Das kleine Lauf-Abc (2): Laufen wie von selbst

Nils Schumann (41) gewann 2000 in Sydney olympisches Gold über 800 Meter. In unserer Serie gibt er Anfängern, Wiedereinsteigern und Ambitionierten Tipps fürs richtige Laufgefühl.

Nils Schumann

Nils Schumann

Meine Frau läuft, weil es ihr guttut und sie versteht, dass es wichtig ist. Es fällt ihr aber nie wirklich leicht, und sie muss sich jedes Mal aufraffen. Als Group-Fitness-Trainerin und Yoga-Lehrerin kommt sie eben aus einem ganz anderen Bereich des Sports und fragt mich immer wieder: „Was muss ich tun, dass es so leicht aussieht wie bei Dir und ich nicht ständig daran denken muss aufzuhören?“ Ich sage dann immer, dass sie nur Geduld haben muss und rezitiere frei aus meinem Buch „Lebenstempo“.

Beim Laufen ist man mit sich allein! Idealerweise trainiert man in der Natur, einer zurückhaltenden Umgebung, und verzichtet auf peitschende Musik im Ohr. Das Laufen ist sogar so stetig, dass man, wenn man es einmal richtig beherrscht, auch der Bewegung als solcher keine Beachtung mehr schenken muss. Alles, was dann noch Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die Belastung von Herz, Lunge, Muskeln und Sehnen, der Zuckerspiegel, der Durst und die Tagesform – also die körperliche Verfassung in all ihren Parametern und rhythmischem Zusammenspiel.

Das im Laufen zu erfahren, sensibilisiert uns auch im Alltag, auf die vielstimmigen Rhythmen des Körpers zu achten. Und je länger wir das tun, umso mehr geschieht es von ganz allein. Wir verstehen uns wieder intuitiv, „fahren“ uns also fast automatisch – auch wenn die Konsumgesellschaft sich noch so bemüht, uns in die Irre zu führen.

Auch meine Frau wird ihren Weg zum „Laufen wie von selbst“ finden – aber erst, wenn sie aufhört danach zu suchen.