dem Druck umgehen können, spielst an der Seite herausragender Basketballer und findest enorm professionelle Strukturen vor. ZSKA ist noch einmal eine Steigerung zu allem, was ich bislang erlebt habe, obwohl Baskonia schon zu den spanischen Topclubs zählt.

Die Stadt, die Sprache, die Gegebenheiten vor Ort werden sich von Spanien unterscheiden.

Ich kenne bislang eher wenig, in erster Linie durch Erzählungen. Meine Tante hat in Moskau studiert und natürlich habe ich mich vorab über ein paar Dinge informiert. Du hast sechs Monate Winter, mit Schnee und Kälte. Was mir da als Erstes durch den Kopf gegangen ist, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach weiße Weihnachten feiern werden können (lacht). Die Stadt ist riesig und du kannst viel unternehmen, wenn nicht gerade Schneesturm herrscht.

Hatten Sie Russisch in der Schule oder kennen zumindest „Dostoprimetschatelnosti“?

In der Schule hatte ich kein Russisch mehr, weiß aber von meiner Oma, was das Wort bedeutet: Sehenswürdigkeiten (lacht). Meine Tante spricht die Sprache dagegen fließend.

Wie ist es für Sie, nach Jena „heimzukommen“?

Ich bin sehr gern in Jena und versuche, so oft wie möglich herzukommen. Jetzt bin ich zum zweiten Mal in den letzten vier Wochen vor Ort. Insgesamt bleibt aber leider viel zu wenig Zeit für einen längeren Aufenthalt.

ZSKA Moskau hat eine lange Vergangenheit als Armee-Sportclub. Beschäftigt das einen als Sportler?

Das Siegel ‚ZSKA‘ ist mittlerweile eher Marke als Gesinnungsethik, so wie bei Dynamo Dresden auch. Natürlich beschäftigt man sich unabhängig davon mit der Vergangenheit des Clubs. Diese spielt letztendlich aber eine nur untergeordnete Rolle. Wenn das ein ausschlaggebender Grund sein sollte, würden auch andere Clubs durchs Raster fallen.

Wie ausschlaggebend war der Faktor Gehalt?

Ich sag es mal so: Es gab auch andere europäische Angebote, die finanziell nicht weit vom Moskauer Angebot entfernt lagen. Natürlich ist Geld immer ein wichtiges Argument, für mich aber nicht der einzige ausschlaggebende Faktor. In unserer Welt geht es primär um Unabhängigkeit und Sicherheit für die Familie. Gerade als großer Spieler kann dich eine Verletzung schnell aus der Bahn werfen und dann bleibt von dem sowieso schon sehr eng gesetzten Zeitraum, mit Profisport Geld zu verdienen, immer weniger Karriere übrig. Jeder, der ein finanziell gut dotiertes Angebot vorliegen hat, bezieht diesen Aspekt bei seinen Überlegungen mit ein.

Mit welcher Zielstellung starten Sie mit ZSKA in die nächste Saison?

Moskau kommt aus einer Saison, in der sie das Titel-Triple geholt haben. Die Erwartungen werden riesengroß sein. Die Euroleague im zweiten aufeinanderfolgenden Jahr zu gewinnen, wäre natürlich ein unglaublicher Erfolg.

Ende August steht die Basketball-Weltmeisterschaft in China an. Wie beurteilen Sie die Chancen für Deutschland?

Ich würde natürlich liebend gern mit einer Medaille um den Hals nach Hause fliegen, aber das wird sicher nicht ganz so einfach. Unser Team verfügt mit Blick auf die Qualitäten über einen individuell sehr starken Kader. Ob wir so weit kommen werden, um einen ähnlichen Erfolg wie bei der WM 2002 feiern zu können, wird man sehen. Das Team, das damals Bronze erringen konnte, hatte schließlich Dirk Nowitzki mit an Bord.

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