Begehrter Thüringer: Biathlontrainer Alexander Wolf

Steinbach-Hallenberg.  Nach Jörn Wollschläger ist der Steinbach-Hallenberger nun Cheftrainer der Schweizer Biathleten.

Wegen der gesperrten Sportanlagen ist für Alexander Wolf vorerst Home-Office in Steinbach-Hallenberg angesagt..

Wegen der gesperrten Sportanlagen ist für Alexander Wolf vorerst Home-Office in Steinbach-Hallenberg angesagt..

Foto: Marco Alles

Fertig. Alexander Wolf klappt den Rechner zu und reibt sich übers Gesicht: „Es wird Zeit, dass ich den Jungs endlich in die Augen schauen kann.“ Seit 1. Mai ist er offiziell verantwortlich für das Weltcup-Team der Schweizer Biathleten. Doch aufgrund der Corona-Krise gibt der frühere Weltklasse-Skijäger derzeit nur den Laptop-Trainer. Sein Arbeitsalltag wird dominiert von Chats, E-Mail-Austausch und Telefon-Konferenzen. Statt auf der schmucken Anlage in Andermatt bereitet er zu Hause am Schreibtisch in Steinbach-Hallenberg die kommende Saison seiner neun Schützlinge vor.

„Die aktuelle Situation erschwert natürlich den Start. Man muss sehr flexibel sein. Doch das macht die Herausforderung nur noch größer“, sagt Wolf. Zuletzt zeichnete er am Oberhofer Sportgymnasium verantwortlich für die 17- und 18-jährigen Talente, der entscheidenden Vorstufe zu den Profis. Dass der Hochleistungsbereich sein Ziel ist, daraus hat Wolf nie einen Hehl gemacht. Er nahm dafür bewusst den mühsamen Weg in Kauf, lernte den Trainerjob von der Pike auf: Beginnend in einer Grundschul-AG, als er den Zweitklässlern noch half, die Schnürsenkel zu binden, über das Studium an der Sporthochschule in Köln bis hin zur Führung des „Wolfpacks“, wie er seine Oberhofer Trainingsgruppe nannte.

Zeit für den nächsten Schritt

„Nach drei Jahren hatte ich das Gefühl, es ist Zeit für den nächsten Schritt“, sagt Wolf und berichtet von offenen Gesprächen mit Bernd Eisenbichler, dem Sportlichen Leiter Biathlon im Deutschen Ski-Verband (DSV). Weil es dort allenfalls im Nachwuchs eine Möglichkeit für ihn gab, lockte die Perspektive im Ausland. Zunächst war der 1,94-m-Mann mit dem markanten Vollbart als Co-Trainer seines langjährigen Weggefährten Jörn Wollschläger vorgesehen. Durch dessen Ausstieg nach neun Jahren bot man Wolf prompt die Chefrolle an, die er gern annahm. Seine neue Mannschaft bezeichnet er als „gute Mischung von Jungen und Erfahrenen“; eine Truppe, „die sich zuletzt etwas unter Wert geschlagen hat“.

Sein Ziel ist klar. Wolf will etwas bewegen, jeden Einzelnen verbessern; und er freute sich über zahlreiche Willkommensgrüße. Der Kontakt zur großen Biathlonszene ist seit seinem Karriereende im März 2013 nie ganz abgerissen. So beglückwünschte ihn sogar Siegfried Mazet, der französische Erfolgstrainer in Diensten der Norweger, per WhatsApp zum neuen Job. Sein Vertrag ist unbefristet, der Ehrgeiz groß: „Unser Anspruch ist es, dass wir uns den verlorenen, fünften Startplatz im Weltcup zurückholen“, sagt Wolf und setzt dabei vor allem auf Routinier Benjamin Weger: „Er gehört zur erweiterten Weltspitze. In seinem Schatten sollen sich die Jungen entwickeln.“

Drei Olympia-Teilnahmen

Wolf spricht aus Erfahrung. Einst konnte er sich selbst an Biathlon-Größen wie Frank Luck und Sven Fischer orientieren, schaffte es mit Beharrlichkeit zu drei Olympia-Teilnahmen (2002, 2006, 2010), zwei Bronzemedaillen bei der WM im schwedischen Östersund 2008 (Verfolgung, Staffel) sowie drei Weltcup-Siegen im Sprint und fünf mit der Staffel. Unvergessen bleibt auch der Auftritt im Gelben Trikot des Weltcup-Spitzenreiters beim Heimweltcup im Januar 2006 – ein sehr emotionaler Moment für ihn, den er mit Zehntausenden Fans in Oberhof teilte. Eine komplizierte Verletzung des Fußwurzelknochens sorgte schließlich für das Ende seiner aktiven Karriere – und den Start ins Trainer-Leben.

Sobald in der Schweiz die Sportstätten wieder geöffnet und Trainingseinheiten gestattet werden, will der 41-Jährige die 600-km-Tour nach Andermatt auf sich nehmen. Das persönliche Kennenlernen, der gemeinsame Austausch, das Miteinander sind ihm wichtig. Begleiten werden ihn Ehefrau Katja und das anderthalbjährige Söhnchen Brian; der Hauptwohnsitz der Familie bleibt zunächst Steinbach-Hallenberg. „Ein Umzug in die Schweiz ist nicht ausgeschlossen. Aber wir müssen erst sehen, wie sich die Dinge entwickeln“, sagt Wolf.

Bis 2022 ist er von der Bundespolizei noch beurlaubt. Dann wird sich entscheiden, welche Richtung sein Trainer-Weg nehmen wird. Jener Weg, der ihn jetzt aus dem Thüringer Wald in die Schweizer Alpen führt – und nicht nur geografisch einen Aufstieg bedeutet.